Editorial

Imago Hominis (2001): 8(3): 189-190

Am Abend des 9. August, einem der hitzigsten Tage dieses Sommers auf der nördlichen Hemisphäre, hat der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, George W. Bush, in einer bemerkenswerten Fernsehrede eine Entscheidung zur Biopolitik bekannt gegeben, die  seit Wochen mit Spannung erwartet wurde: „Ich habe daher beschlossen, dass Fördermittel des Bundes für die Forschung an vorhandenen Stammzelllinien gewährt werden dürfen, da die Entscheidung über Leben und Tod hier bereits vollzogen ist (…). Auf diese Weise können wir die Möglichkeiten der Stammzellenforschung erkunden, ohne eine moralische Grenze zu überschreiten, wie wir es täten, wenn wir mit dem Geld des Steuerzahlers die Vernichtung menschlicher Embryonen förderten“. In der Rede hat er sehr geschickt eine Absage an jegliche Art von embryonenverbrauchender Forschung erteilt. Gleichzeitig wurde eine Kommission unter der Führung des angesehenen Biologen und Philosophen Leon Kass, Professor für medizinische Ethik an der Universität von Chicago, eingesetzt, damit die Entwicklung der Stammzellenforschung beobachtet und die Einhaltung der Entscheidung des Präsidenten kontrolliert wird. Der Name Kass bürgt dafür, dass eine Umgehung der Entscheidung nicht leicht gemacht wird. Er hat stets für den absoluten Schutz des menschlichen Lebens von der Befruchtung an bis zum natürlichen Tod argumentiert.

Mit seiner Entscheidung hat der Präsident der USA nicht nur lokale sondern im eigentlichen Sinn des Wortes globale Politik gemacht. Erstens, weil in den letzten Wochen in den Vereinigten Staaten, Europa und Australien heftig über diese Frage debattiert worden ist und sowohl Befürworter wie Gegner auf ein Zeichen aus dem Weißen Haus gehofft haben. Und zweitens, weil in den USA die Nutzung der embryonalen Stammzellen (ES) dadurch globalisiert wurde, dass nur bereits vorhandene Zelllinien für geförderte Forschungen zugelassen werden. In der Rede von Bush wird von weltweit über 60 verschiedenen vorhandenen Stammzelllinien gesprochen. Das NIH (National Institut of Health) hat bestätigt, dass es in den letzten Wochen internationale Erkundigungen darüber angestellt habe. Außerdem wird das NIH Institutionen, die bereits ES-Zellkulturen haben, weiteren Prüfungen unterziehen und gegebenenfalls in ein Register aufnehmen.  Nur solche ES-Zellen sollen gefördert werden. Damit setzt Bush in einem sehr heiklen Bereich Forschungsstandards fest, die weit über die Grenzen seines Landes hinaus gelten werden. Natürlich sind privat finanzierte Forschungsprojekte an diese Standards nicht gebunden. Aber es ist nicht schwer nachzuweisen, dass ohne öffentliche Mittel Grundlagenforschung nahezu unfinanzierbar ist. Außerdem werden die Ergebnisse aus Forschung mit Zellen aus nicht geprüften Zellkulturen international einen schweren Stand haben.

Im „Schwerpunkt“ unseres letzten Heftes wurde die ethische Problematik um die Stammzellenforschung und die  vor allem in Deutschland aber auch in Großbritannien geführte Diskussion dargelegt. Die Rede Bush hat natürlich die britische Debatte, die seit der gesetzlichen Zulassung der therapeutischen Klonung immer stärker geworden ist, angeheizt. Ob dies genügen wird, um bereits laufende Projekte zu bremsen, kann nicht angenommen werden.

Gespannt darf man aber auf die Wirkungen sein, welche die amerikanische Maßnahme auf Deutschland haben wird. Dort soll bis Jahresende die Entscheidung über eine mögliche Forschung mit ES getroffen werden. Da die amerikanische Regelung nunmehr die Forschung mit ES-Zellen erleichtert, die keine weiteren Embryonen verbraucht, ist zu erwarten, dass in Deutschland ein Weg gefunden wird, der sich an der amerikanischen Vorgangsweise orientiert. Vor allem wäre die ethisch unbedenkliche Forschung mit adulten Stammzellen zu fördern.

Es ist ein bemerkenswertes Zeichen, dass sich in den letzten drei Monaten zwei Staatspräsidenten der größten Staaten der Welt (am 19. Mai hat Bundespräsident Rau die Berliner Rede gehalten – vgl. IH 2001/2) zu ganz wichtigen und aktuellen Fragen der Bioethik zu Wort gemeldet haben. Eine derart moralisierende Argumentation, noch dazu in dieser Form, war bisher Religionsoberhäuptern vorbehalten. Beide Staatschefs haben gezeigt, dass letztlich Politik immer auf Ethik und Biopolitik auf Bioethik zurückgreifen muss.

Dieses Heft wird einem zweiten Teil der „Reparaturmedizin“ nämlich der Xenotransplantation und ihren ethischen Fragen gewidmet sein.

Die Knappheit der Organe, die für Transplantationszwecke zur Verfügung stehen, hat die Wissenschaft stark herausgefordert, Alternativen zu entwickeln. Neben der Herstellung künstlicher Organe (erst vor wenigen Wochen wurde über die erfolgreiche Implantation eines Kunstherzens  in den Medien berichtet) sucht man auch im Tierreich nach neuen Organquellen. Seit Jahren wird die Züchtung gentechnisch manipulierter Schweine in eigens dafür eingerichteten Zentren betrieben. Sämtliche Fortschritte in die gentechnische Grundlagenforschung waren dabei äußerst dienlich. Trotz regelmäßiger Ankündigungen, die erste Transplantation von Schwein auf den Menschen stehe knapp bevor, hat bislang keiner diesen Schritt gewagt. Die wissenschaftlichen Aspekte sind noch immer ungenügend geklärt, die Risiken unverantwortbar groß. Man darf gespannt sein, wann und wer den Schritt wagen wird. Die ethischen Aspekte der Xenotransplantation wurden vielerorts andiskutiert, ein breites mediales Echo haben sie nicht gefunden. Ein prinzipieller Einwand gegen die Xenotransplantation konnte nicht ins Treffen geführt werden. Erstaunlicherweise erfreut sich die Möglichkeit der Tierorganspende größerer Akzeptanz unter den herztransplantierten Personen, wie eine Umfrage am Wiener AKH ergeben hat. Die Ergebnisse dieser Umfrage, die durch ähnliche Umfragen in der BRD bestätigt wurden, sind in dieser Ausgabe nachzulesen: C. Lapka, N. Auner, B. Bunzel „Psychologische Aspekte der Xenotransplantation“.

Die wissenschaftliche Seite der Xenotransplantation wird von einem Experten und ausdrücklichen Verfechter zur Sprache gebracht: G. Brem „Zur Bereitstellung von Organen für die Xenotransplantation“. Die ethischen Überlegungen werden in einem eigenen Artikel „Ethische Überlegungen zur Ersatzteilmedizin“ abgehandelt.

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