Editorial

Vorwort

Als Herausgeber möchten wir uns an dieser Stelle besonders herzlich bei Univ.-Prof. Mag. pharm. DI Dr. Christian Roland Noe bedanken. Er hat federführend diesen und den kommenden Imago Hominis-Band mit dem Schwerpunktthema „Personalisierte Medizin“ konzipiert.

J. Bonelli

 

Um die Mitte des 20. Jahrhunderts wurden Struktur und Funktion der DNA entdeckt. Etwa 25 Jahre später löste die Methodik der DNA-Rekombination das Biotech-Zeitalter mit seinen gewaltigen Erwartungen revolutionärer Therapien aus. Als nach weiteren 25 Jahren einer von Molekularbiologie dominierten Forschung um die Jahrtausendwende das Humangenom entziffert war, schien der Mensch sozusagen auf den „molekularen Punkt gebracht“. Die folgende Zeit bis heute mag zu Recht als die große Epoche der Biomedizin bezeichnet werden.

Aus der Integration einer schier unglaublichen Fülle molekularbiologischer Forschungsergebnisse in die Welt des Phänotypus, also in das Wissen über physiologische Vorgänge, haben sich fundamentale neue Erkenntnisse über Krankheiten ergeben, deren Klassifizierung daher laufend revidiert und präzisiert wird. Man weiß heute, dass Gene und äußere Faktoren gleichermaßen, aber in unterschiedlichem Ausmaß die Ursache von Krankheiten sind. Molekularbiologische Methoden haben das diagnostische Repertoire ungemein erweitert. Vor allem aber sind wir heute in einer Art Erntezeit, in welcher gen- und zelltherapeutische Ansätze, welche lange utopisch und kaum durchführbar erschienen, nunmehr realistisch und umsetzbar sind. Da sich zugleich die Methodik der etablierten Pharmaforschung ungemein verfeinert hat, kann man heute Krankheiten viel präziser behandeln. Daraus hat sich der Begriff „precision medicine“ ergeben, der oft äquivalent zur populäreren Bezeichnung „personalisierte Medizin“ verwendet wird.

In gewissem Sinn ist diese Benennung „personalisierte Medizin“ allerdings provokativ. Es wird explizit das Personale angesprochen und dennoch beschränkt sich dieses in der ursprünglichen engen Definition auf Daten zur Person, welche die Voraussetzung zur Therapie mit zurechtgeschneiderten präzisen Medikamenten sind. Da sich jedoch personale Eigenschaften nicht nur auf molekularer, sondern auch auf physiologischer und psychologischer Ebene manifestieren, hat das zu berechtigter Kritik geführt. Man könnte nun wohl für die Abschaffung des Begriffs plädieren, es scheint jedoch wesentlich angemessener zu sein, die Gelegenheit zu nutzen, um den biologisch-reduktionistischen Ansatz der „personalisierten Medizin“ zu einem systemischen Konzept auszuweiten, welches die Persönlichkeit des Patienten miterfasst. Diese Sicht soll nun in einer Reihe von Artikeln in „Imago Hominis“ mit anklingen.

Alles Persönliche kann ohne Ethisches kaum interpretiert werden. Zur eher übergreifenden Forderung der Integration des tatsächlich Personalen in die personalisierte Medizin kommt eine Vielzahl von völlig neuen ethischen Fragen und Herausforderungen hinzu, welche die technischen Möglichkeiten der Präzisionsmedizin mit sich bringen. Chancen und Risiken neuer Therapien zu bewerten, Wünschenswertes und Verwerfliches voneinander zu trennen, ist eine große Anforderung an alle, besonders an Naturwissenschaftler, Ärzte und Ethiker. In zwei Bänden von „Imago Hominis“, deren erster nun vorliegt, soll nun der Versuch gemacht werden, vieles von dem, was als Teil der personalisierten Medizin verstanden wird, mit seinen inhärenten Möglichkeiten, Grenzen und Risiken vorzustellen und unter dem Blickwinkel unterschiedlicher wissenschaftlicher Disziplinen zu behandeln. Es soll zugleich für ein erweitertes Verständnis der personalisierten Medizin plädiert werden.
Schließlich soll die bereitgestellte Information auch helfen, in diesem dynamischen und komplexen Umfeld eine solide ethische Beurteilung neuer Entwicklungen vorzunehmen. Nicht alles, was gemacht werden kann, sollte gemacht werden. Aber alles, was getan werden kann, um Menschen unter Wahrung ihrer Würde zu helfen, verdient alle Bemühungen.
 






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