Editorial

Imago Hominis (2007); 14(4): 287-289

Plastische Chirurgie und die boomende „Schönheitschirurgie“ liegen in einem Spannungsfeld. Zum einen sind da die großartigen Errungenschaften und Fortschritte der Chirurgie im Dienste des Patienten, zum anderen gerät ein „Nebenzweig“, die sogenannte Schönheitschirurgie, zunehmend ins kritische Blickfeld. In Österreich unterziehen sich jedes Jahr rund 40.000 Menschen einer Schönheitsoperation. Der überwiegende Teil der Patienten sind Frauen. Nach aktuellen Umfragen ist ein Viertel der Österreicherinnen und Österreicher bereit, sich für ein schöneres Körperbild unters Messer zu legen. Damit wächst auch der soziale Druck auf junge Menschen, sich dem herrschenden und medial vermittelten Schönheitsbegriff anzupassen. Woher kommen bestimmte Schönheitsvorstellungen? Wer prägt die Vor-Bilder? Wie steht es um unser Körperverständnis? Welche chirurgischen Eingriffe sind ethisch vertretbar? Was wird gemacht? Wo liegen die Grenzen der „Schönheit um jeden Preis“?

Namhafte Expertinnen und Experten aus der Plastischen Chirurgie, Sozialmedizin, Psychiatrie, Theologie, Kulturwissenschaften u. a. haben sich an einem von IMABE in Kooperation mit der Universitätsklinik für Plastische und Wiederherstellungschirurgie der Medizinischen Universität Innsbruck und dem Management Center Innsbruck organisierten interdisziplinären Symposium am 11. und 12. Mai 2007 mit diesem brisanten Thema befasst. Die Referate, die in dieser Imago Hominis-Ausgabe nun auch schriftlich, teils erweitert vorliegen, beleuchten die ethischen Problemfelder der ästhetischen Chirurgie, ihre kulturelle Dimension und hinterfragen Facetten und Hintergründe ihrer Entwicklung.

Noch nie haben sich so viele gesunde Menschen freiwillig auf den Operationstisch gelegt. Wer hat den Trend, mit dem Messer nachzuhelfen, wenn man meint, von der Natur in seinem Äußeren benachteiligt zu sein, angestoßen? Die von den Medien propagierten Schönheitsideale sind auf das körperlich Äußere fixiert. Das Äußere scheint immer stärker die Identität der Individuen prägen zu können, während das Innere, die geistige Dimension des Menschen, ausgeblendet und damit in seiner charakterbestimmenden Bedeutung vernachlässigt wird. Daher die erste Frage: Wird nicht am Ende dieser Entwicklung der Vergegenständlichung und Materialisierung des Körpers dieser zur beliebig verfügbaren Konsumware im Dienste einer Scheinidentität degradiert? Werden nicht lauter seelenlose Leiber und Barbie-Puppen produziert, statt Schönheit des Menschen in einem ganzheitlichen Sinn zu verwirklichen? Dem Äußeren muss zweifelsohne eine große Bedeutung für die Selbstfindung zugebilligt werden, aber seine einseitige Überbetonung zerstört die Leib-Seelische-Ganzheit des Menschen und destabilisiert ihre Harmonie.

Die zweite Frage betrifft die Rolle der Medizin: Thomas von Aquin hat das Schöne schlicht, aber tief als das definiert, „was im Schauen gefällt“. (Pulchra sunt, quae visa placent). Eine Definition, die ihre Wurzel in der klassischen Ontologie hat: Das Schöne ist neben dem Guten, dem Wahren und dem Einen ein Attribut des Seins, das sich nur dem wachsamen, sensiblen, beschaulichen Geist erschließen kann. Bei dieser Beschauung und Vertiefung kommt den spielerischen Fähigkeiten des Menschen eine nicht ganz unbedeutende Rolle zu. Steht das Spiel mit dem schönen Körper, wie er von Schönheitsmedizin und medialen Schönheitsbildern vorgeführt wird, im Dienste jener Beschauung, die dem menschlichen Geist die Fülle des Seins erschließen lässt und daher Selbstfindung, Vertiefung und Erfüllung bedeutet?

Unser Dank gilt bei diesem bereits vierten interdisziplinären Symposium, das IMABE gemeinsam mit Innsbrucker Institutionen in der Tiroler Landeshauptstadt veranstaltete, ganz besonders Univ.-Prof. Dr. Hildegunde Piza, Vorstand der Universitätsklinik für Plastische und Wiederherstellungschirurgie der Medizinischen Universität Innsbruck. Sie hat uns mit ihrer Faszination für das Thema angesteckt und sich mit großer Hingabe bei den Vorbereitungen eingebracht. Ohne ihre Erfahrung und Kompetenz wäre dieses Symposium nicht möglich gewesen. Für die ausgezeichnete Zusammenarbeit danken wir auch dem Management Center Innsbruck, in dessen Räumlichkeiten das Symposium abgehalten wurde sowie Mag. Isabel Jeschke, die als Koordinatorin vor Ort zur Planung und zum geordneten Ablauf der Veranstaltung wesentlich beigetragen hat.

Kurz vor Redaktionsschluss erreichte uns die Nachricht des Ablebens von Univ.-Prof. Dr. Franz Seitelberger, der im 91. Lebensjahr stand. Der renommierte Neurologe war Dekan der Medizinischen Fakultät und Rektor der Universität Wien von 1975 bis 1977 und jahrzehntelang Vorstand des Neurologischen Instituts der Universität Wien. Seitelberger, der die Neurologische Forschung in Wien nachhaltig geprägt hat, unterstützte auch unser Institut und war viele Jahre Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats unserer Zeitschrift. In Imago Hominis publizierte er zum Konzept des Hirntods. Seitelbergers Wachheit für ethische Fragen, die er auf Basis seiner christlichen Grundeinstellung diskutierte, sind uns Ansporn und Wegbegleiter.

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