Editorial

Imago Hominis (2008); 15(4): 279-280
Susanne Kummer

Seit zwei Jahrzehnten besteht das Institut für Medizinische Anthropologie und Bioethik (IMABE) – eine Zeit, die für eine Institution relativ kurz ist, in der aber im Bereich der Bioethik vieles ins Rollen gekommen ist. Neue technische Errungenschaften und Methoden in der Medizin kamen auf den Markt, zugleich wuchs das Unbehagen, ob die moralische Stärke Schritt halten würde. Das spannungsreiche Feld der daraus entstandenen Bioethik war vor 20 Jahren noch ziemlich unbeackert. So gab es im Jahr 1988, als IMABE auf Initiative von Medizinern, Juristen und Geisteswissenschaftlern in Wien gegründet wurde, in Österreich noch keine Einrichtung dieses Formats: ein „Institut, das mit intellektueller Lebendigkeit und entsprechendem wissenschaftlichem Rüstzeug die brisanten Fragen im Bereich von Medizin und Ethik fachübergreifend bearbeitet.“ (C. Schönborn) Der interdisziplinäre Weg war und ist für die Arbeit von IMABE richtungweisend. Aus einer christlichen Werthaltung heraus setzen wir uns mit den „heißen Eisen“ der Bioethik auseinander: künstliche Befruchtung, Euthanasie, Stammzelltherapie und Klonen, Gentechnologie, ärztliche Tugend und auch (Eigen-)Verantwortung des Patienten, die Rolle der Pharmaindustrie, das Recht auf Gewissensvorbehalt, soziale Faktoren im Kontext von Gesundheit und Krankheit und vieles mehr.

Seit 15 Jahren wird dieser wissenschaftliche interdisziplinäre Diskurs in der Zeitschrift Imago Hominis festgehalten. Wir sind stolz darauf, Herausgeber der einzigen in Österreich erscheinenden medizin-ethischen Fachzeitschrift zu sein und damit zugleich eines von den insgesamt drei bioethischen Journals im deutschen Sprachraum zu editieren.

Das 20-Jahr-Jubliäum von IMABE ist für uns Anlass, um eine höchst aktuelle und weitreichende Entwicklung der Medizin in den Mittelpunkt zu rücken. „Medizin, Ideologie und Markt“ ist deshalb Thema des Festsymposiums, das am 21. November 2008 im Erzbischöflichen Palais in Wien unter dem Ehrenschutz von Christoph Kardinal Schönborn, des zweiten Nationalratspräsidenten, Michael Spindelegger, und des Präsidenten der Österreichischen Ärztekammer, Walter Dorner, stattfand.

Die Medizin befindet sich in einer Phase des Umbruchs. Patienten werden immer anspruchsvoller. Der Arzt versteht seine Rolle zunehmend als Dienstleister. Zugleich wird im Gesundheitswesen die Kostenschraube angesetzt. Diese Entwicklung wirft Fragen in medizinischer, ethischer, sozialer und ökonomischer Hinsicht auf: Welcher Gesundheitsbegriff herrscht heute vor? Wo liegen seine Grenzen? Muss sich die Medizin der Zukunft allein an Kundenwünschen und ökonomischen Selbstgesetzlichkeiten orientieren? Wie kann die Medizin ihre zentrale Identität als Institution der Hilfe und Menschlichkeit in diesem Spannungsfeld aufrechterhalten?

S. Sahm untersucht in seinem Beitrag die Handlungsmöglichkeiten der modernen Medizin, die Wünsche nach neuen Zielsetzungen wecken, die mit den Schlagworten Enhancement und wunscherfüllender Medizin bezeichnet werden. Diese grenzenlose Ausweitung medizinischer Handlungen weist Merkmale einer Ideologie auf, der nur in einer Selbstbeschränkung der Medizin zu begegnen ist, sagt Sahm. G. Maio behandelt die zunehmende Implementierung ökonomischer Denk- und Wertmuster in die Medizin, die von verschiedenen Vorannahmen ausgeht. Zu diesen zählen die Vorstellung des Patienten als Kunden, die Definierung der ärztlichen Hilfe als Ware und die Subsumierung der medizinischen Abläufe am Paradigma der Wettbewerbsfähigkeit. Es zeigt sich, dass die wachsende Ausrichtung der Medizin an ökonomischen Denkmustern die Gefahr in sich birgt, dass die Medizin sich allein am Kriterium der Profitabilität orientieren könnte und dabei ihre ureigene Identität als Institution der Hilfe überlagert wird. Ob die Medizin ihre Identität als professioneller, wissenschaftlich fundierter humanitärer Dienst beibehalten wird, hängt letztlich davon ab, ob es gelingt, mit Überzeugung dem seit Hippokrates tradierten ärztlichen Ethos zu folgen. Was die Gesellschaft deshalb braucht, sind nicht Ethik-Spezialisten, sondern moralisch handelnde Ärzte. Dieses Umdenken und Umlenken wird wesentlich von den Ärzten selbst ausgehen müssen. Dazu nehmen prominente ÄrztInnen (H. Piza, F. Harnoncourt, R. Lenzhofer) und Wirtschaftsökonomen (J. Kandlhofer, M. Heinisch) Stellung sowie der Wiener Medizinethiker M. Beck.

Da diese Ausgabe als Dokumentation des Symposiums konzipiert wurde, wird ausnahmsweise auf die üblichen Rubriken wie Zeitschriftenspiegel, Buchrezension und Nachrichten verzichtet. Wir bitten um Verständnis und wünschen gute Lektüre!

S. Kummer






Institut für Medizinische
Anthropologie und Bioethik
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