Editorial

Imago Hominis (2010); 17(4): 255-256
Susanne Kummer

Vor 50 Jahren wurde in den USA die „Pille“ als das erste oral einzunehmende hormonelle Empfängnisverhütungsmittel zugelassen. Sexualität und Mutterschaft lassen sich seitdem so deutlich trennen wie noch nie zuvor in der Geschichte der Menschheit. Das Pathos der einstigen Verfechter der Pille als dem Instrument zur Frauenbefreiung ist mittlerweile verhallt. Auch sie müssen inzwischen zugeben, dass die Revolution im Schlafzimmer nicht nur einen gravierenden demographischen Wandel ausgelöst („Pillen-Knick“), sondern auch die Beziehung der Geschlechter nachhaltig verändert und binnen 50 Jahren zu einer kulturellen Umwälzung des Sexualverhaltens und der Medizin geführt hat – mit augenscheinlich nicht nur positiven Folgen.

Dass die Pille auch die Medizin an sich verändert hat, liegt auf der Hand: Zum ersten Mal in der Geschichte wurden (großflächig) nicht Kranke behandelt, sondern Gesunde – mit einem hochpotenten Hormonpräparat. Damit schlug die Stunde der Lifestyle-Medizin, einer Medizin, die sich von ihrer ursprünglichen Aufgabe als Heilkunst für Kranken zu einer Wunschkiste für Gesunde zu entwickeln begann.

Alles in allem also Stoff genug, sich der Frage zu widmen, mit welchen Inhalten der seit der UNO-Weltbevölkerungskonferenz in Kairo 1994 etablierte Begriff des „Rechts auf sexuelle und reproduktive Gesundheit“ künftig zu füllen ist, wenn der Mensch zu einem „gesunden“ (um in dieser Diktion zu bleiben) Sexualverhalten gelangen will. Vermutlich wird so eine Analyse den inzwischen gängigen WHO-Interpretationen gegen den Strich gehen, wie der Mediziner H.-B. Wuermeling in seinem Diskussionsbeitrag zur Wortmanipulation in der Biopolitik analysiert.

Erst kürzlich hieß es angesichts einer Studie über den Libidoverlust bei Frauen nach Pilleneinnahme im Journal of Sexual Medicine: „Es ist schon eine Ironie, dass ausgerechnet die Frauen, die Medikamente nehmen, um aller reproduktiven Sorgen enthoben zu sein, nicht darüber informiert werden, welche negativen Folgen für ihre Sexualität daraus entstehen könnten.“ Aus medizinischer Sicht verwundert die Tatsache, mit welcher Selbstverständlichkeit Frauen und Mädchen die Verantwortung über ihre Fruchtbarkeit und damit einen Teil ihrer Persönlichkeit an ein Stück Pille delegieren. In einem auf die Nebenwirkungen der Pille fokussierten Artikel tragen die Mediziner W. Rella und J. Bonelli Daten und Fakten aus rezenten Studien zusammen – und legen gemeinsam mit S. Kummer eine zu diesem Thema wohl bislang einzigartige Übersicht im deutschen Sprachraum über die unerwünschten Neben- und Auswirkungen der Pille vor.

Seit Anfang der 1980er-Jahre besteht in der wissenschaftlichen und ärztlichen Welt wieder verstärktes Interesse an Methoden der Natürlichen Familienplanung (NFP). Begünstigt wurde diese Entwicklung dadurch, dass in der hoch technisierten und pharmakologisch dominierten Medizin selbst wie auch in der übrigen Gesellschaft ein neues Umweltbewusstsein und eine Skepsis gegenüber dem modernen Fortschrittsglauben erwachten. In diesem Rahmen erhielt auch die neu gegründete Arbeitsgruppe NFP in Deutschland vom Bundesministerium für Gesundheit den Auftrag, in einer groß angelegten Studie die Bedingungen für eine sichere und autonome NFP-Anwendung zu untersuchen. Die Ergebnisse dieser Studie präsentiert S. Baur, Gynäkologe und selbst Mitglied dieser Forschergruppe. Er zeichnet auch die historische Entwicklung der NFP-Methoden nach und zeigt auf, warum dank vertiefter wissenschaftlicher Erforschung der Pearl-Index der Symptothermalen Methode (Rötzer) inzwischen gleich niedrig ist wie jener von hormonellen Antikonzeptiva.

Während die WHO unter dem Titel der Reproduktiven Gesundheit ein allgemeines Recht auf Abtreibung für Frauen fordert, legt die auf Posttraumatische Belastungsstörungen spezialisierte Ärztin A. Pokropp-Hippen die Psychodynamik des Schwangerschaftskonfliktes dar und analysiert das die psychische Gesundheit gefährdende Potential der Abtreibung.

Sexualität ist mehr als Reproduktion. Sie ist dem Menschen als Tiefendimension eingeprägt, die ihm selbst zur Aufgabe wird. Die Philosophin H.-B. Gerl-Falkovitz geht der Frage der positiven Bedeutung des Mann- und Frauseins nach und zeigt, wovor die Konstruktion des geschlechtslosen Körpers eigentlich flieht.

Die Theologin K. Westerhorstmann analysiert die Voraussetzungen für einen leiblich und seelisch verantwortungsbewussten Umgang mit der eigenen Sexualität. Darin wird klar, dass sich die Frage der Empfängnisregelung letztlich nicht mit einer möglichst nebenwirkungsfreien Methode beantworten lässt. Um Sexualität positiv ins Leben zu integrieren, braucht es Tugend.

S. Kummer






Institut für Medizinische
Anthropologie und Bioethik
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