Fragwürdiger Nobelpreis

Imago Hominis (2010); 17(4): 257-259
Susanne Kummer

Am 10. Dezember wurde in Stockholm der Medizinnobelpreis 2010 feierlich an den britischen Mediziner Robert Edwards verliehen. Doch: Ist diese Auszeichnung für den „Vater von Millionen Kindern“, wie er mitunter in den Medien tituliert wurde, nicht besonders fragwürdig und ambivalent?1

Edwards, der heute als 85-Jähriger im Seniorenheim lebt, begann in den 1950er-Jahren an Methoden der extrakorporalen Befurchtung zu arbeiten. Nach zahlreichen Fehlstarts gelang ihm 1969 gemeinsam mit dem 1988 verstorbenen Gynäkologen Patrick Steptoe die erste Befruchtung einer Eizelle im Reagenzglas; am 25. Juli 1978 kam das erste „Retortenbaby“, Louise Joy Brown, per Kaiserschnitt zur Welt, Brown, die inzwischen selbst Mutter ist, wurde als medizinische Sensation gefeiert. Gratuliert wurde nicht den Eltern, sondern den Ärzten. Ihnen und Dutzenden Labormitarbeitern, nicht den Eltern, verdankte sie ihre Existenz. Schätzungen zufolge leben heute rund 4,2 Millionen Menschen, die durch künstliche Befruchtung entstanden sind. „Seine Erfolge haben eine Behandlung der Unfruchtbarkeit möglich gemacht“, begründete das Karolinska-Institut in Stockholm den mit einer Million Euro dotierten Preis an Edwards. Bei der künstlichen Befruchtung im Reagenzglas handle es sich „um einen Meilenstein in der Entwicklung der modernen Medizin“, ethische Fragen werden ignoriert, ja die Überwindung dieser Fragen vom Nobelpreiskomitee geradezu als Verdienst gefeiert.

Klar ist: Unfruchtbarkeit ist eine schwere Belastung für Paare mit Kinderwunsch. Dass sie über ein durch künstliche Befruchtung entstandenes Kind glücklich sind, ist leicht nachvollziehbar. Und dass jede Person, gleich auf welche Weise sie zustande gekommen ist, Achtung verdient und die selbe Würde wie alle andere Menschen besitzt, bedarf keiner zusätzlichen Erklärungen. Eltern und Retortenkinder werden sich deshalb logischerweise schwer tun, die IVF-Methode in Zweifel zu ziehen.

Dennoch: Was heißt Fortschritt? Ist jede technische Errungenschaft schon per se ein Fortschritt? Dürfen wir alles tun, nur weil wir es machen können?

Die katholische Kirche hat aus ihrer Ablehnung der In-vitro-Fertilisation nie ein Hehl gemacht. Durch diese Methode werde die Würde des Menschen ernsthaft verletzt. Zu dieser gehöre es, nicht auf technischem Wege „produziert“ zu werden, sondern aus der innigen personal-leiblichen Liebe seiner Eltern zu entstehen. Menschliche Fortpflanzung ist mehr als eine Technik der Reproduktion. Sie ist eine zutiefst intime, personale Begegnung von Mann und Frau, die in keiner Weise delegiert oder ersetzt werden kann. Das ist für das Kind von Bedeutung: Es ist nicht Produkt, Habe, sondern Geschenk, Gabe.

Die grundsätzlichen Warnungen vor den Auswüchsen der Fortpflanzungsmedizin sind inzwischen allesamt eingetreten – trotz hochmoralischster Beteuerungen der federführenden Wissenschaftler. Interessant ist, dass die Methode zu Beginn innerhalb der Scientific Community – und nicht nur von der katholischen Kirche – kritisiert wurde.
Dass die IVF-Methode ethisch nicht rechtfertigbar ist, hielten Edwards seinerzeit etwa der Nobelpreisträger James Watson und der jüdische Bioethiker Leon Kass vor. Kass argumentierte, das Verfahren von Edwards sei nicht therapeutisch – die Frauen würden auch nach der Behandlung steril bleiben, selbst wenn sie aufgrund der implantierten Embryonen ein Kind gebären würden. Und James Watson machte Edwards klar: „Sie können ihre Arbeit nur weiterführen, wenn Sie die Notwendigkeit von Infantiziden akzeptieren.“

Dass man bei den Techniken der Befruchtung im Reagenzglas die hohe – bewusst in Kauf genommene – Todesrate von Embryonen stillschweigend hinnimmt, bestätigt, so das jüngste kirchliche Dokument Dignitas Personae (2008), „dass der Ersatz des ehelichen Aktes durch eine technische Prozedur nicht nur unvereinbar ist mit der geschuldeten Achtung vor der Fortpflanzung, sondern auch dazu beiträgt, das Bewusstsein der gebührenden Achtung vor jedem Menschen zu schwächen.“2 Viel Erfolg kann die Technik auch nach fast 40 Jahren nicht versprechen: Von den als lebensfähig ausgewählten Embryonen wird nur einer von drei oder mehr überleben.

Die Kinder aus dem Reagenzglas sind nicht direkte Frucht der Liebe der Eltern, sondern höchstens indirekt. Sie sind direktes Ergebnis einer Technik und eines Produktionsprozesses. Die Verantwortung für das neue Leben geht von den Eltern zu den Produzenten – Ärzten und Laborspezialisten – über. Das große Wunder der Entstehung des Lebens bleibt dagegen unerklärbar. Vor diesem Wunder verbeugt sich nach wie vor jede menschliche Vernunft – selbst wenn Edwards nach eigenen Aussagen meint, die IVF habe bewiesen, dass Wissenschaftler und nicht Gott für die Entstehung von Leben verantwortlich seien.3

Was mit der In-vitro-Fertilisierung 1978 gelungen ist, ist allein die Entmystifizierung und gleichzeitig die Technifizierung der Entstehung des Lebens. Der vorgeburtliche Mensch muss den Mutterschoss gegen die Petrischale tauschen, wo er von Technikern geprüft und getestet wird, bis diese entscheiden, ob er die Chance bekommen soll, weiterzuleben.

„Die Kirche hält den Wunsch nach einem Kind für berechtigt, und sie versteht die Leiden der Ehepaare, die mit Problemen der Unfruchtbarkeit konfrontiert sind. Dieser Wunsch kann jedoch nicht höher stehen als die Würde jedes menschlichen Lebens – bis zu dem Punkt, die Herrschaft darüber zu übernehmen. Der Wunsch nach einem Kind kann nicht seine „Produktion“ rechtfertigen, so wie der Wunsch, ein schon empfangenes Kind nicht zu haben, nicht dessen Aufgabe oder Vernichtung rechtfertigen kann“4, betont Dignitas Personae.

Der Präsident der Päpstlichen Akademie des Lebens, Bischof Ignacio Carrasco de Paula, selbst Mediziner, attestiert zwar Edwards hohen Forschergeist, er habe aber „die falsche Tür geöffnet“. Es ist bedauerlich, dass das Nobelpreiskomitee in seiner Entscheidung die negativen Entwicklungen, die ohne die Vertechnisierung der Weitergabe des menschlichen Lebens undenkbar wären, übergangen hat und ethische Überlegungen, die 40 Jahre nach Einführung der Methode dringender denn je anzustellen wären, geradezu ausgeblendet hat. Dazu gehören u. a. die Herstellung und Lagerung von Millionen so genannter „übriggebliebener“ tief gefrorener Embryonen, das Problem der Leihmutterschaft und die damit verbundene Ausbeutung von Frauen, die Produktion von Kindern auf Bestellung, der – inzwischen auch via Internet – international organisierter Eizellenhandel, die Selektion von Embryonen sowie der Anspruch des Rechts auf ein gesundes Kind.

Mit der Stiftung der Nobelpreise wollte der schwedische Forscher und Großindustrielle Alfred Nobel (1833 – 1896) einen Konflikt lösen, der sein Leben bestimmte: Der Dynamit-Erfinder konnte nicht verwinden, dass seine Entdeckung für den Krieg genutzt wurde. Als „Wiedergutmachung“ vermachte er sein Vermögen einer Stiftung, aus deren Zinsen Preise für jene Entdeckungen finanziert werden sollten, die „der Menschheit den größten Nutzen geleistet haben“. Angesichts der IVF-Technik, die die absolute Herrschaft von Menschen über Menschenleben einschließt, also eine Neuauflage von Sklaverei im 21. Jahrhundert – hätte wohl ein anderer den Nobelpreis verdient.

Referenzen

  1. Gierth M., Den einen Segen, den anderen Fluch, Rheinischer Merkur vom 7. Oktober 2010
  2. Kongregation für die Glaubenslehre, Instruktion Dignitas Personae über einige Fragen der Bioethik, 8. September 2008, 16
  3. Interview mit Robert Edwards, London Times, 24. Juli 2003
  4. Dignitas Personae 16, siehe Ref. 2

Anschrift der Autorin:

Mag. Susanne Kummer, IMABE
Landstraßer Hauptstraße 4/13, A-1030 Wien
bonelli(at)imabe.orgskummer(at)imabe.org






Institut für Medizinische
Anthropologie und Bioethik
Unterstützt von: