Bioethik Aktuell

COVID-19: Debatte über den Nutzen von harten Lockdowns hält an

Langfristige Strategien in der Pandemie-Bekämpfung sollten "Faktor Mensch" umfassender berücksichtigen

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Flächendeckende Freiheitsbeschränkungen gelten derzeit als das Schlüsselinstrument, um die Auswirkungen der Covid-19-Pandemie einzudämmen. Doch sind mehrfache Lockdowns auch eine wirksame Strategie im Falle von langanhaltenden Pandemie? Darüber gehen die Meinungen der Experten auseinander. Wie groß ist der Nutzen solcher Maßnahmen – und rechtfertigen sie die hohen Kosten?

Dieser Frage geht der kanadische Wirtschaftswissenschaftler Douglas W. Allen (Simon Fraser University) nun in einer aktuellen Meta-Studie nach. Er wertete dabei die Daten von 80 wissenschaftlichen Studien aus. Sein Ergebnis: Die Kollateralschäden durch immer wieder verordnete Lockdowns seien deutlich höher als deren Nutzen (Covid Lockdown Cost/Benefits:A Critical Assessment of the Literature, April 2021) .

Allan zeigt anhand der Vergleichsdaten zwischen Ländern bzw. Regionen, die mehr auf Eigenverantwortung setzten und jenen mit wochenlangen Lockdowns ab Herbst 2020, dass es zu einem Paradox komme: Die Mortalität konnte trotz Lockdowns nicht signifikant eingebremst werden. Ein Kausalzusammenhang zwischen sinkender Mortalität und harten Lockdowns lässt sich demnach nicht nachweisen. „In den vergangenen sechs Monaten durchgeführte Untersuchungen haben gezeigt, dass Lockdowns bestenfalls einen geringfügigen Einfluss auf die Anzahl der Covid-19-Todesfälle hatten.“ Menschen würden nicht wie in Modellrechnungen agieren, was von Medizinern, Naturwissenschaftlern oder anderen Ökonomen übersehen werde, begründet Allen das Paradox. Über lange Zeiträume hinweg seien flächendeckende Freiheitsbeschränkungen ineffektiv, weil Menschen die drastischen Regeln nicht mehr befolgen, argumentiert der Wirtschaftswissenschaftler (vgl. auch Lockdown Fatigue: The Diminishing Effects of Quarantines on the Spread of COVID-19 Working Paper 391, 2/2021, Center for International Development at Harvard University). Umgekehrt würden viele ihr Verhalten während einer Pandemie freiwillig anpassen, auch wenn kein Lockdown verordnet worden sei.

Die Akzeptanz von Lockdowns hängt offenbar auch vom sozialen Status ab. Hier ist die Kluft gewachsen: Während ältere Menschen, Gutsituierte, Kinderlose und solche mit Haus und Garten Lockdowns eher befürworten, weil ihre Lebensqualität weniger darunter leidet, sind Menschen mit Kindern, geringerem Einkommen bzw. Arbeitsplatzverlust, wo Gewalt oder engerer Wohnraum eine Rolle spielen, nicht mehr bereit, einschneidende Lockdowns mitzutragen.

Zum anderen wurden laut Allen die Kosten der Lockdowns offenbar unterschätzt. Viele Forschungsarbeiten zu Covid-19 würden sich auf falsche Annahmen stützen, mit denen der Nutzen des Lockdowns überschätzt und die Kosten unterschätzt würden. „Infolgedessen kamen die meisten frühen Kosten-Nutzen-Studien zu Ergebnissen, die durch spätere Daten widerlegt worden sind“, stellt der Ökonom fest.

Auch der Public-Health Experte Martin Sprenger geht davon aus, dass sich datenbasiert nachweisen lasse, dass durch die Maßnahmen mehr gesunde Lebensjahre verloren gegangen seien als durch Covid-19 selbst. Natürlich sei es keine Option gewesen, keine Maßnahmen gegen das Virus zu treffen. Es gehe aber um ein smartes Risikomanagement und um die Verhältnismäßigkeit, betont Sprenger (ORF.at, online, 30.4.2021). Die soziale Dimension der Pandemie zu missachten habe laut Sprenger auch zur Folge, dass die Verhaltensprävention und die Risikokommunikation darunter leide. „Und dann bleibt der Erfolg der Eindämmungsstrategie, Schutzstrategie und Folgenminderungsstrategie immer unter den Möglichkeiten“, so der Gesundheitswissenschaftler. Erst jetzt tauche das Thema in Studien und in Medienberichten langsam auf. Dabei hätte man, so Sprenger, die Sozialwissenschaften schon von Anfang mit an Bord holen müssen, stattdessen habe sich ein „virologisch-medizinisch-mathematischer Imperativ“ festgesetzt.

Die ökonomischen und sozialen Folgen der COVID-19-Krise sind jedenfalls dramatisch: Wirtschaftseinbruch, Arbeitslosigkeit und neue Schulden in Rekordhöhe zählen dazu. Allein in der Europäischen Union (EU) sind bereits im Dezember 2020 fast zwei Millionen Menschen mehr arbeitslos gewesen als vor Ausbruch der Coronavirus-Pandemie.

Immer häufiger wird auch der Verlust von Lebensjahren aufgrund von medizinischer Unterversorgung – etwa im Bereich der Behandlung von Krebs und Kreislauferkrankungen als Folge der Lockdown-Maßnahmen thematisiert (vgl. Bioethik aktuell, 3.3.2021).

Die psychischen Belastungen in der Bevölkerung haben dramatisch zugenommen. Zu den Lockdown-Folgen zählen einer Metaanalyse in Globalization and Health (2021; DOI: 10.1186/s12992-021-00670-y) zufolge vor allem Angststörungen und Depressionen. Besonders stark leiden Kinder und Jugendliche, wie eine Schweizer Studie im International Journal of Environmental Research and Public Health (2021; DOI: 10.3390/ijerph18094668) zeigt. Die Zahl der Todesfälle durch Alkoholkonsum in England und Wales sind seit Beginn der Corona-Pandemie auf einem Rekordhoch. Die Zahl stieg im Jahresvergleich um 20 Prozent auf den höchsten Stand seit Beginn der Statistik im Jahr 2001 (vgl. Deutsches Ärzteblatt, 7.5.2021).

Für die Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot (Donau-Universität Krems) dürfe der Staat Bürger in einer Pandemie einschränken, um die Volksgesundheit nicht zu gefährden (vgl. Nordbayern.de, online 22.2.2021). Es sei die Aufgabe des Staates, „jedes Leben, das wir nach bestem Wissen und Gewissen retten können, zu retten". Auch wenn dies unpopulär sei, müsse aber zugleich daran erinnert werden, dass es „keine staatliche Aufgabe“ sei, „jedes einzelne Leben zu retten“. Der Staat muss seine Grenzen anerkennen. Er dürfe „nicht entscheiden, welches Leben schützenswert ist und welches nicht." Dies geschehe jedoch, wenn es zu einer „Triage auf einer anderen Ebene“ komme – etwa wenn Menschen notwendige Operationen nicht bekommen, Krebserkrankungen nicht rechtzeitig erkannt werden, oder wenn es auf Kosten von misshandelten Kindern geht oder Suiziden. Die Politikwissenschaftlerin warnt vor einer „Spaltung der Gesellschaft“, Corona dürfe nicht weiterhin als „Single-Issue-Politik“ betrieben werden.

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