Bioethik aktuell

„Informierte Einwilligung“: Nicht alle Patienten wollen bei ihrer Therapie gleich stark mitentscheiden

Kommunikation ist die Kunst, gemeinsam die Werte und Präferenzen der Patienten herauszuarbeiten

Lesezeit: 03:49 Minuten

Gesundheit ist allen wichtig – doch wie stark Patienten an medizinischen Entscheidungen beteiligt werden wollen, ist unterschiedlich. Während zwei Drittel mitbestimmen wollen, bevorzugt jeder fünfte Patient die Entscheidung den Ärzten zu überlassen. Das hat eine Studie des Universitätsspitals Basel (USB) ergeben. Besonders herausfordernd sind in der Praxis jene Patienten, die alles am liebsten selbst entscheiden wollen.

© AdobeStock_276831821_sebra

Für die im Journal of General Internal Medicine (2023: 28, 1180–1189 https://doi.org/10.1007/s11606-022-07775-z ) publizierte Studie zu Patientenzufriedenheit und Mitbestimmung werteten Sabine Hunziker, Leitende Ärztin für medizinische Kommunikation am Universitätsspital Basel, und ihr Team die Daten von etwa 800 Patienten aus, die zwischen 2017 und 2019 stationär an Schweizer Krankenhäusern behandelt wurden. Es gab keine Beschränkungen auf bestimmte Krankheiten, das Durchschnittsalter betrug 64,5 Jahre.

Zwei Drittel der Patienten wollten gemeinsam entscheiden

Das Ergebnis der Studie: Mehr als zwei Drittel der Patienten wollten gemeinsam mit dem medizinischen Team über die nächsten Schritte der Behandlung entscheiden („kollaborativ“). Etwa 15 Prozent der Befragten wollten ihre Entscheidungen vorwiegend alleine treffen („aktiv“). 22 Prozent der Patienten zeigten Zurückhaltung, sich an medizinischen Entscheidungen zu beteiligen und zogen es vor, dass ihre Ärztinnen und Ärzte über die medizinische Behandlung entscheiden („passiv“), berichtet die Schweizer Ärztezeitung (2023;103(06):12-14 DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2023.21418). Je stärker Patienten Entscheidungen selbst treffen wollten, desto unzufriedener waren sie mit dem Spitalsteam.

Wie sollen Ärzte mit diesen unterschiedlichen Präferenzen bei der Mitbestimmung umgehen?

Soll man Personen motivieren, sich einzubringen? Oder soll man den Wunsch einer Person respektieren, nicht selber zu entscheiden und ihr die Entscheidung abnehmen? „Aufgrund des heutigen Forschungsstandes lässt sich nicht klar bestimmen, welche Variante den besseren medizinischen Outcome ergibt“, sagt Hunziker. Aus rechtlicher Sicht ist klar: Eine Entscheidung muss von den Patientinnen und Patienten im Sinne des „Informed Consent“ zumindest abgesegnet werden. Dabei gilt es, in möglichst verständlicher Sprache die unterschiedlichen Optionen einer Behandlung und mögliche Konsequenzen aufzuzeigen.

Selbst entscheiden wollen tendenziell jüngere Personen mit höherer Bildung

Aktive Typen wollen selber entscheiden, sind weniger mit der Behandlung zufrieden und haben auch weniger Vertrauen in das Gesundheitsteam. Gemäß der Basler Studie sind dies tendenziell jüngere Personen mit hoher Bildung. Sie sind gleichzeitig skeptischer und unzufriedener mit dem medizinischen Team und der Behandlung. Hier sehen die Forscher das größte Potenzial für eine Verbesserung der Kommunikation. Die Unzufriedenheit und das Gefühl, schlecht aufgehoben zu sein, könnten sich negativ auf den Verlauf der Krankheit sowie den Behandlungserfolg auswirken. Die Gespräche müssen seitens der Ärzte so geführt werden, dass sich die Patienten ernst genommen und nicht überfahren fühlen.

Passiv zu sein, ist auch in Ordnung

Eine Herausforderung sind neben „aktiven“ auch die 22 Prozent Patienten, die eine „passive“ Haltung bevorzugen, und alles den Ärzten überlassen wollen. Die Analyse der Daten zeigte überraschenderweise, dass diese Haltung nicht unbedingt mit einem Mangel an medizinischem Wissen zu tun hat. Laut der Befragung war diese Gruppe genauso gut über ihre Krankheit informiert wie alle anderen. Vielmehr handelt es sich hier um ein Zeichen der Überforderung, das man ernstnehmen sollte, so die Forscher. „Es ist völlig in Ordnung, nicht selber entscheiden zu wollen“, so Hunziker (Schweizer Nationalfonds, 20.10.2022). In manchen Situationen könne es auch eine Erleichterung sein, die Verantwortung abzugeben oder zumindest keinen aktiven Teil übernehmen zu müssen. In der Praxis fallen bei diesen Patienten dann Sätze wie: „Ich weiß nicht, was ich tun soll. Was würden Sie mir raten?“ Laut Hunziker mache man es sich als Arzt oder Ärztin zu einfach, in einer solchen Situation zu antworten: „Ich kann nicht für Sie entscheiden“. Damit lasse man das Gegenüber mit seiner Überforderung alleine. Wichtig ist, – auch wenn diese Patientengruppe selbst oft weniger Fragen äußert – umfassend über die Möglichkeiten und Konsequenzen zu informieren und das Einverständnis für die Vorgangsweise einzuholen.

Mehrheit der Patienten sucht den Austausch mit dem Behandlungsteam

Mehr als zwei Drittel der Patienten möchte „kollaborativ“ mit dem Behandlungsteam über die nächsten Schritte entscheiden – sie lassen sich von den Fachleuten informieren, bringen aber auch ihre eigene Meinung mit ein. Die Kommunikation mit dieser großen Untergruppe funktioniert generell gut und ist vor allem dann wichtig, wenn zwei oder mehr gleichwertige Optionen bestehen. Hier sollten die Ärzte über die Wahlmöglichkeiten informieren, die jeweiligen Vor- und Nachteile darlegen und danach gemeinsam mit den Patientinnen und Patienten die individuellen Präferenzen evaluieren.

Im Umgang mit „Selbstentscheidern“ ist hohe Kommunikationskompetenz gefragt

Für die Gruppe der „Selbstentscheider“ halten es die Forscher für wichtig, die Werte und Präferenzen der Patienten schrittweise herauszuarbeiten und mit einer Entscheidung in Übereinstimmung zu bringen. Hilfreich sein können dabei Modelle wie das „Shared Decision Making“ sowie Entscheidungshilfen, wie sie für immer mehr medizinische Situationen entwickelt werden. „Vor allem aber ist in solchen Situationen Kommunikationskompetenz gefragt“, sagt Hunziker. Entsprechend hat die Universität Basel ein Kommunikationscurriculum für das Medizinstudium entwickelt und umgesetzt – bisher einzigartig in der Schweiz.

Institut für Medizinische
Anthropologie und Bioethik
Unterstützt von: