Bioethik Aktuell

Menschenrechte: Betroffene Kinder aus Leihmutterschafts-Verträgen klagen an

EU öffnet mit dem „Elternschaftszertifikat“ der umstrittenen Praxis weitere Tore

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Weder der Körper der Frau noch die Geburt eines Kindes können in Form von Produktion und Warenaustausch gehandelt werden, ohne dass dabei die Rechte des Einzelnen grob verletzt werden. Das betont Susanne Kummer, Direktorin des Wiener Bioethikinstituts IMABE. Erst kürzlich hat das katholische Kirchenoberhaupt vor 180 Diplomaten ein internationales Verbot von Leihmutterschaft gefordert.

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Mit klaren Worten habe sich Papst Franziskus auf die Seite von betroffenen Frauen und Kinder gestellt. Er unterstrich, „dass Leihmutterschaft sowohl in Hinblick auf die Kinder als auch auf die Frauen dem Konzept der Menschenrechte widerspricht“, so die Wiener Ethikerin gegenüber Vatican News (9.1.2024).

Das Kirchenoberhaupt hatte am 8. Jänner bei seiner Neujahrsansprache vor Diplomaten aus 180 Ländern die internationale Gemeinschaft zum Einsatz für ein weltweites Leihmutterschafts-Verbot aufgerufen. Sie verstoße gegen die Würde der Frau und die Würde des Kindes.

Betroffene Kinder aus Leihmutterschaft klagen an

Erst kürzlich hatten sich einige junge betroffene Erwachsene, die von Leihmüttern geboren wurden, direkt an den Papst gewandt, unter ihnen die Französin Olivia Maurel. Sie ist erklärte Atheistin und Feministin und setzt sich für ein Verbot der Leihmutterschaft ein. Die 32-jährige hatte in einem persönlichen Brief dem Papst ihre eigene Erfahrung geschildert, was es bedeutet, Produkt eines Geschäfts zu sein. Sie fühle sich als „Ware, die gekauft und verkauft wurde“. Die US-Mutter, die sie zur Welt brachte, händigte sie gegen einen Geldscheck den französischen Bestelleltern aus. Das habe tiefe psychische Wunden in ihr hinterlassen, wie sie in ihrem Brief, der IMABE vorliegt, schreibt. Maurel ist inzwischen selbst verheiratet und dreifache Mutter.

Kinder werden gegen Geld gehandelt

Das Beispiel illustriere, dass Leihmutterschaft nicht einfach mit einer Adoption vergleichbar ist, erklärt Bioethikerin Kummer. Es handle sich ja nicht „um eine schicksalshafte Trennung von der leiblichen Mutter oder von der genetischen Mutter“. Vielmehr beruhe das gesamte Konzept der Existenzwerdung von Anfang darauf, „dass man ein Kind gegen Geld handelt“.

Es gibt keine „ethisch saubere“ Leihmutterschaft. Kinder würden bei dieser Praxis kommerziell gehandelt und Frauen „seelisch und körperlich ausgebeutet, wenn sie sich in die sogenannte Fortpflanzungsindustrie begeben“. Untersuchungen zeigen, dass diese Frauen „sehr häufig aus armen Verhältnissen stammen, sich in Abhängigkeitsverhältnisse begeben und selbst dramatische Situationen erleben, wenn sie dieses Kind, das sie leiblich ausgetragen haben, hergeben müssen, weil das vertraglich so festgelegt ist“, so die IMABE-Direktorin.

Humanökologie: Auch der Mensch braucht eine „artgerechte Haltung“

Kummer bringt dabei den Begriff der „Humanökologie“ ins Spiel. Teilweise sei man beim Schutz der Tierrechte schon weiter als beim Menschen. In Kanada etwa sind Hundezüchter gesetzlich dazu verpflichtet, Welpen vor dem Verkauf mindestens drei Monate bei ihrer Hundemutter zu belassen, um sie „nicht zu traumatisieren“. Leihmütter hingegen müssten die neugeborenen Kinder binnen weniger Stunden an die Bestelleltern abgeben. „Ein von einer Leihmutter geborenes Kind wird schlechter behandelt als ein Welpe“, sagte die Bioethikerin. „Wir können die Natur und die Ökologie nur dann schützen, wenn wir auch die Humanökologie respektieren, wenn wir auch uns selbst sozusagen artgerecht schützen“, betont Kummer.

EU: Elternschaft wird von der leiblichen Abstammung losgekoppelt

Seit 2015 arbeitet die Haager Konferenz, eine multilaterale Organisation zur Vereinheitlichung von Regeln des internationalen Privatrechts, an einem internationalen Rechtsrahmen für Leihmutterschaft. Erst im vergangenen Dezember hat sich das Parlament der Europäischen Union für die EU-weite Anerkennung der Elternschaft ausgesprochen („Elternschaftszertifikat“), unabhängig von der Art der Familie des Kindes und davon, wie das Kind empfangen oder geboren wurde. Die Bioethik-Expertin kritisiert diesen Schritt: Damit würde man letztlich dem Kinderhandel Tür und Tor öffnen.

In Österreich herrscht Einigkeit unter allen österreichischen Parlamentsparteien: Leihmutterschaft ist in keiner Form erwünscht. 

Institut für Medizinische
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