Ende Juni 2026 verurteilte ein Gericht in Tiflis die Gründer der Reproduktionsagentur „Kinderly Georgia“ zu jeweils zehn Jahren Haft. Sie hatten über Jahre hinweg Gelder aus Leihmutterschaftsprogrammen in der Gesamthöhe von 780.500 US-Dollar veruntreut und mehr als 30 Frauen – viele davon aus Zentralasien – um ihre Bezahlung gebracht. Obwohl mehrere Betroffene offiziell als Opfer von Menschenhandel anerkannt wurden, erfolgte die Verurteilung nicht wegen Menschenhandels, sondern wegen Veruntreuung. Frauenrechtsorganisationen kritisieren diese rechtliche Einordnung als unzureichend. (Civil Georgia, 30.6.2026).
Bereits Anfang 2025 erschütterte der Fall von 100 thailändischen Frauen die Öffentlichkeit, die in Tiflis als Sklavinnen gehalten wurden. Sie wurden Opfer eines Menschenhandelsrings und mussten sich unter Zwang wiederholt Eizellen entnehmen lassen. (Bioethik aktuell, 12.02.2025)
Ein System von emotionaler Kontrolle, Überwachung und Freiheitsentzug
Die Fälle werfen ein Schlaglicht auf ein System, das weit über individuelles Fehlverhalten hinausgeht. Eine aktuelle Studie der Universität Oxford, publiziert im Centre on Migration, Policy and Society (COMPAS, 2026), zeigt, dass Ausbeutung, Kontrolle und strukturelle Abhängigkeit zentrale Merkmale der kommerziellen Leihmutterschaft in Georgien sind. Die Sozial- und Kulturanthropologin Polina Vlasenko reiste für ihre Recherchen nach Georgien und Kasachstan, um vor Ort Interviews mit Leihmüttern, Agenturen, Vermittlern und Klinikmitarbeitern zu führen. Ihre Forschung enthüllt Systeme von emotionaler Kontrolle, gezielter Isolation, Überwachung und massiven Freiheitseinschränkungen von zentralasiatischen Leihmüttern.
Agenturen rekrutieren Leihmütter über Tik Tok und Instagram
Nach Beginn des Ukrainekriegs etablierte sich Georgien als attraktiver Standort für internationale Agenturen, etwa aus China und Indien aufgrund der niedrigen Kosten und der liberalen Gesetzgebung. 98 Prozent der Kinder, die von Leihmüttern in Georgien ausgetragen werden, sind für Ausländer. Aufgrund steigender Nachfrage begannen die Agenturen Leihmütter aus Kasachstan, Usbekistan, Kirgisistan und Tadschikistan auch über Plattformen wie TikTok und Instagram zu rekrutieren.
Finanzielle Not verstärkt Abhängigkeit
Die Interviews ergaben, dass eine finanziell prekäre Lage für die Frauen der ausschlaggebende Grund für den Einstieg war. Viele der Leihmütter sind alleinerziehend oder geschieden und tragen die Hauptverantwortung für die Versorgung ihrer Familien. In Georgien ist die Bezahlung für Leihmütter signifikant höher: Während eine Frau in Kasachstan etwa 10.000 US-Dollar erhält, liegt die Entschädigung in Georgien bei rund 18.000 bis 20.000 US-Dollar.
Für die Frauen aus Zentralasien stellt die Summe in Georgien oft den Gegenwert eines mehrjährigen Durchschnittsgehalts in ihrer Heimat dar. Viele sind auf das Geld angewiesen, um ihre Familien in Heimatländern zu unterstützen. Eine Leihmutter berichtet: „Jeder kommt hier her, weil er ein Problem hat. Niemand kommt nur zum Spaß.“ Durch diese finanzielle Abhängigkeit entstehen asymmetrische Machtverhältnisse zwischen den Leihmüttern und Agenturen, die ihre Lebensbedingungen bestimmen.
Frauen müssen isoliert leben und werden unter Druck gesetzt
Das Leben der Leihmütter wird von den Agenturen bestimmt. Als Migrantinnen sprechen sie kein Georgisch und haben keinerlei finanzielle Mittel, stellte Vlasenko fest. Die Agenturen bestimmen die Vertragsbedingungen, ihre Gehälter, ihre Lebensumstände, tägliche Routinen, und soziale Interaktionen. Die Frauen werden gezielt in Wohnungsanlagen außerhalb von Städten untergebracht, was die Isolation verstärkt.
Auch die Bewegungsfreiheit der Frauen wird offiziell eingeschränkt: Sie müssen vor, während und nach der Schwangerschaft in Georgien bleiben. Möchten sie trotzdem für kurze Zeit nach Hause aufgrund familiärer Notfälle oder um Zeit mit ihren Kindern zu verbringen, wird ihnen mit finanziellen Einbußen und Vertragsstrafen gedroht. Viele berichten von Ängsten und Sehnsüchten. Eine Leihmutter beschreibt ihre Situation: „Ich habe jeden Tag geweint und meine Kinder vermisst.“
Ein System der gegenseitigen Kontrolle zwischen Leihmüttern
Aus der Studie geht hervor, dass nicht nur Kliniken und Agenturen die Leihmütter in Georgien kontrollieren. Die Frauen werden dazu angehalten, sich gegenseitig zu überwachen. Leihmütter können finanzielle Boni (bis zu 1.000 US-Dollar) erhalten, wenn sie Verstöße ihrer Mitbewohnerinnen (z. B. Rauchen oder Alkoholkonsum) melden. Dies untergräbt die Solidarität und schafft eine Atmosphäre des Misstrauens. Frauen, die sich nicht an Verhaltensregeln halten, werden mit bis zu 1.000 US-Dollar bestraft.
Die gemeinsame Unterkunft wird so zugleich Ort der Bindung und der Überwachung: Enge Wohnverhältnisse schaffen Solidarität, verstärken aber auch Spannungen, Machtgefälle und kulturelle Stereotype. Ärzte bevorzugen oft ausländische Leihmütter (z. B. aus Kasachstan), weil sie als „folgsamer und zuverlässiger“ gelten als lokale georgische Frauen, denen unterstellt wird, sie würden die Medikamente nicht ordnungsgemäß einnehmen oder Programme manipulieren.
Rechtliches Ungleichgewicht: Das System steht auf Seiten der Bestelleltern
Die Analyse zeigt zudem, dass die Verträge vor allem die Interessen der Wunsch- bzw. Bestelleltern absichern. Die Leihmütter tragen dagegen die körperlichen und finanziellen Risiken. Sie müssen strenge Verhaltensvorschriften einhalten, auf Lohnarbeit verzichten und medizinische Anweisungen befolgen. Im Gegenzug erhalten sie jedoch nur begrenzten Schutz bei Komplikationen und haben wenig Einfluss auf Entscheidungen über ihren Körper – etwa die Frage, wie viele Embryonen transferiert werden oder ob eine Abtreibung durchgeführt wird.
Eine einzige Ärztin betreut fast 200 Leihmütter und führt bis zu fünf Embryotransfers pro Tag durch – zugleich weiten Kliniken die medizinischen Auswahlkriterien aus (z. B. auf Frauen über 38 oder mit mehreren Kaiserschnitten), um mehr Leihmütter zu rekrutieren. Gesundheitliche Voraussetzungen und Sicherheitsmaßnahmen werden damit dem Marktbedarf untergeordnet.
Ein Netzwerk von Agenten und Vermittlern als Grundstein des Systems
Die Oxforder Wissenschaftlerin schlussfolgert, dass die Branche nicht nur durch Verträge funktioniert, sondern durch ein Netzwerk von Agenten und Vermittlern, die ständig diese emotionalen Belastungen der Leihmütter „managen“. Dies sei eine zentrale Voraussetzung, damit das System funktioniert. Die Vermittler waren zum Teil selbst Leihmütter und sollen Frauen davon überzeugen, dass sich der Einstieg lohnt. Sie erhalten für jede „angeheuerte“ neue Leihmutter Provisionen bis 2.000 USD.
Internationale Erklärung fordert Abschaffung der Leihmutterschaft weltweit
Auch politisch nimmt der Widerstand gegen Leihmutterschaft zu. Am 22. Juni 2026 forderte eine Gruppe von Staaten am Rande der 62. Sitzung des UN-Menschenrechtsrats in Genf erstmals ein internationales Moratorium für Leihmutterschaft. Die von Italien und Chile initiierte politische Erklärung, bezeichnet Leihmutterschaft als Praxis schwerwiegender Menschenrechtsverletzungen gegen Frauen und Kinder. Die Unterzeichner verweisen unter anderem auf Identitätskonflikte, Staatenlosigkeit, gesundheitliche Risiken, sowie auf die Kommerzialisierung von Frauen und Kindern. (Genethique, 23.6.2026)
Langfristiges Ziel der Initiative ist ein völkerrechtlich verbindliches Abkommen zur weltweiten Abschaffung der Leihmutterschaft. Anwesend war auch Reem Alsalem - UN-Sonderberichterstatterin für Gewalt gegen Frauen und Mädchen - die 2025 einen umfassenden Bericht über die Menschenrechtsverletzungen im System der Leihmutterschaft verfasste. (Bioethik aktuell, 09.11.2025)
Überparteiliche Initiative in Frankreich: „Ethische Leihmutterschaft gibt es nicht“
Auch in Frankreich wächst der politische Widerstand. Im Juni 2026 schlossen sich auf Initiative der französischen Ministerin für Gleichstellung und Frauenrechte, Aurore Bergé, Abgeordnete und Senatoren verschiedener politischer Lager zusammen. „Frauenkörper dürfen nicht zur Befriedigung fremder Wünsche zur Verfügung gestellt werden.“, heißt es in dem offenen Brief, der eine Reaktion auf Präsidentschaftskandidaten Gabriel Attal Plan zur Legalisierung der Leihmutterschaft in Frankreich ist. (Quest France, 28.05.2026)
Auch Österreich will sich für ein internationales Verbot einsetzen
Die Slowakei verankerte 2025 ein Verbot der Leihmutterschaft in der Verfassung, Italien untersagt seit 2024 auch die Inanspruchnahme im Ausland, und in Chile wurde 2025 ein Gesetzesentwurf zu ihrer Abschaffung eingebracht. Auch in Österreich bekennen sich die Regierungsparteien klar zu einem Verbot der Leihmutterschaft und wollen dieses auf europäischer und internationaler Ebene vorantreiben.
Mit einem Urteil Anfang 2026 hat der Österreichische Verwaltungsgerichtshof diese Linie bekräftigt (Ro 2025/13/0034 vom 29. Jänner 2026): Ein homosexuelles Paar, das mehr als 100.000 Euro für eine Leihmutterschaft in den USA aufgewendet hatte, wollte die Kosten als außergewöhnliche Belastung steuerlich absetzen. Der Verwaltungsgerichtshof wies die Beschwerde ab und stellte fest, dass für „eine nach nationalem Recht verbotene Behandlung“ keine steuerliche Begünstigung gewährt werden kann. Damit bestätigte das Höchstgericht, dass das in Österreich geltende Verbot der Leihmutterschaft auch gegenüber im Ausland in Anspruch genommenen Angeboten konsequent durchgesetzt wird.