Der frühere deutsche Gesundheitsminister und bisherige CDU/CSU-Fraktionschef Jens Spahn musste wegen des Vorwurfs der Doppelmoral das Feld räumen. Er machte Gesetze, die für ihn selbst offenbar nicht gelten sollten. Spahn und sein Partner haben in den USA ein Kind über eine Leihmutter bekommen, obwohl Leihmutterschaft in Deutschland verboten ist und seine eigene Partei erst im Februar am Verbot festgehalten hatte. Der Fall wirft ein Schlaglicht auf ein internationales Geschäft, das keine Grenzen kennt.
Die Französin Olivia Maurel, kürzlich zu Gast in Wien, wurde selbst durch Leihmutterschaft geboren. „Leihmutterschaft ist der Verkauf eines Kindes", sagt die 34-Jährige. „An mir klebt ein Preisschild." Die Feministin kämpft heute für ein weltweites Verbot. Aus gutem Grund.
Ein globales Geschäft ohne Grenzen
In der Ukraine wurden jahrelang jährlich etwa 2.000 bis 2.500 Kinder von Frauen in prekären Lagen ausgetragen, rund 90 Prozent für ausländische Paare. Kinder mit Behinderung wurden nicht abgeholt – sie waren so nicht bestellt. Mittlerweile sind viele von ihnen Jugendliche und leben in Heimen, weil niemand sonst für sie zuständig ist.
Georgien ist inzwischen ein neuer Hotspot. Dort werden Frauen über TikTok rekrutiert, laut einer neuen Oxford-Studie systematisch kontrolliert und in finanzielle Abhängigkeit gebracht (Bioethik aktuell, 1.7.2026). Der Markt sucht sich immer neue Orte, an denen Frauen billig und rechtlich schwach abgesichert verfügbar sind. Die Agenturen verdienen.
Auf Kreta wurde 2023 eine große Wunschbaby-Klinik wegen Menschenhandels geschlossen. Hunderte junge Frauen aus Osteuropa hatte man mit falschen Versprechungen angeworben und festgehalten. Der Preis für die aus dem Ausland bestellten Babys lag bei bis zu 120.000 Euro. Die Leihmütter sehen davon einen Bruchteil, die Agenturen machen das große Geschäft.
Indien hatte Leihmutterschaft für Ausländer schließlich verboten. Bis 2016 wurden dort jährlich rund 25.000 Kinder von Leihmüttern geboren, 80 Prozent davon an Ausländer verkauft. Der geschätzte Umsatz lag bei rund zwei Milliarden US-Dollar. Das ist Menschenhandel.
Und genau diese Perspektive fehlt in der Debatte um den Fall Spahn, seinen Kinderwunsch und die Umgehung des deutschen Leihmutterschaftsverbots. Oder sie wird beschönigt: Die USA seien ja nicht die Ukraine, dort sei es legal und sauber. Die Frage ist: Kann man den entwürdigenden Handel mit Frauen, die auf Gebärmaschinen reduziert und Kindern, die gekauft werden, ethisch sauber machen?
Die Legende vom „sauberen“ Vertrag
Spahn betont, sein US-Vertrag sei fair und teuer gewesen, kolportiert werden über 100.000 Dollar. Das soll beruhigen. Doch ein Vertrag macht aus Leihmutterschaft keine saubere Sache – so wenig, wie eine Rechnung einen Sklavenmarkt geadelt hätte. Die ethischen Probleme der Leihmutterschaft – Kommerzialisierung des Körpers der Frau und des Kindes, Ausbeutungsgefahr, Machtungleichgewichte, Kind gegen Geld, Einschränkung der Bewegungsfreiheit, psychische Schäden und gesundheitliche Risiken– bleiben bestehen.
Auch US-Verträge regeln vor allem die Kontrolle der Auftraggeber über die Frau: was sie isst, wo sie sich aufhält, welche Ärzte sie konsultieren darf. Aussteigen kann sie nicht, ohne die Kosten selbst zu tragen. Bevorzugt unter Vertrag genommen werden Frauen, die bereits eigene Kinder haben. Verwendet werden aber Eizellen von Fremden, damit die emotionale Bindung an das Kind verringert wird. Das Gesundheitsrisiko steigt mit der fremden Eizelle aber für die „Mietgebärmutter“ und das Kind erheblich.
Bestelleltern können per Vertrag einfordern, dass „überzählige“ Kinder abgetrieben werden; in Kanada klagen Bestelleltern derzeit gegen eine Leihmutter, die sich dem verweigert hat. Ihr Honorar erhält die Leihmutter ohnehin erst, wenn sie ein gesundes Kind „liefert" – für Schwangerschaft, Fehlgeburten, Gesundheitsrisiken und Trennungsschmerz selbst gibt es keine Abgeltung. Die zentrale Frage bleibt: Was bedeutet es für ein Kind, von Anfang an Teil eines Geschäftsmodells zu sein? Und was bedeutet es für eine Frau, Teil einer Rent-a-Womb-Industrie zu werden?
Ausgebeutete Frauen
Die Rede von der „Leihmutter“ ist beschönigend, egal ob sie aus Georgien, Griechenland oder den USA stammt. Frauen werden auf ihre Gebärfunktion reduziert. Ihre Körper werden für die Wünsche anderer verfügbar gemacht. Warum wählen die Frauen diesen Weg? Es sind finanzielle und soziale Notlagen. Solchen gesundheitlichen Risiken und emotionalen Belastungen setzt sich niemand aus, außer unter Druck. Eine Leihmutter aus der neuen Oxford-Studie berichtet: „Jeder kommt hier her, weil er ein Problem hat. Niemand kommt nur zum Spaß.“ Durch diese finanzielle Abhängigkeit entstehen asymmetrische Machtverhältnisse zwischen den Leihmüttern und Agenturen, die ihre Lebensbedingungen bestimmen. Ihre Bewegungsfreiheit und Lebensführung werden eingeschränkt, die Bindung zum Kind soll möglichst gering bleiben. Geht etwas schief, kümmert sich niemand um sie.
Artgerechte Haltung - auch für Menschen?
Beim Tierschutz ist Kanada schon fortschrittlicher als beim Menschen. Dort müssen Hundezüchter Welpen drei Monate bei der Hundemutter belassen, um sie nicht zu traumatisieren. Ein von einer Leihmutter geborenes Kind muss binnen Stunden von seiner Geburtsmutter getrennt werden. Postpartale Depressionen treten bei Leihmüttern häufiger auf, zeigen Studien. Auch das ist kein Zufall.
Die Mutter wird ausgelöscht
Das ist auch der Grund, warum bei der Leihmutterschaft die austragende Frau bewusst aus der Biografie des Kindes gelöscht werden soll. Alles, was daran erinnert, dass sie die Mutter ist, wird unsichtbar gemacht: fremde Eizellen, damit keine genetische Bindung entsteht, anonyme Verträge, in manchen US-Bundesstaaten Geburtsurkunden, auf denen gar keine Mutter mehr aufscheint, sondern zwei „Väter“. Das Kind hat, staatlich beglaubigt, nie eine Mutter gehabt.
Ein Recht, das man den Kindern nimmt
Die UN-Kinderrechtskonvention schützt das Recht des Kindes, seine Herkunft zu kennen, und sieht vor, dass Kinder nach Möglichkeit bei den leiblichen Eltern aufwachsen. Leihmutterschaft setzt beides bewusst außer Kraft. Es gibt kein transparentes System, das diesen Kindern später zuverlässig Zugang zu ihrer biologischen Herkunft verschafft. Der Kinderwunsch der Auftraggeber darf aber nicht über das Recht des Kindes auf Kenntnis seiner Herkunft gestellt werden.
Es gibt keine ethisch saubere Leihmutterschaft
Erst kürzlich verurteilte die UN-Sonderberichterstatterin für Gewalt gegen Frauen die globale Praxis der Leihmutterschaft als Ausbeutung von Frauen und Handel mit Kindern und forderte ein weltweites, rechtsverbindliches Verbot – unterstützt von 215 NGOs aus 40 Ländern (Bioethik aktuell, 9.10.2025). Auch die EU hat die Ausbeutung durch Leihmutterschaft bereits in ihre Richtlinie gegen Menschenhandel aufgenommen, neben Sklaverei und Zwangsheirat.
Die Slowakei hat das Verbot 2025 in ihre Verfassung geschrieben, Italien untersagt seinen Bürgern seit 2024 Leihmutterschaft auch im Ausland, Chile bereitet ein Verbotsgesetz vor. Auch die österreichische Regierung hat sich für ein explizites Verbot sowie ein internationales Vorgehen ausgesprochen. Konkrete Schritte fehlen bislang – der Fall Spahn zeigt, wie dringend sie sind.
Ein hoher Preis und ein sorgfältig formulierter Vertrag verwandeln kein strukturelles Unrecht in ein legitimes Geschäft. Wer 100.000 Dollar zahlt, kauft sich keine Ethik. Es gibt keine ethisch saubere Leihmutterschaft. Solange nationale Verbote nicht international abgesichert sind, bleibt sie ein Geschäftsmodell, das sich an der Not von Frauen und auf Kosten der Rechte von Kindern bereichert. Frauen sind keine Gebärmaschinen, Kinder keine Handelsware – unabhängig davon, wer sie sich wünscht und was er dafür zu zahlen bereit ist.