Bioethik Aktuell

Studie zu Schwangerschaftskonflikt: Zahlreiche Frauen geben 'Druck durch Dritte' an

Für Frauen, die zur Abtreibung gedrängt werden, ist Autonomie eine Fiktion

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Frauen, die in einem Schwangerschaftskonflikt stehen, werden häufig durch Dritte aus ihrem Umfeld unter Druck gesetzt. Der wichtigste Hauptgrund für den Schwangerschaftskonflikt ist die Ablehnung der Schwangerschaft durch den Kindesvater.  Mitunter kann es bis zur Nötigung zu einem Schwangerschaftsabbruch kommen. Das ist das Ergebnis einer aktuellen im Fachjournal Geburtshilfe und Frauenheilkunde publizierten Studie (online 7. Juli 2022; 82(07): 689-692 DOI: 10.1055/a-1751-3550). Angesichts des hohen Anteils von äußeren Zwänge, die Frauen zu einem Schwangerschaftsabbruch drängen, plädieren die Medizinethiker der Universität Heidelberg dafür, Ursachen und Motive von konflikthaft erlebten Schwangerschaften umfassend zu erheben, um damit betroffene Frauen besser unterstützen zu können.

Die Datenlage zu den Gründen des Schwangerschaftskonflikts ist sehr dünn – und das, obwohl in Deutschland jährlich rund 100.000 Schwangerschaftsabbrüche gemeldet werden. Zwar ist im Nachbarland eine Beratung vor einer Abtreibung verpflichtend, Ursachen oder subjektive Gründe für den Schwangerschaftskonflikt müssen aber keine angegeben werden und sind nicht erfasst.

Daher entschied sich das Forscherteam um Axel W. Bauer (Institut für Ethik, Geschichte und Medizin an der Medizinischen Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg) auf Protokolle zurückzugreifen, die von der Telefon- und Onlineberatungsstelle Vita-L erhobenen wurden. Vita-L sieht sich als Ergänzung zu den klassischen Beratungsstellen, hat eine 24-Stunden-Hotline und berät Frauen aus einem systemischen Ansatz heraus. Dies beinhaltet die Aufklärung über einen Schwangerschaftsabbruch und die Stärkung von Ressourcen. Selbstbestimmung werde "nicht von jeder Frau als Privileg", sondern könne "auch als Belastung empfunden", erläutert Vita-L. Entsprechende Beratungsgespräche müssen daher möglichst gründlich die Ursachen für den Konflikt eruieren, um zu erkennen, auf welche Hilfen die betroffene Frau angewiesen ist, um ein Austragen des Kindes überhaupt in Erwägung zu ziehen.

Untersucht wurden anonymisierte Protokolle von 1.668 Konfliktfällen der Beratung aus den Jahren 2012 bis 2018. Die systematische Analyse zeigte, dass „Partnerschaftsprobleme“ am allerhäufigsten genannt wurden, gefolgt mit deutlichem Abstand von biografischen Gründen, Überforderung und äußerem Druck.

Allerdings: „Die Konfliktgründe ‚Kindesvater will das Kind nicht‘, ‚Druck durch Familie‘ und ‚Druck durch Umfeld‘ haben gemeinsam, dass sie eine druckausübende Beeinflussung Dritter auf die Frau und ihre Schwangerschaft darstellen“, schreiben die Autoren. Addiert man diese Konfliktgründe zu einer gemeinsamen Gruppe („Druck durch Dritte“), so ergibt sich, dass über 30% aller Hauptgründe für den Schwangerschaftskonflikt durch den Einfluss Dritter auf die Schwangere bedingt sind.

Ein relativ geringer Anteil der Frauen nannte materielle Sorgen und medizinische Gründe, Vergewaltigung war der seltenst genannte Konfliktgrund. Im Jahr 2021 war bei 99.948 Abtreibungen in Deutschland in 0,00029 Prozent (29 Fälle) eine Vergewaltigung Grund für die Entscheidung. 

Nicht selten scheinen Frauen also einen Schwangerschaftsabbruch zu erwägen, weil sie nicht die notwendige Unterstützung ihres Umfeldes – insbesondere die des Kindesvaters – erhalten oder sogar zu einem Abbruch genötigt werden, stellen die Autoren fest. Damit relativiert sich die einseitige Argumentation, wonach Abtreibung vor allem eine selbstbestimmte Entscheidung von Frauen sei.

Restriktive Regelungen des Schwangerschaftsabbruchs und eine Konfliktberatung, die versucht, die Gründe für den Konflikt zu eruieren und Alternativen zu einem Abbruch zu eröffnen, seien daher nicht eindimensional zu betrachten: Sie würden nicht nur das ungeborene Kind, sondern auch die Interessen einer nicht unbedeutenden Anzahl von Frauen im Schwangerschaftskonflikt schützen.

"Für eine Frau, die sich womöglich unter massivem inneren oder äußeren Druck zur Abtreibung genötigt sieht, ist diese Selbstbestimmung jedoch nur Fiktion", schreiben drei Religionswissenschaftlerinnen - unter ihnen die Religionsphilosophin Hanna Barbara Gerl-Falkovitz - sowie eine Journalistin in Die Welt (online 26.7.2022). Die Gefahr bestehe darin, den Menschen in seiner Selbstbestimmung "faktisch allein und sich selbst zu überlassen, anstatt alles Menschenmögliche zu tun, um zu helfen, Leiden zu lindern und Hindernisse für ein gutes Leben zu beseitigen".

Forderungen, wonach Schwangerschaftsabbruch ein Teil der üblichen ärztlichen Ausbildung werden solle, um eine flächendeckende Versorgung mit dieser „Dienstleistung“ bestmöglich zu sichern, lehnen die vier Mitglieder des Synodalen Weges klar ab. Die ärztliche Kunst sei von jeher auf das Helfen und Heilen ausgerichtet. Es käme einer "Pervertierung des Arztberufes gleich, Abtreibungen als verpflichtenden Teil des Curriculums einzuführen", zudem würde damit die Gewissensfreiheit künftiger Ärzte verletzt.

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