Editorial

Imago Hominis (1998); 5(2): 81-82

Einige Leser werden vielleicht verwundert das Thema dieser Ausgabe von

Imago Hominis gelesen haben: Phänomen Tod. Darunter darf mehrerlei verstanden werden. Zunächst ist der Tod ein rätselhaftes Phänomen, weil er für uns nicht direkt erfahrbar ist. Seine Wirklichkeit ist bedrückend und bleibt immer eine Bedrohung, weil wir nicht wissen, welche Bedeutung er letztlich für uns hat. Das gilt für den eigenen und auch für den Tod anderer. Der Tod eines Nahestehenden, das Hinwegnehmen eines geliebten Menschen führt uns die Tatsache vor Augen, daß es keine Möglichkeit gibt, dem Tod zu entrinnen. Er bewirkt Trennung und wird uns zum Feind. Er wird als das Übel schlechthin empfunden. Dennoch entbehrt er nicht der Faszination. Jederzeit und überall begleitet die Erfahrung des Sterbens die Menschen, greift in ihr Leben ein und verändert es. Der Tod gibt die Option für die Möglichkeit des ganz anderen frei. Obwohl der Tod die einzige absolute Gewißheit jedes Geborenen ist, lebt man für gewöhnlich so, als ob es keine Sterbestunde gäbe. Dieses Phänomen ist psychologisch zu verstehen und hat die Menschen aller Zeiten begleitet. Es ist ein seliges Vergessen, weil uns die Schönheiten des Augenblicks, die „Geschäfte“ des Alltags oder momentane Schwierigkeiten vereinnahmen. Dieses „Vergessen“ gleicht einem sanften Schlummern im Hintergrund, jederzeit weck- und abrufbar. Wenn dann aus gegebenem Anlaß die Tatsache des Todes in den Vordergrund gerückt wird, kann einer persönlichen Auseinandersetzung kaum aus dem Weg gegangen werden und niemandem kann dann diese Konfrontation abgenommen werden. Daß die Erinnerung an den Tod von Vorteil und gelegentlich sogar notwendig sein kann, haben aber die Menschen aller Zeiten gewußt. Kunst und Kultur spielen in diesem Zusammenhang eine wesentliche Rolle. Die Rufe des „Jedermann“ (H.v. Hofmannsthal), die immer wiederkehrenden Darstellungen des Todes in der Kunst, die in Mark und Knochen gehenden Akkorde des Mozart’ schen „Dies ille, dies irae“ sind neben dem Kunstgenuß nicht nur Mahnzeichen, sondern sie lassen auch Hoffnung aufkeimen. Der Tod ist nicht nur Vernichtung, sondern in ihm läßt sich auch der Ernst des gelebten Lebens erahnen, indem der Tote keimhaft Endgültigkeit anzeigt. Der Anblick eines Toten löst nicht nur Entsetzen aus, sondern läßt auch die Ruhe und den Frieden eines vollendeten Lebens erkennen, das sein letztes Ziel erreicht hat. Der in der Krankenpflege Tätige ist auf besondere Weise mit dem Tod konfrontiert. Die besondere Herausforderung dieses Berufes liegt in der Abwendung des drohenden Todes, wenn dies möglich ist, und in der würdewahrenden menschlichen Begegnung mit jenen, denen das Sterben unabwendbar näher rückt. Ohne sich diese Fragen auch selbst zu stellen, kann auf die Dauer ein solcher Beruf nicht ausgeübt werden. Die Erfahrung zeigt, daß es leicht zu Fehlverhalten kommt: man geht denen aus dem Weg, die es am nötigsten brauchen, weil sie sterbend sind. Man vernachlässigt sie, weil man das Leiden der anderen nicht mittragen kann und sich diesen Anblick ersparen will. Es ist paradox: die Auseinandersetzung mit dem Tod erleichtert den Umgang mit ihm, Verdrängung hingegen verunsichert.

In diesem Heft versuchen wir eine Annäherung. Es ist nur logisch, daß vornehmlich Philosophen zu Wort kommen. Ihre Denkarbeit gibt uns Anleitung und Hilfe. Wenn R.Alvira behauptet, der Tod wäre für den Menschen von großem Vorteil, weil er ihm den nötigen Referenzpunkt gibt, der allem anderem im Leben erst Fülle und Gewicht verleiht, dann zahlt es sich aus, seinen Argumenten nachzugehen. Seine Gedankengänge sind kühn, aber nachvollziehbar. Trotz der Unabwendbarkeit des Todes ruht in unserem Innersten doch die unbezähmbare Sehnsucht nach Unsterblichkeit. J.Seifert legt dazu als christlicher Philosoph seine Überlegungen dar. R.Knoll sieht das Phänomen des Todes aus soziologischer Sicht. B.Schumacher setzt sich eingehend mit der Frage auseinander, inwieweit man den Tod als natürlichen Prozeß ansehen kann, vor dem der Mensch keine Angst haben muß, oder ob er letztlich doch ein Übel darstellt, durch das der Mensch seiner personalen Verwirklichung beraubt wird. Im Diskussionsbeitrag von G.Roth wird von medizinischer Seite ein Thema angesprochen, das in Zukunft sicher noch einer eingehenderen Bearbeitung bedarf. Nahrung und Flüssigkeit in kritischen Situationen zu verabreichen ist ein ethischer Imperativ. Sie Sterbenden noch aufzudrängen, kann jedoch eine unnötige und auch unethische Verhaltensweise darstellen und nur zur schmerzvollen Sterbenssverlängerung beitragen. Die genaue Unterscheidung ist oft schwierig und dürfte die Ärzte in Zukunft angesichts der modernen Möglichkeiten einer künstlichen Ernährungstherapie vor eine schwierige Aufgabe stellen.

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