Das Autonomieprinzip aus der Perspektive des Patienten

Imago Hominis (2009); 16(2): 115-128
Enrique H. Prat

Zusammenfassung

Ist der Autonomiebegriff der Bioethik anthropologisch mit der Verfasstheit des Menschen vereinbar? Aus der Perspektive des Patienten ist die Frage wichtig, inwiefern der Patient autonomiefähig ist, in dem Sinne, dass er vernunftgemäß handeln kann, ohne dabei überfordert zu werden. Der Patient muss bedenken, dass der von ihm einmal geäußerte Wille für den Arzt bindend ist. Oft sind Kranke physisch, psychisch, affektiv und emotional nicht in der Lage, richtige Entscheidungen zu treffen. Ihr Urteilsvermögen ist eingeschränkt. In solchen Situationen kann sich die Autonomie sehr leicht in eine Heteronomie verwandeln. Dem Patienten beizustehen und sie in ihrer Entscheidungsfindung zu unterstützen, bis dahin, sie ihnen abzunehmen, ist keinesfalls eine Geringschätzung ihrer Person und Verletzung ihrer Würde, sondern eine fürsorgliche Pflicht der Menschlichkeit. Dafür sind sie in der Regel auch dankbar. Der kluge Patient wird in seine Entscheidungen zwei Personenkreise einbeziehen: das menschlich-familiäre Umfeld sowie Arzt und Pflegepersonal.

Schlüsselwörter: Autonomie, Selbstbestimmung, Patiententypologie, Patientenverfügungen, Arzt-Patient-Verhältnis

Abstract

Is autonomy in bioethics always compatible with the human condition? The question pertains to the patient’s ability to practice autonomy in setting reasonable actions without being challenged beyond his/her capacities. The patient has to take in account that his/her will, once stipulated, is binding upon the physician. But sick persons are often unable to decide correctly because of physical, psychic, affective and emotional influences limiting their ability of judgement. In settings like this, autonomy can easily be changed in heteronomy. Yet, constant and gentle assistance to the patient, even to the point of removing the burden of decision-making, is in no way an underestimation of the patient’s personal dignity, but rather a due act of humanitarian care, which is usually well appreciated by patients. The prudent patient will try to harmonize his/her decisions with persons from his personal familiar environment, as well as with the medical personnel.

Keywords: Autonomy, Self-determination, Typology of Patients, Doctor-Patient Relationship, Patient‘s Living Will

Anschrift des Autors:

Prof. Dr. Enrique H. Prat, IMABE
Landstraßer Hauptstraße 4/13, A-1030 Wien
ehprat(at)imabe.org






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Anthropologie und Bioethik
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