Entmedikalisierung: die Lebensgeschichte hinter dem Schmerz

Imago Hominis (2015); 22(2): 93-102
Marcus Schiltenwolf

Zusammenfassung

Schmerzen sind einer der häufigsten Gründe, zum Arzt zu gehen. Es gibt aber keine Belege, dass trotz intensivierter Schmerztherapie das Schmerzerleben nachlassen würde. Ganz im Gegenteil: Rückenschmerzen, Knieschmerzen nehmen zu.
Es wird von Betroffenen viel erwartet und von Ärzten viel angeboten. Wir sitzen alle im selben Boot gesellschaftlicher Konstrukte. Es ist das Konstrukt, durch Medizin das Leben bis ins Letzte technisch planen zu können.
Dabei sind viele, insbesondere chronische Schmerzen nicht technisch zu lösen, sondern erfordern den Blick auf die Beziehung zum eigenen Körper, auf die eigene Geschichte, auf die Beziehungen zu sich und zu anderen. Es geht um Änderung von technischen Erlösungssehnsüchten hin zum weniger narzisstischen Anspruch an grenzenlose Machbarkeit und mehr Eigenverantwortung.

Schlüsselwörter: Schmerz, Schmerztherapie, soziales Konstrukt

Abstract

Pain is one of the most common reasons to visit a physician. But there is no evidence that increased pain therapy leads to less suffering from pain. Quite the contrary, things such as back pain or knee pain often get worse.
A lot is expected by people in pain; and physicians offer a lot in return. But we are all in the same boat of ‘social constructs’ – and, in this case, we live with the construct that through medicine, we can make technical improvements to our lives through to the last detail.
But often many chronic pains cannot be solved technically. Chronic pain requires attention to its relation to the body, as well as to one’s own history, and to one’s relationship to oneself and to others. The longing for ‘technical salvation’ ought to be changed from a narcissistic demand for endless possibilities toward more individual responsibility.

Keywords: pain, pain therapy, social construct

Anschrift des Autors:

Univ.-Prof. Dr. Marcus Schiltenwolf
Leiter der konservativen Orthopädie und des Fachbereiches Schmerztherapie
Universitätsklinikum Heidelberg
Bergstraße 115, D-69121 Heidelberg
marcus.schiltenwolf(at)urz.uni-heidelberg.de






Institut für Medizinische
Anthropologie und Bioethik
Unterstützt von: