Krebs: Überschätzung psychologischer Faktoren als Krankheitsursache

Imago Hominis (2014); 21(3): 169-182
Reinhard J. Topf

Zusammenfassung

In der pädiatrischen Onkologie werden von den Eltern die ätiologischen Faktoren oft bei sich selbst oder in ihrer nächsten Umgebung gesucht. Es kommt zu einer teilweise außerordentlichen Überschätzung psychosozialer Faktoren. Die Folge sind einerseits schwere Selbstvorwürfe, andererseits wird immer wieder eine Suche nach einer „passenden alternativen“ Therapie ausgelöst, um die angeschuldigten Ursachen zu beseitigen. Die äußerst erfolgreiche klassische „schulmedizinische“ Behandlung, welche heute  einem krebskranken Kind im Schnitt eine Überlebenswahrscheinlichkeit von ca. 85 % ermöglicht, wird aus diesen Überlegungen heraus in Zweifel gezogen. Dieser Beitrag versucht einerseits den psychologischen Hintergrund dieser Situation zu beleuchten, andererseits mögliche Argumentationshilfen für die Gesprächsführung in der Betreuung dieser Familien anzubieten.

Schlüsselwörter: Pädiatrische Onkologie, Psychoonkologische Überlegungen, Elternbetreuung, Ätiologie von Tumorkrankheiten, Systematische Wahrnehmungsfehler

Abstract

Quite often the parents of children with pediatric malignancies see themselves as a cause of the disease. This phenomenon originates from an overestimation of psychological factors. Consequently, parents of these children develop an attitude of heavy self-reproach, which compels them to search for “suitable alternative” treatments. Drawing from these considerations, they question today’s highly successful, classic “conventional medicine” treatment, which has a long-term success rate of 85% among cancer-stricken children. This article attempts to shed light on the psychological background of this phenomenon and offers possible talking points for discussions regarding the care of such families.

Keywords: pediatric oncology, psycho-oncological considerations, parental care, etiology of cancer, systematic error in perception

Anschrift des Autors:

Dr. Reinhard J. Topf
Leiter der Psychosozialen Abteilung
St. Anna Kinderspital
Universitätsklinik für Kinder- & Jugendheilkunde
Medizinische Universität Wien
Kinderspitalgasse 6, A-1090 Wien
reinhard.topf(at)stanna.at







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