Die Zahl der Kaiserschnittgeburten in Österreich steigt seit Jahrzehnten kontinuierlich an. Nach den neuesten Daten der Statistik Austria (Pressemitteilung, 16.06.2026) kamen 2025 bereits 32,8 Prozent aller Kinder per Kaiserschnitt zur Welt – fast jedes dritte Baby wurde also operativ entbunden. Vor 30 Jahren lag dieser Anteil noch bei 12,4 Prozent. Die Komplikationsraten sind im Vergleich zu spontanen Geburten dreimal so hoch. Wissenschaftler fordern daher ein Umdenken.
Mehr Kaiserschnitte: strukturelle, kulturelle und finanzielle Ursachen
Die Ursachen für diesen Anstieg lassen sich laut Forschung nicht allein durch höhere medizinische Indikationsraten erklärt werden kann. Vielmehr spielen soziale, rechtliche und finanzielle Gründe eine Rolle: Untersuchungen legen nahe, dass Ärzte und Kliniken aufgrund ökonomischer Anreize, besserer Planbarkeit, vermeintliche Risikovermeidung und Haftungsängste Kaiserschnitte bevorzugen. Bei Frauen stehen vor allem die Angst vor Geburtsschmerzen und der Wunsch nach Planbarkeit im Vordergrund. Auch das höhere Alter der Mütter, höherer BMI und mehr Schwangerschaften nach IVF treiben die Raten nach oben. (Plos One, 2025, Bioethik aktuell, 12.02.2018)
Finanzielle Anreize: Höhere Vergütung im System
Bereits 2018 hatte eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe der Stadt Wien in der Wiener Grundsatzerklärung zur Spontangeburt ein ganzes Bündel solcher Ursachen benannt, darunter auch strukturelle finanzielle Anreize im Vergütungssystem. Das derzeitige System belohnt den Kaiserschnitt als abrechenbare Leistung im Moment der Geburt, während die gesundheitlichen – und damit auch wirtschaftlichen – Folgekosten an anderer Stelle des Systems anfallen: durch Komplikationen bei Mutter oder Kind, durch häufigere Kaiserschnitte bei Folgeschwangerschaften oder durch zusätzlichen Bedarf an psychologischer Betreuung. In der aktuellen Vergütungslogik sind diese Folgekosten kaum abgebildet.
Die Stadt setzte sich damals das Ziel, die Kaiserschnittrate bis 2025 auf 25 Prozent zu senken und die Spontangeburtenrate auf 70 Prozent zu steigern. Sieben Jahre später zeigt sich: Die Rate ist nicht gesunken, sondern weiter gestiegen – ein Hinweis darauf, dass strukturelle Anreize im System stärker wirken als freiwillige Selbstverpflichtungen einzelner Abteilungen.
Komplikationen nach Kaiserschnitt sind schon lange bekannt
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) betont, dass die Kaiserschnittrate höher als 10 Prozent nicht mit besseren gesundheitlichen Ergebnissen für Mütter oder Neugeborene assoziiert sind. (WHO Guidelines, 2021) Wichtig ist, die kurz- und langfristigen Folgen des Eingriffs nicht zu außer Acht zu lassen, die über jahrelange Forschung gut belegt sind.
Eine aktuelle Übersichtsarbeit Journal of Clinical Medicine (2025), die 42 Studien von 2015 bis 2025 verglich, analysiert die gesundheitlichen Folgen von unnötigen Kaiserschnitten. Im Vergleich zur vaginalen Geburt geht der Kaiserschnitte mit einer höheren mütterlichen Morbidität einher, darunter Infektionen, Blutungen, Wundheilungsstörungen, thromboembolische Komplikationen und Fertilitätsprobleme.
Auch höhere psychische Belastungen spielen eine Rolle
Zudem berichten Frauen nach Kaiserschnitt häufiger über Schwierigkeiten bei der körperlichen Erholung und über psychische Belastungen im Wochenbett, die die Bindung zwischen Mutter und Kind und das Stillen beeinflussen kann. Sie erleben häufiger Wochenbettdepressionen als Frauen nach einer vaginalen Geburt. Zwar ist auch eine vaginale Geburt nicht risikofrei und kann zu Harninkontinenz oder einem Gebärmuttervorfall führen – allerdings überwiegen laut den Forschern die Risikos des Kaiserschnitts.
Risiko für Folgeschwangerschaften steigt
Besondere Aufmerksamkeit richten Forscher heute auf die langfristigen Folgen. Mit jedem vorausgegangenen Kaiserschnitt steigt in späteren Schwangerschaften das Risiko für Fehllagen und Verwachsungen der Plazenta, Gebärmutterrupturen und andere Komplikationen. Auch sogenannte Kaiserschnittnarben-Defekte („Isthmozele“) geraten zunehmend in den Fokus. Sie können mit chronischen Beckenschmerzen, Blutungsstörungen oder Komplikation bei der Empfängnis verbunden sein.
Kaiserschnitt kann die Gesundheit des Kindes negativ beeinflussen
Es gilt als gut belegt, dass die Art der Geburt die Gesundheit des Neugeborenen kurz- und langfristig beeinflussen kann. Geplante Kaiserschnitte vor der 39 Schwangerschaftswoche sind mit häufigeren auf neonatologischen Aufnahmen, Atmungsproblemen und Unterzucker assoziiert. Auch später haben Kinder häufiger Atemwegsinfektionen und Asthma.
Als möglicher Mechanismus wird diskutiert, dass bei einem Kaiserschnitt die natürliche Übertragung mütterlicher Mikroorganismen auf das Kind nur eingeschränkt erfolgt. Einige Studien bringen die veränderte Darmbesiedelung nach einem Kaiserschnitt mit späteren Gesundheitsrisiken wie Allergien, Adipositas oder Autoimmunerkrankungen in Verbindung. Ob diese Zusammenhänge ursächlich sind, wird weiterhin erforscht.
Dänische Studie zeigt: Richtige Strategien können unnötige Kaiserschnitte vermeiden
Der Trend schwankt stark zwischen Ländern und Kliniken. Die niedrigsten Raten haben skandinavische Länder und die Niederlande (Niederlande: 15,7 Prozent, Finnland 16,4 Prozent, Schweden 17,1 Prozent). (Statista, 2020) In der Türkei und in Lateinamerika liegt die Rate teils bei über 50 Prozent.
Eine große dänische Studie (Plos One, 2025) zeigt, dass die Kaiserschnittrate unter anderem durch die Kultur und Haltung der Behandelnden in Krankenhäusern beeinflusst wird. Im Rahmen einer registerbasierten Kohortenstudie untersuchten dänische Forschende der Universität Kopenhagen, wie sich ein gezieltes Programm zur Senkung der Kaiserschnittrate in einem großen Krankenhaus auswirkt. Ziel war es, Strategien zu finden, um unnötige Kaiserschnitte zu vermeiden. Als Vorbild dienten schwedische Klinken, die für hohe Zufriedenheit von Müttern bekannt sind.
Interprofessionelle Zusammenarbeit senkt Sectio-Rate auf 12 Prozent
In einem ersten Schritt einigten sich Hebammen, Geburtshelfer und Fachärzte im Team gemeinsam auf den Wert, dass die vaginale Geburt und eine gute Geburtserfahrung wichtig für die Gesundheit von Mutter und Kind sind.
Auf dieser Basis wurden über einen Zeitraum von neun Jahren zwölf organisatorische und klinische Maßnahmen eingeführt – darunter eine intensivere Hebammenbetreuung, regelmäßige Fallbesprechungen, spezielle Angebote für Frauen mit Geburtsangst und interprofessionelle Schulungen.
Die Ergebnisse zeigten eindeutig, dass solche Initiativen effektiv sind: Die Kaiserschnittrate sank von 21,1 auf 12,0 Prozent. Über neun Jahre ist die Kaiserschnittrate in diesem Krankenhaus relativ um 43 Prozent gesunken. Medizinische Nachteile gab es keine; die gesundheitliche Verfassung von Muttern und Kindern verschlechterten sich durch diese Änderung nicht.
Die Ergebnisse wurden mit den früheren Daten des Krankenhauses und zusätzlich mit zwei Kontrollkliniken verglichen, die keine vergleichbare Strategie eingeführt hatten. Insgesamt flossen Daten von mehr als 67.000 Geburten in die Auswertung ein.
WHO-Guidelines empfehlen bessere Aufklärung für Mütter
Die WHO empfiehlt konkrete Maßnahmen, um Mütter und Kinder optimal zu begleiten und unnötige Kaiserschnitte zu reduzieren (WHO recommendations non-clinical interventions to reduce unnecessary caesarean sections, 2018):
- eine bessere Aufklärung über die Risiken des Kaiserschnitts und psychologische Unterstützung bei Geburtsangst;
- die Einholung einer Zweitmeinung anhand evidenzbasierter Leitlinien vor einem Kaiserschnitt;
- eine regelmäßige Qualitätskontrolle von Kaiserschnittentscheidungen;
- eine enge Zusammenarbeit von Hebammen und Ärzten, bei der Hebammen die normale Geburt begleiten;
- eine Überprüfung der finanziellen Anreize, damit Vergütungssysteme Kaiserschnitte nicht gegenüber vaginalen Geburten bevorzugen.