Europa ist Weltmarktführer in der künstlichen Befruchtung mit rund 50 Prozent aller weltweiten Behandlungen. In Dänemark, Belgien, Tschechien und Griechenland entstehen bereits fünf Prozent aller geborenen Babys durch künstliche Befruchtung. International werden jährlich mehr als drei Millionen Behandlungszyklen durchgeführt (Fact Sheet ART, 2025: European Society of Human Reproduction and Embryology). Knapp 50 Jahre nach der Geburt des ersten Retortenbabys sind die Erfolgschancen einer künstlichen Befruchtung dabei noch immer überschaubar – und die Zahl der Versuche steigt trotzdem stetig. Einer der Gründe dafür liegt in der Diagnose selbst.
„Ungeklärt unfruchtbar“ – eine Diagnose greift um sich
30 Prozent aller IVF-Behandlungen werden heute mit „ungeklärter Unfruchtbarkeit“ begründet. Darunter werden allerdings auch „unklare“ Fälle gezählt wie Männer mit leicht abweichenden Spermienwerten und Frauen mit Endometriose – beides keine absoluten Indikatoren für Unfruchtbarkeit. Die WHO definiert Paare bereits nach zwölf Monaten erfolglosem Versuchen als „ungeklärt unfruchtbar“, woraufhin viele eine IVF-Klinik aufsuchen. Waren sie wirklich unfruchtbar? Oder brauchte es schlicht eine bessere Diagnostik, Anwendung alternativer Behandlungsmethoden und etwas Geduld?
Hinweise darauf lieferte bereits 2016 in Human Fertility veröffentlichte britische Studie: Rund 29 Prozent der Paare, deren Kinderwunsch nach erfolgloser IVF oder ICSI unerfüllt geblieben war, bekamen innerhalb von sechs Jahren nach Behandlungsende spontan ein Kind. Eine Meta-Analyse 2023 ergab, dass jede fünfte Frau, die ein Kind nach einer IVF zur Welt bringt, bekommt später noch ein weiteres Kind nach einer spontanen Empfängnis – ganz ohne medizinische Behandlung (Bioethik aktuell, 2.11.2023).
Spontan schwanger – auch nach gescheiterter IVF
Kritische Rückfragen an die vorschnelle Praktik der IVF wurden schon 2014 laut. Die Reproduktionsmedizinerin Esme Kamphuis vom Academic Medical Center der Universität Amsterdam stellt im British Medical Journal die Frage, ob IVF nicht viel zu schnell und häufig angewendet wird. Sie beobachtete bei Ärzten wie bei Paaren ein „mangelndes Vertrauen“ darin, dass eine Empfängnis trotz mancher Hindernisse auf natürlichem Weg gelingen kann. IVF sei, so Kamphuis, zu einer „gewinnbringende Industrie“ geworden, in der nicht die Wissenschaft, sondern die Wirtschaft darüber entscheide, wem eine Behandlung empfohlen wird (Bioethik aktuell, 11.02.2014).
Zehn Jahre später wird die Kritik noch lauter. Reproduktionsmediziner der Universität Aberdeen (Human Reproduction Open 2024) fordern eine gründlichere Abklärung und die Suche nach Alternativen, um gesundheitliche Risiken der IVF – darunter Frühgeburten und Präeklampsie – zu reduzieren. Da bei Paaren mit ungeklärter Unfruchtbarkeit definitionsgemäß keine grundlegenden biologischen Hindernisse vorliegen, sei bei einem erheblichen Teil dieser Frauen mit einer natürlichen Empfängnis zu rechnen.
Experten fordern: erst diagnostizieren, dann behandeln
Durch eine präzisere Diagnostik ließen sich das natürliche Potenzial besser nutzen und unnötige Belastungen vermeiden, so die Experten. Zudem würde ein solcher Ansatz die Kosteneffizienz im Gesundheitssystem steigern: Teure Interventionen kämen gezielter nur dort zum Einsatz, wo die Prognose tatsächlich schlecht ist.
Ihre Daten zeigen, dass bei 90 Prozent der Paare mit guter Prognose – definiert als die Wahrscheinlichkeit von über 30 Prozent innerhalb der nächsten 12 Monate auf natürlichem Wege schwanger zu werden – die Lebendgeburtenrate über einen Zeitraum von 18 Monaten nicht beeinträchtigt, weil viele dieser Paare in dieser Zeit ohne IVF erfolgreich schwanger werden.
NaPro-Technologie zeigt vielversprechende Ergebnisse
In diesem Kontext erregen die nun veröffentlichten Daten (Front. Reprod. Health 2025) der Natural Procreation Technology (NaPro) Aufmerksamkeit. Seit den 1990er Jahren wird in den USA an diesem Ansatz geforscht, der einen ganzheitlichen Weg bei ungewollter Kinderlosigkeit verfolgt: Anstatt die Unfruchtbarkeit zu umgehen, zielt NaPro darauf ab, ihre medizinischen Ursachen zu identifizieren und zu behandeln.
Die Untersuchung einer Kohorte von 1.310 Paaren in Spanien ergab eine Baby-Take-Home-Rate von 62,1 Prozent – ein Wert, der im Vergleich zu konventionellen IVF-Daten bemerkenswert hoch ist. In 98,1 Prozent der Fälle, die als „ungeklärt unfruchtbar“ galten, konnte im Rahmen der Therapie eine konkrete Diagnose gestellt werden. Je nach Ursache folgen dann eine medikamentöse Behandlung oder – bei anatomischen Problemen – ein spezialisierter chirurgischer Eingriff. Auch bei Frauen über 40 ist der Ansatz in knapp einem Viertel der Fälle noch erfolgreich (24,4 Prozent), und selbst von Paaren mit vorherigen erfolglosen IVF-Versuchen erzielten 25,3 Prozent mit NaPro noch eine Schwangerschaft.
Die Methode erfordert allerdings Ausdauer: Das Paar dokumentiert gemeinsam den Menstruationszyklus der Frau und biologische Marker wie Zervixschleim-Muster. Ergänzt durch Blutbild und Ultraschall-Daten wird die Diagnose gestellt. Paaren wird empfohlen, 18 bis 24 Monate im Programm zu bleiben. Die Abbruchquote liegt entsprechend bei 41,5 Prozent – als häufigster Grund wird Entmutigung genannt oder der Wechsel zur IVF, von der man sich mehr erhofft.
Die Autoren der Studie weisen darauf hin, dass weitere prospektive und kontrollierte Studien notwendig sind, um die klinische Wirksamkeit in breiteren Populationen zu bestätigen.
80 von 100 Frauen gehen nach einer IVF ohne Kind nach Hause
Wie sieht es mit den Erfolgsaussichten der IVF tatsächlich aus? Wer eine realistische Einschätzung will, muss genau hinschauen, welche Kennzahl herangezogen wird. Laut dem Deutschen IVF-Register 2024 liegt die Baby-Take-Home-Rate bei 22,8 Prozent. Zu dieser relativ hohen Rate kommt man allerdings erst, wenn man nur jene Zyklen zählt, in denen der Frau tatsächlich ein Embryo eingesetzt wurde. Rechnet man hingegen alle begonnenen Stimulationen ein, also auch abgebrochene Zyklen, sinkt die Rate auf 15,1 Prozent. Das bedeutet: Von 100 Frauen gehen im Schnitt rund 80 Frauen ohne Kind nach Hause. Bei Frauen zwischen 41 und 44 Jahren beträgt die IVF-Erfolgsrate nur noch 9,3 Prozent. Zum Vergleich: NaPro erreicht in dieser Altersgruppe immerhin 24,4 Prozent.
IVF-Risiken werden unter den Teppich gekehrt
„Eines der Probleme ist, dass die Literatur sehr fragmentiert ist“, sagt Francisco Güell, Forscher am Institut für Kultur und Gesellschaft der Universität Navarra (Aceprensa, 2026). Die Risiken der IVF seien über Hunderte von Studien verteilt, alarmierende Ergebnisse würden verwässert. Diese Streuung erschwere es der Öffentlichkeit, das Phänomen als Ganzes zu erfassen (Bioethik aktuell, 17.2.2025). In seinem kürzlich erschienen Buch The last In Vitro (2025) legt Güell eine Übersicht der Forschungsergebnisse zu den Risiken der IVF vor.
Je invasiver die Technik, desto größer das Risiko
Angeborene Fehlbildungen und ein deutlich erhöhtes Frühgeburtsrisiko sind noch vergleichsweise bekannt. Güell zeichnet darüber hinaus ein Muster spezifischer Langzeitfolgen: Menschen, die nach einer IVF geboren wurden, seien anfälliger für bestimmte Krebserkrankungen im Kindesalter, für neurologische Störungen wie Zerebralparese, Autismus-Spektrum-Störungen, Sprachstörungen und Epilepsie sowie für Stoffwechselerkrankungen wie Allergien, Typ-1-Diabetes und Bluthochdruck. „Dieses Muster wird in großen Populationsstudien und in verschiedenen Ländern beobachtet und wiederholt, und in manchen Fällen über Jahrzehnte belegt“, so Güell. Informationen über diese Risiken würden weder von Kliniken kommuniziert noch fänden sie Platz in der öffentlichen Debatte.
In der Wissenschaft werde versucht, das Alter der Mutter, Frühgeburt, Mehrlingsschwangerschaften oder frühere Unfruchtbarkeit für die beobachteten Risiken verantwortlich zu machen. Die Studienlage spreche laut Güell dagegen: Auch wenn man diese Faktoren berücksichtige, verschwinde das Überrisiko nicht. „Außerdem gibt es einen konsistenten Zusammenhang“, so der Forscher. „Je invasiver die Technik, desto größer ist der beobachtete Risikozuwachs.“ Der Grund liege darin, dass Eingriffe wie hormonelle Stimulation, Embryokultur oder Spermienmikroinjektion (ICSI) zu einem kritischen Zeitpunkt stattfinden, an dem wesentliche Prozesse der genetischen und epigenetischen Regulation programmiert werden. Kleine Veränderungen in der Umgebung während dieser ersten Tage könnten die Expression bestimmter Gene dauerhaft beeinflussen.
Gänzlich unerforscht sei daneben auch noch die psychische Belastung jener Frauen, die im Zuge der Behandlung häufig einige Schwangerschaften verlieren oder abbrechen müssen – mit möglichen Folgen für die spätere Mutter-Kind-Beziehung, so Güell.
Richtlinien fehlen – Kritik kommt von innen
Weder die American Society for Reproductive Medicine noch die European Society of Human Reproduction and Embryology verfügt über Richtlinien, die klären, wem eine Behandlung zu empfehlen ist – und wem nicht, kritisieren die Reproduktionsmediziner der Universität Aberdeen (Human Reproduction Open 2024). Auch Laura Rienzi, die selbst ein Zentrum für Reproduktionsmedizin gegründet und jahrelang geführt hat, kritisiert im Fachjournal Reproductive Biomedicine Online (2021), dass der Erfolg einer IVF nicht rein über die Geburtenrate gemessen werden dürfe. Neben medizinischen Ergebnissen müssten auch wirtschaftliche Aspekte, die Sicherheit der Patientinnen und Kinder sowie deren psychisches Wohlbefinden berücksichtigt werden – eine Forderung, die öffentlich bisher kaum Gehör findet.