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Palliative Versorgung: Früher beginnen, besser begleiten

Frühzeitige palliative Begleitung sollte selbstverständlich sein – statt bis zur Sterbephase zu warten

Lesezeit: 05:27 Minuten

Von der Krebsdiagnose bis zum Lebensende vergehen oft Monate oder Jahre – doch wann beginnt palliative Unterstützung? Die Vorstellung von Palliative Care als „letzte Station“ ist überholt. Doch dazu müssen nicht nur Patienten, sondern auch das Gesundheitspersonal umdenken.

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Die palliative Versorgung befindet sich in einem Wandel – von einer reaktiven „Sterbebegleitung“ hin zu einer proaktiven, bedürfnisorientierten Betreuung, die Lebensqualität in den Mittelpunkt stellt. Doch diesen Wandel müssen Ärzte, Pflegefachkräfte, Patienten und Angehörige noch stärker verinnerlichen. Darauf weisen führende Palliativexperten im Deutschen Ärzteblatt Palliative Versorgung: Start vor der präfinalen Phase? (2025) sowie zahlreiche Studien hin.

Frühere Einbindung führt zu besserer Lebensqualität

Wenn Palliative Care rechtzeitig Bestandteil der Behandlung wird und gleich nach der Diagnose einer unheilbaren Erkrankung eingebunden wird, geht es Patienten und Angehörigen insgesamt besser – körperlich, psychisch und sozial. Sie verstehen ihre Krankheit besser, erhalten adäquate Unterstützung auf sozialer, physischer und spiritueller Ebene, vermeiden Übertherapien und fühlen sich getragener. Das geht aus zahlreichen Studien hervor.

Doch trotz der klaren wissenschaftlichen Belege wird diese frühe Einbindung in der Praxis immer noch zu spät oder zu selten umgesetzt.

Es gibt Hemmungen, palliative Betreuung anzubieten

Eine der größten Hürden ist laut der Palliativ-Experten die öffentliche Wahrnehmung: Palliativmedizin wird gesellschaftlich wie auch im medizinischen Alltag häufig mit dem nahen Lebensende gleichgesetzt. Daher kommt es zu subtilen negativen Empfindungen gegenüber der Palliativmedizin als „letzte Station“ oder „Scheitern“ der kurativen Behandlung.

Ärzte haben oft Berührungsängste und zögern mit einer frühzeitigen Ansprache palliativer Unterstützung, weil sie fürchten, Patienten die Hoffnung zu nehmen und falsche Signale zu senden, analysiert Claudia Bausewein, Direktorin der Klinik für Palliativmedizin an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Palliativ zu behandeln, heißt nicht aufzugeben

„Betroffene haben häufig die Vorstellung, 'palliativ' bedeute, die Hoffnung aufgeben zu müssen“, berichtet Ricarda Scheiner, Fachpsychologin an der Klinik für Palliativmedizin der Universität München. Diese Wahrnehmung führt dazu, dass viele Patienten palliative Angebote so lange wie möglich hinauszögern wollen – und damit wertvolle Unterstützung verpassen.

Dabei zeigt die klinische Erfahrung ein anderes Bild: Frühzeitige Palliativversorgung, oft schon Wochen und Monate vor dem Lebensende, verbessert nicht nur die Lebensqualität durch Linderung körperlicher Symptome und psychosozialer Belastungen. Studien belegen sogar, dass sie häufig zu einem längeren Leben beiträgt. (The Oncologist, 2024)

Unklare Zuständigkeiten beim Einstieg in die Palliativversorgung

Bernd Alt-Epping, Direktor der Heidelberger Klinik für Palliativmedizin, weist in einer Studie über die Frühzeitige Integration von Palliativmedizin (2020) auf ein grundlegendes Problem hin: Es ist oft unklar, wer palliativmedizinische Versorgung als erstes anbieten soll. Liegt diese Verantwortung bei Onkologen, spezialisierten Palliativteams oder Hausärzten? Klare Strukturen für einen reibungslosen Übergang fehlen ebenso wie eindeutig benannte Verantwortliche, die diesen anstoßen.

Diese Unklarheit führt laut Alt-Epping in der Praxis häufig zu Verzögerungen, weil sich die Beteiligten gegenseitig in der Verantwortung sehen. Hinzu kommen Zeitmangel, fehlende Vergütungsstrukturen und Unsicherheiten im Rollenverständnis – zentrale Gründe dafür, warum palliativmedizinische Unterstützung oft zu spät oder gar nicht angeboten wird.

Statt starr definierter Zuständigkeiten brauche es daher kooperative Modelle, in denen behandelnde Ärzte und spezialisierte Palliativteams frühzeitig und gezielt zusammenarbeiten.

Palliative Care ist kein Scheitern, sondern Unterstützung beim Weiterleben

Alt-Epping macht deutlich, dass „frühzeitig“ nicht „zu früh“ bedeutet, sondern „genau rechtzeitig“: Viele Patienten sind bereits zu Beginn einer unheilbaren Erkrankung stark belastet – körperlich, seelisch oder durch Unsicherheit. Hinzu kommt, dass Krebs heute in vielen Fällen kein Todesurteil mehr ist, sondern eine Erkrankung, mit der man noch viele Jahre leben kann. Auch in diesen Fällen ist Palliativmedizin hilfreich und trägt dazu bei, medizinische Fehlentscheidungen zu vermeiden.

Palliativmediziner betonen, dass palliative Versorgung kein abrupter Wechsel von kurativer zu rein symptomlindernder Behandlung ist, sondern ein gradueller, zeitgerechter Übergang. Kurative und palliative Ansätze können parallel verfolgt werden, ohne dass Patienten sich „aufgegeben“ fühlen müssen. Moderne Palliativmedizin versteht sich als Ergänzung der kurativen Medizin (Deutsches Ärzteblatt, 2025). Die Herausforderung besteht darin, Palliativversorgung zu entmystifizieren und als das zu präsentieren, was sie ist: eine Unterstützung für Menschen in belastenden Lebenssituationen.

Palliativmedizin als Bestandteil der Krebsbehandlung

Dafür muss Palliativmedizin selbst offener für gleichzeitige Tumortherapie werden und darf sich nicht nur auf Sterbensphasen konzentrieren, fordert Alt-Epping. Sie soll zu einem selbstverständlichen, frühzeitigen und flexiblen Bestandteil der Krebsbehandlung werden. Der Mediziner warnt vor einer Selbstverengung der Palliativmedizin auf Situationen, in denen ausschließlich Symptomlinderung und Sterbebegleitung im Vordergrund stehen.

Eine aktuelle Studie im Current Opinion in Supportive and Palliative Care Journals (2025) zur Lebensqualität von Lungenkrebspatienten in Schottland kommt zu ähnlichen Ergebnissen. Die Onkologen an der University of Edinburgh zeigen, dass palliativmedizinische Mitbehandlung bei Patienten mit nicht-kleinzelligem Lungenkarzinom die Lebensqualität, Stimmung und Symptomkontrolle verbessert und mit weniger aggressiver Therapie am Lebensende verbunden ist. Meta-Analysen zeigen sogar einen Überlebensvorteil. Besonders betont wird, dass palliative Interventionen parallel zur Tumortherapie erfolgen können und sollen – nicht erst dann, wenn keine onkologischen Optionen mehr bestehen.

Positive und zeitgerechte Kommunikation sind zentral

Ein zentraler Faktor für die erfolgreiche Integration von Palliativversorgung ist die Kommunikation. Studien zeigen, dass Patienten und Angehörige ein besonders hohes Belastungserleben berichten, wenn sie im Therapiezieländerungsgespräch zum ersten Mal von palliativmedizinischer Versorgung hören. Umso wichtiger ist es, so früh wie möglich niederschwellige Unterstützungsangebote zu machen.

Experten befürworten einen bedarfsorientierten Ansatz

„Palliativversorgung sollte von den Bedürfnissen der Patientinnen und Patienten abhängig sein und nicht primär von einer Diagnose oder Prognose“, betont Bausewein. Diese bedürfnisorientierte Herangehensweise markiert einen Paradigmenwechsel in der Palliativmedizin.

Alt-Epping und die schottischen Onkologen argumentieren ebenfalls, dass bedürfnisorientierte Merkmale wie Symptombelastung, funktioneller Status und Gewichtsverlust besser geeignet sind, den Bedarf an Palliativversorgung zu identifizieren, als eine reine Orientierung an Tumorstadium oder Prognosen zur verbleibenden Lebenszeit.

Wenn das Angebot zu spät kommt

Die Konsequenzen einer zu späten palliativen Betreuung können dramatisch sein. Scheiner berichtet von einer 56-jährigen Patientin mit Pankreaskarzinom, die aus Sorge vor Autonomie- und Würdeverlust bereits Monate zuvor entschieden hatte, ihr Leben durch assistierten Suizid zu beenden. Nach zehn Tagen auf der Palliativstation äußerte die Patientin: „Wenn ich diese Erfahrung früher gemacht hätte, hätte ich mich vielleicht anders entschieden.“

Die Frau war überrascht – nicht nur von der Linderung ihrer körperlichen Symptome, sondern auch von der Erfahrung, sich als Mensch gesehen, angenommen und wertgeschätzt zu fühlen. Doch trotz dieser positiven Erfahrung hielt sie an ihrer ursprünglichen Entscheidung fest: Die verinnerlichte Überzeugung, am Lebensende unerträglichem Leiden ausgeliefert zu sein, war zu tief verwurzelt. Der Fall zeigt, wie entscheidend der Zeitpunkt der ersten Berührung mit Palliativmedizin sein kann.

Institut für Medizinische
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