Bioethik Aktuell

Patienten folgen Ärzten, denen sie vertrauen – und Verordnungen, die sie verstehen

Lesezeit: 02:54 Minuten

Jeder zweite chronisch Kranke nimmt Medikamente nicht wie verordnet ein. Das geht auf Kosten der Gesundheit und des Gesundheitssystems. Studien zeigen: Wenn Ärzte besser kommunizieren und empathischer sind, stärkt das die Therapietreue.

©Adobe

Verordnete Medikamente regelmäßig einzunehmen, fällt vielen Menschen ähnlich schwer wie mit dem Rauchen aufzuhören oder die Ernährung umzustellen. Laut WHO nehmen 50 Prozent aller Patienten mit einer chronischen Krankheit ihre Tabletten nicht regelgerecht ein. Oft fängt das Problem sogar schon früher an: Kanadische Forscher fanden heraus, dass chronisch Kranke in 15 von 100 Fällen ihre Medikamente gar nicht erst von der Apotheke abholen.

Sterbe-Risiko sinkt bei Therapietreue um 21 Prozent

Das schadet zunächst den Patienten selbst: Die kanadische Studie schätzt, dass mehr als fünf Prozent aller Krankenhauseinweisungen auf mangelnde Therapietreue zurückgehen. Wer seinem Therapieschema treu bleibt, kann sein Sterberisiko langfristig um 21 Prozent senken, so das Ergebnis einer  Meta-Studie des Trinity College’s .Doch auch Gesundheitssysteme zahlen einen hohen Preis. Das International Longevity Center (ILC) schätzt, dass in Europa jährlich rund 125 Milliarden Euro Mehrkosten auf mangelnde Adhärenz zurückzuführen sind.

In den USA werden die jährlichen Kosten durch vermeidbare Hospitalisierungen und Komplikationen sogar auf 100 bis 300 Milliarden US-Dollar geschätzt (Medicina 2025). Besonders folgenreich ist mangelnde Adhärenz bei Diabetes: Sie kann langfristig zu Erblindung, Nierenversagen und Amputationen führen.

Warum Empathie mehr wirkt als jedes Spezialtraining

Auf Patientenseite gibt es viele Hilfsmittel – von Tabletten-Boxen bis zu elektronischen Erinnerungen. Ärzte hingegen haben vor allem ein wirksames Mittel: gute Kommunikation. Ärzte stärken das Vertrauen ihrer Patienten, wenn sie aktiv zuhören, Verständnis zeigen und Bedenken ernst nehmen – und das wirkt sich direkt auf die Therapietreue aus (Medicina 2025).

Britische Wissenschaftler des Stoneygate Zentrum für empathische Gesundheitsversorgung an der Leicester Medical School haben nun 24 Studien mit über 8.000 Patienten ausgewertet (BMC Health Service Research 2026). Ihr Ergebnis: Zwischen der Kommunikation von Ärzten und der Therapietreue der Patienten besteht ein klarer, konsistenter Zusammenhang. Ein wesentlicher Faktor ist, ob Patienten Ärzte als empathisch erleben. Interessantes Detail: Es reicht schon, Ärzte generell im einfühlsamen Umgang zu schulen – spezielle Adhärenz-Trainings bringen kaum mehr. Damit könnten relativ einfache Schulungen, wenn sie auch umgesetzt werden, große Effekte haben: Das Risiko, dass Patienten bei schlechter Kommunikation einer Therapie nicht folgen, ist um fast 20 Prozent erhöht (Medical Care 2009).

Mitentscheiden fördert Treue zur Therapie

Empathie allein reicht jedoch nicht: Entscheidend ist auch, wie Ärzte Entscheidungen gemeinsam mit ihren Patienten treffen. Wer das Gefühl hat, die Behandlung mitentschieden zu haben, hält sich nachweislich besser daran.

Das National Institute for Health and Care Excellence (NICE) empfiehlt deshalb, mögliche Hindernisse gemeinsam zu besprechen und Lösungen zu finden. Das können finanzielle Sorgen sein, aber auch Vergesslichkeit im Alltag oder innere Überzeugungen wie „Das brauche ich eigentlich nicht" oder „Mein Körper soll das selbst schaffen". Verordnungen sollten, wo möglich, an die Lebensrealität der Patienten angepasst werden. Dieses sogenannte Shared-Decision-Making fördert, dass Patienten ihre Erkrankung und deren Behandlung besser verstehen – und ihr schließlich auch folgen (Frontiers in Medicine 2025). 

Zur gemeinsamen Entscheidungsfindung kommt ein weiterer Faktor: Die Komplexität der Behandlungspläne, einschließlich der Häufigkeit und Anzahl der Medikamente, beeinflusst die Therapietreue maßgeblich. Polypharmazie, die häufig bei älteren Patienten vorkommt (Bioethik aktuell, 10.10.2016), erhöht das Risiko von Medikationsfehlern und verringert die Therapietreue (Medicina 2025)

Investitionen in Kommunikationstraining lohnen sich

Arzt-Patienten-Begegnungen werden kürzer, digitaler und flüchtiger. Umso wichtiger ist es laut dem Team um Leila Keshtkar vom Stoneygate Zentrum für empathische Gesundheitsversorgung, evidenzbasierte Kommunikationstrainings fest in Ausbildung und Fortbildung zu verankern. Nur so könne medizinisches Fachpersonal Barrieren zur Therapietreue systematisch abbauen.

Institut für Medizinische
Anthropologie und Bioethik
Unterstützt von: