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Fertility Awareness: Warum Wissen über Fruchtbarkeit zählt

Lesezeit: 05:27 Minuten

Der Kinderschwund besorgt die Politik. Studien zeigen, dass Frauen zu wenig über ihre Fruchtbarkeit wissen – und Umwelteinflüsse die Fertilität massiv belasten. Diese Kombination hat Folgen.

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In Österreich lag die Geburtenrate 2024 auf einem historischen Tiefstand. Die Gesamtfertilitätsrate – die zu erwartende Kinderzahl pro Frau – betrug nur 1,31 (Statistik Austria, Pressemitteilung: 13 547-040/25). Diese Rate liegt weit unter dem Reproduktionsniveau von 2,1 Kindern pro Frau.

In vielen Industrienationen zeichnen sich ähnliche Trends ab. International wächst die politische Debatte darüber, was es für eine Gesellschaft bedeutet, wenn zu wenige Kinder geboren werden und welche Hebel die Politik setzen könnte, um Familie wieder attraktiv zu machen.

Dabei zeigt sich: Nicht nur sozioökonomische Gründe spielen eine Rolle. Aktuelle Studien belegen, dass zu wenige Frauen über ihren Körper und ihre Fruchtbarkeit Bescheid wissen. Die Fertilitätskrise in den Industrienationen ist längst nicht mehr nur ein soziologisches Phänomen, sondern stellt ein medizinisches und gesundheitspolitisches Problem dar.

41 Prozent der Frauen kennen ihr Fruchtbarkeitsfenster nicht

Das Wissen über Menstruations- und Zyklusgesundheit – auch „Fertility Awareness“ oder Fruchtbarkeitsbewusstsein genannt – ist bei Frauen im gebärfähigen Alter gering. Das bestätigt eine im Fachjournal Reproductive Health (2025) publizierte Studie. Die Forschenden – Mitglieder des britischen Gesundheitsunternehmens Hertility Health – analysierten retrospektiv die Daten von 97.414 Frauen, die versuchten, schwanger zu werden. Die Frauen nahmen über fünf Jahre (2020 bis 2025) an einer Online-Gesundheitsbefragung teil. Dabei sollten sie Angaben zu ihrem Zyklus, zu früheren Schwangerschaften und zu ihrem Wissen über Fruchtbarkeit machen, insbesondere zum Zeitpunkt der fruchtbaren Tage.

Die Studienergebnisse weisen auf große Wissenslücken hin: Von den knapp 97.000 Frauen, die aktiv versuchten, schwanger zu werden, wussten 13,4 Prozent nicht, wann ihre fruchtbaren Tage im Zyklus sind; 27,6 Prozent gaben an, sich nicht sicher zu sein. Das bedeutet, dass 41 Prozent der befragten Frauen ihr Fruchtbarkeitsfenster nicht kannten. Zudem herrschte oft Unklarheit darüber, was klinisch als regulärer Zyklus gilt, was die gezielte Empfängnis zusätzlich erschwert.

Mehr Wissen fördert die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft

Die Forscherinnen weisen darauf hin, dass dieses begrenzte Wissen über den Eisprung und die fruchtbaren Tage die Empfängnis erschwert und dazu führen kann, dass mehr Paare eine kostspielige und strapaziöse IVF-Behandlung in Anspruch nehmen, obwohl keine Unfruchtbarkeit vorliegt. Wenn Paare nicht wissen, wann das fruchtbare Fenster ist, wird es schwieriger, den richtigen Zeitpunkt zu finden. Das wiederum kann zu Verzögerungen bei der Empfängnis beitragen.

Die Autorinnen betonen die dringende Notwendigkeit verbesserter reproduktiver Bildung und gezielter Aufklärung, um die Zeit bis zu einer erfolgreichen Befruchtung zu verkürzen. Durch präzisere Zykluskontrolle könnte die Abhängigkeit von medizinisch unterstützter Fortpflanzung verringert werden. Insgesamt unterstreicht die Forschung, dass biologisches Grundwissen eine essenzielle Voraussetzung für selbstbestimmte Familienplanung darstellt.

IVF ist mit niedrigen Erfolgsraten und gesundheitlichen Risiken verbunden

Die Herausforderung, natürlich schwanger zu werden, treibt immer mehr Paare dazu, es mit künstlicher Befruchtung (IVF) zu versuchen. Häufig fehlt zu diesem Zeitpunkt eine klare medizinische Diagnose zu den Ursachen der Unfruchtbarkeit (Bioethik aktuell, 2.11.2023). Außerdem werden die niedrigen Erfolgsraten und gesundheitlichen Risiken rund um die IVF kaum thematisiert. Die sogenannte „Baby-take-Home-Rate“ pro Embryotransfer ist niedrig und stark vom Lebensalter der Frau abhängig. Bei einer 35-jährigen Frau liegt diese laut den Zahlen des IVF-Registers in Deutschland bei 26 Prozent, bei einer 40-Jährigen nur noch bei 15 Prozent und bei einer 44-Jährigen bei 3,2 Prozent (Bioethik aktuell, 11.05.2023).

Die Vorstellung, künstliche Befruchtung als politisches Instrument zu nutzen – etwa durch staatliche Unterstützung, um damit ein demografisches Problem zu lösen – ist verfehlt. Denn selbst in Ländern wie Dänemark, wo die künstliche Befruchtung nicht nur für Paare, sondern auch für Single-Frauen offensteht und großteils vom Staat bezahlt wird, liegt die Geburtenrate bei niedrigen 1,5. Welche anderen Faktoren spielen also eine Rolle für den Kinderwunsch in den Industrienationen?

Kinderlosigkeit ist nicht immer eine bewusste Entscheidung

Eine aktuelle Studie aus Dänemark (Fertility und Sterility, 2025) kam zu einem besorgniserregenden Befund: Der Rückgang der Geburtenraten ist auf sinkende biologische Fruchtbarkeit sowohl bei Männern als auch bei Frauen (Fekundität) zurückzuführen – nicht bloß auf bewusst gewählte Kinderlosigkeit.

Die Studienautoren legen dar, wie hormonell wirksame Umweltchemikalien und moderne Lebensstile die menschliche Reproduktionsfähigkeit beeinträchtigen. Menschen sind einer Mischung aus über 100.000 synthetischen Chemikalien aus Kunststoffen, Pestiziden und fossilen Brennstoffen ausgesetzt, die in Blut, Urin und Gewebe weltweit nachweisbar sind. Das bleibt nicht ohne Folgen.

„Cocktail-Effekt": Soziologische Trends treffen auf geschwächte biologische Basis

Forscher sprechen von einem „Cocktail-Effekt“, bei dem die kombinierte Wirkung vieler endokriner Disruptoren die Fortpflanzungsfähigkeit beeinträchtigt. Da die Verschlechterung der reproduktiven Gesundheit zu schnell verläuft, um genetisch bedingt zu sein, rücken endokrine Disruptoren (EDCs) in Hormonen, Plastik oder Pestiziden verstärkt in den Forschungsfokus.

Bei Männern sinken Spermienqualität und -konzentration nachweislich. Da weibliche Fekundität schwerer direkt messbar ist, nutzt die dänische Studie die Comprehensive Unassisted Pregnancy Rate (CUPR). Dieses Analyse-Tool erfasst alle natürlichen Schwangerschaften über den Lebensverlauf: sowohl Lebendgeburten als auch abgebrochene Schwangerschaften. Geburten aus medizinisch unterstützter Fortpflanzung (wie In-vitro-Fertilisation) werden ausgeschlossen, da es sich nicht um natürliche Empfängnisse handelt.

Wenn Paare schließlich erst mit über 30 Jahren (EU-Durchschnitt für Erstgebärende) versuchen, ein Kind zu bekommen, trifft ihr höheres Alter auf eine biologische Kapazität, die bereits durch Umweltfaktoren und sinkende Spermienqualität geschwächt ist.

Das Paradoxon sinkender Fekundität bei günstigen Bedingungen

Für Dänemark stellten die Forscher fest, dass die Fähigkeit zur natürlichen Empfängnis über Generationen in allen Altersgruppen abnimmt – was gegen einen reinen „Aufschub-Effekt“ spricht. Vielmehr ist dies ein Indikator dafür, dass die Fähigkeit zur natürlichen Empfängnis in der Bevölkerung sinkt. Während sinkende Geburtenraten oft allein auf soziale oder wirtschaftliche Veränderungen zurückgeführt werden, weist eine sinkende CUPR auf biologische Faktoren hin: Die Zahl der Empfängnisse sinkt selbst dann, wenn soziale Bedingungen günstig sind.

Österreichs Familienministerin fordert Umdenken in der Aufklärung

Die Thematik ist also komplex. Familienministerin Claudia Bauer (ÖVP) für Österreich forderte kürzlich ein Umdenken: Das Land müsse kinder- und familienfreundlicher werden. Dabei nimmt sie auch die Schulen in die Pflicht. Im Aufklärungsunterricht würden Jugendliche „gefühlt einzig und allein über ungewollte Schwangerschaften und deren Verhütung“ informiert, so Bauer. Stattdessen solle das Positive an der Familiengründung stärker betont werden. „Das Thema Fruchtbarkeit ist in den Lehrplänen sehr vernachlässigt“, kritisiert die Ministerin (Ö1, 31.1.2026). Gerade das Wissen über den eigenen Körper und die fruchtbaren Phasen im Zyklus könnte vielen Frauen helfen, ihre Familienplanung selbstbestimmt zu gestalten – bevor biologische und umweltbedingte Faktoren die natürliche Empfängnis zusätzlich erschweren.

Institut für Medizinische
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