Bioethik Aktuell

Deutschland im Cannabis-Dilemma: Die Psychosen steigen, der Schwarzmarkt bleibt

Lesezeit: 05:42 Minuten

Zwei Jahre nach der Cannabis-Legalisierung in Deutschland wird der Ruf nach schärferen Gesetzen laut. Der Konsum von „Medizinal-Cannabis“ ist um 400 Prozent gestiegen. 

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Die Droge entkriminalisieren, die Suchtprävention stärken. Das war das Credo der Ampel-Regierung, als sie Cannabis im Februar 2024 legalisierte. Dass es wenig Sinn macht, diese beiden Ziele gleichzeitig zu verfolgen, wird knapp zwei Jahre nach der gesetzlichen Öffnung des Cannabis-Konsums immer klarer. So stieg parallel zur Teillegalisierung etwa der Verbrauch von sog. medizinischem Cannabis massiv an. Mit dem neuen Gesetz habe man Online-Plattformen, Apotheken und Mediziner als neue „Dealer“ befördert, sagen Kritiker. 

Medizinal-Cannabis: Wenn das Rezept zum Missbrauch wird

Der Import von Medizinal-Cannabis ist im ersten Halbjahr 2025 um ganze 400 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum gestiegen – von rund 19 auf 80 Tonnen. Der tatsächliche Bedarf von THC-haltigen Schmerzmitteln für Schwerkranke hingegen war nur um neun Prozent gestiegen, wie das Deutsche Ärzteblatt (2026) berichtete. Seit der Legalisierung können sich Konsumenten die Blüten ganz einfach per E-Rezept online bestellen und privat liefern lassen. Die Regierung will diesem Missbrauch nun einen Riegel vorschieben: Der Online-Versand von Medizinal-Cannabis soll wieder verboten werden, ein Werbeverbot wird diskutiert. Wer ein Cannabis-Rezept haben möchte, soll dies in Zukunft erst nach einem persönlichen Arztbesuch erhalten dürfen.

Hintergrund für den massiven Anstieg ist laut DGPPN-Präsidentin Euphrosyne Gouzoulis-Mayfrank, dass ein „großer Anteil dieser Verordnungen nicht medizinischen Zwecken dient, sondern dem Freizeitkonsum.“ Das Medizinal-Cannabisgesetz habe in der bisherigen Form zu erheblichen Fehlentwicklungen geführt, kritisierte die Präsidentin in einer Anhörung zur Änderung des Gesetzes im Gesundheitsausschuss des Deutschen Bundestags (14.01.2026).

Sieben Fachgesellschaften – darunter die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (DGPPN), die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin und die Deutsche Gesellschaft für Suchtforschung – fordern deshalb, dass Cannabis wieder dem Betäubungsmittelgesetz unterstellt wird, um Verschreibungen und Vertriebswege besser überwachen zu können.

Zudem sei die wissenschaftliche Evidenz für Medizinal-Cannabis „kaum vorhanden bis gering", heißt es in einer gemeinsamen Stellungnahme 2026. Moderate Effekte gebe es lediglich für chronisch-neuropathische Schmerzen, Muskelspastik und Appetitstimulation bei Übelkeit während der Chemotherapie, so die Experten.

Fragwürdige Online-Plattformen boomen

Die Online-Plattform DoktorABC etwa wirbt mit einer „diskreten Lieferung von Medizinal-Cannabis in 1-2 Tagen, als Express“. Auf dem E-Rezept kann man neben Morbus Crohn oder Multiple Sklerose auch Symptome wie „Stress“, „Schlafprobleme“ oder „Schmerzen bei der Menstruation“ ankreuzen. Das Alter wird auf der Plattform zwar abgefragt, aber nicht überprüft.  Konsumenten müssen am Ende lediglich per Mausklick bestätigen, dass sie ihren „Arzt-vor-Ort über diese Sprechstunde informieren“ werden.

Seit der Legalisierung ist die Patientenzahl um das Vierfache gestiegen, was die Plattform als positive Entwicklung für sich verbucht. Vor allem die Altersgruppe 55+ habe die Rauschblüte für sich entdeckt und verwendet Cannabis statt Ibuprofen, weil es angeblich „magenverträglicher” ist.

Suchtrisiko bei Medizinal-Cannabis: 25 Prozent

Das Gefährliche dabei: Die Suchtquote bei der Anwendung von Cannabisarznei liegt laut Stellungnahme der Fachgesellschaften bei rund 25 Prozent. Die Experten kritisieren, dass Online-Plattformen die Blüte als „risikoarmes Wellness-Produkt“ bewerben. Nach dem Heilmittelwerbegesetz fordern sie ein „Verbot der Lifestyle-Inszenierung“ in Kleidung, Aufklebern und jeglicher Darstellung von Medizinal-Cannabis als Genussmittel. „Die Werbung ist das Hauptproblem“, betonte ein Sprecher vom Bund Deutscher Cannabis-Patienten bei der Bundestagsanhörung.

Die Fachgesellschaft weisen kritisch auf das vermehrte Online-Angebot von sogenannten „Edibles“ als Arzneimittel (z.B. Fruchtgummis mit THC-Gehalt) hin. Damit würde „Harmlosigkeit suggeriert”. Schließlich geben die Experten zu bedenken, dass „Teile der hohen Importmengen des Medizinal-Cannabis auch in nicht-regulierte Kanäle gelangen“ könnten.

Deutschland steckt in einem Dilemma

Diese Sorge ist berechtigt. Eine Studie der Universitätskliniken Hamburg-Eppendorf und Düsseldorf und des Instituts für Kriminologie der Uni Tübingen, zeigt, dass es die mittlerweile 400 existierenden Cannabis Clubs (Verband der Deutschen Anbauvereinigungen) bisher nicht geschafft haben, den Schwarzmarkt zu verdrängen. Um das zu erreichen, müsste Cannabis komplett und ohne Auflagen legalisieren, wie dies in einigen US-Staaten der Fall ist (2023: Institut für interdisziplinäre Sucht- und Drogenforschung Hamburg).

Allerdings: Legalisiert ein Land den kommerziellen Vertrieb, erhöht sich auch die Zahl der Konsumenten und die damit verbundenen Gesundheitsfolgen. Hält ein Land an hingegen an Auflagen fest, steigen der Konsum und die damit assoziierten Gesundheitsfolgen zwar langsamer an, der billigere und leichter zugänglichere Schwarzmarkt bleibt jedoch parallel dazu bestehen. In diesem Dilemma scheint sich Deutschland zu befinden.

Klare Datenlage zu negativen Gesundheitsfolgen

Cannabis gilt als einer der stärksten Risikofaktoren für die Entwicklung psychotischer Störungen. Das Risiko einer Psychose ist bei intensivem Konsum 3,4-mal so hoch wie bei Nichtkonsumenten. Die Wahrscheinlichkeit, eine Sucht zu entwickeln liegt bei 9 Prozent und steigt bei Jugendlichen auf 17 Prozent. Cannabis erhöht zudem das Risiko für bipolare Störungen, Angststörungen und Depressionen (CaPris-Studie 2018, Bioethik Aktuell, 9.9.2021)

Untersuchungen in Deutschland geben ein erstes Bild: In Schwaben sind stationäre Krankenhausaufenthalte wegen Cannabiskonsum seit der Legalisierung um das 1,5-fache gestiegen - die Zahl der Psychosen hat sich sogar beinahe verdoppelt (Deutsche Zentrum für Psychische Gesundheit, November 2025).

Der Psychiater und Co-Autor der Studie, Alkomiet Hasan von der Universität Augsburg, gibt allerdings zu bedenken, dass nicht alle Fälle tatsächlich neu sind. Ein Teil des Anstiegs könnte auf eine veränderte Diagnostik zurückgehen: Ärzte diagnostizieren nun häufiger „Cannabispsychose“ statt einfach „Psychose“, wenn Patienten ihren Konsum offenlegen. Tatsächlich wurden gleichzeitig weniger Psychosen ohne Cannabis-Bezug diagnostiziert. Dieser Effekt könnte etwa ein Drittel des gemessenen Anstiegs erklären. Möglicherweise trauen sich seit der Legalisierung mehr Patienten, ihren Konsum zu gestehen. Ob die Gesamtzahl der Psychosen weiter steigen wird, ist Gegenstand der Forschung.

„Doch die Ergebnisse sollten uns veranlassen, die Entwicklung wissenschaftlich aufmerksam zu verfolgen und bereits jetzt verstärkt in Prävention zu investieren“, betont Studienleiterin Sophie-Kathrin Greiner. Internationale Studien deuten auf langfristige Folgen hin. Aus Dänemark liegen deutliche Hinweise vor, dass sich ganze 47 Prozent der Psychosen im Laufe von 20 Jahren zu chronischen psychotischen Störungen entwickeln. Britische Forscher hatten bereits im Jahr 2007 im renommierten Fachjournal Lancet vor steigenden Psychosen durch Cannabiskonsum hingewiesen und mehr Aufklärung gefordert. 

Justiz und Polizei stehen vor massiven Vollzugsproblemen

Die gravierendsten praktischen Probleme einer Legalisierung bei der Justiz und Polizei. Die Entwicklung beim Medizinal-Cannabis zeigt, wie schwierig und aufwendig es ist, die zahlreichen Schlupflöcher zu kontrollieren, die durch die Teillegalisierung entstanden sind, zu kontrollieren. Sicherheitsbehörden hatten daran bereits im Vorfeld massiv Kritik geübt (Bioethik aktuell, 23.2.2024), etwa an kaum zu kontrollierenden Abstandsregelungen zu Kindergärten. Der Deutsche Richterbund hatte von einem „Bürokratiemonster“ gewarnt, dass de facto nicht kontrolliert werden könnte.

Prävention bei gleichzeitiger Legalisierung ist ein Fass ohne Boden

Die Droge entkriminalisieren, die Suchtprävention stärken. Nach zwei Jahren Legalisierung zerbröckelt das Credo der Ampel-Regierung. Denn: Wo die Entkriminalisierung die Sicherheitsbehörden vor unmögliche Aufgaben stellt, Konsum- und Psychose-Zahlen steigen und der Schwarzmarkt bestehen bleibt, kann sie nicht in einem Satz stehen mit der Forderung nach Prävention. Es gilt, die Warnungen der Justiz und der Ärzte über die lautstarke Cannabis-Lobby hinweg ernst zu nehmen.

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