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Handy weg – und dann? Warum Verhaltensänderung mehr braucht als Verzicht

Lesezeit: 04:37 Minuten

70.000 Schüler haben beim „Handyexperiment“ im März 2026 auf ihr Handy verzichtet – und fühlten sich besser. Doch Studien zeigen: Dauerhafte Veränderung gelingt erst, wenn Verhalten sich an Werten und Sinn orientiert.

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Was passiert, wenn man für drei Wochen einfach mal das Handy ausschaltet? Diesem Experiment haben sich im März 70.000 Schüler aus Österreich, Deutschland, Italien und Liechtenstein unterzogen. Initiiert wurde das „Handyexperiment“ vom Bildungsministerium gemeinsam mit dem ORF. Oliver Scheibenbogen vom Anton-Proksch-Institut und der Sigmund Freud PrivatUniversität Wien leitete die wissenschaftliche Begleitung und testete die Schüler auf ihre Schlafqualität, ihr Stresslevel und ihre Stimmung. Damit man die Ergebnisse vergleichen kann, hat ein Teil der Schüler lediglich auf soziale Medien verzichtet, und ein dritter Teil das Handy ganz normal weitergenutzt. Die Endauswertung der Daten soll bis Ende Mai 2026 vorliegen. 

Experiment 2025: nachhaltige Veränderung nur bei 12 von 69 Schülern

Das Handyexperiment hatte im kleineren Format schon einmal im Mai 2025 stattgefunden. Biologie-Lehrer Fabian Scheck aus dem niederösterreichischen Gänserndorf hatte damals schon knapp 70 Schüler dazu motiviert, für drei Wochen auf das Smartphone zu verzichten. „Heute habe ich so lange und gut geschlafen, wie schon seit Wochen nicht mehr. Es geht mir körperlich und psychisch besser, ich habe viel weniger Stress“, berichtete damals die 15-jährige Sandra.

Dem Großteil ihrer Mitschüler ging es ähnlich: 77 Prozent der Schüler hatten vor dem Experiment einen problematischen Internetgebrauch aufgewiesen. 29 Prozent gaben an, in der ersten Woche unter Entzugserscheinungen wie Kopfschmerzen, Unruhe, Schlaflosigkeit und Gereiztheit gelitten zu haben. Während der drei Handyfasten-Wochen reduzierten sich depressive Symptome um ein Drittel. Umgekehrt stieg das psychische Wohlbefinden um 30 Prozent. Die Schüler fühlten sich erholter als nach zwei Wochen Ferien.

Das Ergebnis war aber auch teilweise ernüchternd: Über 30 Prozent brachen das Experiment vorzeitig ab. Von den Verbleibenden konnten nur 25 Prozent ihre Handy-Zeit nachhaltig reduzieren. Rechnet man das auf die gesamte Gruppe um, gab es nur bei 12 von 69 Schülern einen langfristigen Effekt.  Woran könnte das liegen?

Flucht vor unangenehmen Gefühlen

Eine australische Studie (Computers in Human Behavior Reports, 2025) legt dar, dass das Smartphone häufig als Bewältigungsstrategie dient. Statt um die Likes selbst oder um süße Tiervideos, geht es vielen Nutzern mehr um die Ablenkung von ihren eigenen unangenehmen Gefühlen. Viele greifen vor allem dann zum Handy, wenn sie sich zum Beispiel einsam fühlen oder vor einer Aufgabe sitzen, die sie überfordert oder anstrengt.

Wer das Handy braucht, um immer wieder vor den Schwierigkeiten des Alltags zu flüchten, für den kann der reine Verzicht – etwa durch einen „Digital Detox“ – zu kurz greifen. Ohne alternative Strategien besteht die Gefahr, dass andere ungesunde Verhaltensweisen an die Stelle der Smartphone-Nutzung treten, wie etwa exzessives Grübeln, emotionales Essen oder andere Formen von Substanzmissbrauch.

Selbstkontrolle beginnt im Kopf

Wichtig ist zunächst die Kontrollüberzeugung. Wer merkt, dass er innere Glaubenssätze wie „Ich kann es eh nicht mehr kontrollieren“ hegt, sollte diese bewusst hinterfragen. Australische Forscher wiesen nach, dass Menschen mit einer starken inneren Kontrollüberzeugung – also der Überzeugung, ihr Leben und ihre Emotionen selbst beeinflussen zu können – auch tatsächlich eine höhere Selbstkontrolle aufweisen. Diese wiederum steht in engem Zusammenhang mit gesünderen Lebensweisen und besserer psychischer sowie körperlicher Gesundheit. Umgekehrt verstärken Überzeugungen wie „Das liegt außerhalb meiner Kontrolle“ problematische Muster (SSM - Population Health 2024).

Alternativen leben, Raum für echte soziale Kontakte schaffen

Im Projekt werden deshalb sowohl den Jugendlichen konkrete Alternativen vorgeschlagen als auch den Eltern Maßnahmen, wie sie ihre Kinder unterstützen können: feste Regeln wie „Handy ab 19 Uhr aus“ oder „nachts nicht ins Zimmer“, Zeitfresser-Apps wie TikTok oder Instagram deaktivieren. Für Jugendliche entsteht so Raum für echte soziale Kontakte: gemeinsame Aktivitäten wie Kochen, Backen, ein Ausflug, Sport, Musizieren oder kreative Beschäftigungen – oder einfach die Oma besuchen. Eltern unterstützen am besten, indem sie selbst mitmachen, Limits via „Digitales Wohlbefinden“ einstellen, Familienzeit wie Kochen oder Spieleabende fördern und nachfragen: „Wie fühlt sich weniger Screen-Time an?“

Sinnorientierte Veränderung

Entscheidend ist also nicht nur, wovon Jugendliche Abstand nehmen, sondern wofür. Viktor Frankl, Begründer der Logotherapie, sah im Sinn das existenzielle Bedürfnis, das Menschen durch Abstinenz oder Verzicht erst wirklich erfüllt werden kann. Ähnlich betont die Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT) nach Steven C. Hayes, dass nachhaltige Verhaltensänderung weniger durch bloße Selbstkontrolle gelingt, sondern dadurch, dass Menschen ihr Handeln bewusst an persönlich bedeutsamen Werten ausrichten und auch unangenehme innere Erfahrungen annehmen lernen. Eine Studie von Xenia Vuciz (Universität Graz) legt nahe, dass spirituelles Wohlbefinden mit Faktoren wie innere Hoffnung und die Fähigkeit zu vergeben in Zusammenhang mit weniger Suchtverhalten stehen. Verzicht und Selbstkontrolle kann so zum Einstieg in sinnvolle Lebensgestaltung werden. (Frontiers in Psychology, 2022)

Verbote allein reichen nicht: Was wirklich hilft

Weltweit beschließen immer mehr Länder, Kinder und Jugendliche vor schädlichen Auswirkungen eines ungesunden Handykonsums zu schützen. In Frankreich, den Niederlanden und Schweden wird die Nutzung digitaler Geräte an Schulen inzwischen stärker reguliert. In Österreich hat die Regierung im März 2026 ein Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche unter 14 Jahren beschlossen. An vielen Schulen gilt bereits ein Handyverbot bis zur Oberstufe.

Jugendliche zum bewussten Verzicht zu ermutigen ist positiv. Gleichzeitig sollte man sie auch auf mögliche Entzugserscheinungen, emotionale Leerräume und die Gefahr von Ersatzverhalten vorbereiten. Entscheidend wird sein, ihnen konkrete alternative Bewältigungsstrategien zu vermitteln: vom Umgang mit Stress und Überforderung bis hin zur aktiven Auseinandersetzung mit eigenen Werten und Sinnfragen. Nur wenn Jugendliche sich darin einüben, mit unangenehmen Gefühlen konstruktiv umzugehen und ihr Verhalten an persönlichen Zielen auszurichten, kann aus einem zeitlich begrenzten Experiment eine nachhaltige Veränderung entstehen.

Institut für Medizinische
Anthropologie und Bioethik
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