Pharmaindustrie: Bitte keine Ratschläge zum Sexualverhalten!

Imago Hominis (2005); 12(3): 177-178
Enrique H. Prat

Es ist nicht ganz abwegig, dass Frauen darüber beraten werden wollen, ob und welche Kontrazeptiva sie verwenden können. Sicher aber wollen sie keinen Ratschlag der Pharmaindustrie.

Mitte Juli 2005 hat die Österreichische Tochter von Wyeth, Wyeth Lederle Pharma GesmbH, eine Studie in Wien präsentiert, die sie in Auftrag gegeben hatte: „Was Frauen wollen – Wünsche und Anforderungen von Frauen beim Thema Verhütung“. Warum geht Wyeth gerade mit dieser Studie an die Öffentlichkeit?

Der Geschäftsführer des Unternehmens sagte in der Pressekonferenz, dass die Studie in Auftrag gegeben wurde, weil sie über das Verhütungsverhalten der Frauen in Österreich Bescheid wissen wollten. Damit sagen sie nichts über ihre Motivation aus, denn sie geben nur das Faktum bekannt, dass sie den Auftrag erteilt haben. Er führte auch an, dass es vergleichbare Studien in anderen Ländern nicht gibt, jedenfalls scheint es so, dass Wyeth sich nur in Österreich dafür interessiert. Außerdem soll im kommenden Jahr eine weitere aktualisierte Erhebung in Österreich erstellt werden. Also: das Interesse ist nachhaltig.

Eine der bedeutendsten Schlussfolgerungen der Studie ist, dass es bei Frauen in der Altersgruppe von 26 bis 40 Jahren ein Informationsdefizit geben muss, sonst bleibt es unerklärlich, wieso die Pille nicht mehr so „beliebt“ ist. Am 17. Oktober 2005, knapp 3 Monate nach dieser Pressekonferenz, präsentierte Wyeth in einem Pressegespräch nochmals die Ergebnisse der Befragung. Jetzt aber wollte Wyeth herausstreichen, dass die Antibaby-Pille vor der Hormonspirale und dem Kondom das beliebteste Antikonzeptivum ist, das von 27% der Frauen zwischen 14 und 40 Jahren verwendet wird. Es wurden auch Ergebnisse über den geschlechtsspezifischen Kinderwunsch präsentiert. Nur 22% der Frauen im gebärfähigen Alter wünschen sich Kinder. Hingegen sind es bei den Männern zwischen 15 und 55 Jahren 49%, die diesen Wunsch haben. Diese Ergebnisse widersprechen den vorliegenden seriösen Daten über den geschlechtsspezifischen Kinderwunsch. Was steht hinter dieser merkwürdigen Öffentlichkeitsarbeit von Wyeth in Österreich?

Das Heft Imago Hominis 1/2005 wurde der Ethik der Pharmaindustrie gewidmet. Es wurde darin die These vertreten, dass die Pharmaindustrie bedeutend besser als ihr Ruf ist. Auf Grund der angeführten Analysen und Erfahrungen ist es schwer vorstellbar, dass Studien wie diese zu einer Verbesserung des Rufes beitragen können. Es ist wohl eher das Gegenteil zu erwarten. Warum?

a) Die Psychologie des Konsums von Arzneimitteln zeigt, dass die Beziehung des Konsumenten zum Produkt eine ganz andere ist als bei sonstigen Produkten. Der normale Patient nimmt das Arzneimittel in der Regel nicht aus Lust ein, sondern weil er eine bestimmte Situation vermeiden will (Leiden, Tod, Schwangerschaft, etc.). Er muss es also tun, obwohl er es eigentlich primär nicht will. Er hat keine andere Wahl, als das vom Arzt seines Vertrauens vorgeschriebene Medikament zu nehmen. Das Präparat wird er niemals lieben wie einen Mercedes, eine Füllfeder oder eine Speise. Die Pharmafirma spielt für den Patienten in seiner intimen Beziehung zu sich selbst, d. h. zu seiner Gesundheit und zum Vertrauensarzt kaum eine Rolle. Erst durch Medienberichte oder in Gesprächen mit dem Arzt oder anderen Patienten wird ihm bewusst, dass er von der Pharmaindustrie abhängig ist. Aber da kommen keine Dankbarkeitsgefühle auf, denn in seinen Augen nutzt dieser Industriezweig seine Not und seine Ängste aus. Die Medikamente, die er einnimmt, bringen dem Kapitalmarkt mehr Rendite als jedes andere Industrieprodukt. Es gibt also viele Menschen, die sich gerade an seiner Bedürftigkeit bereichern. Natürlich kann man sich auch denken, solche Medikamente bewahren vor größerem Unglück, aber die Gefühle der Dankbarkeit richten sich unmittelbar auf den Arzt, für die Herstellerfirma bleibt nichts übrig.

b) Es hat den Anschein, dass Wyeth mit dieser Studie den Frauen in Österreich sagen will: Nehmt besser die Pille statt andere Verhütungsmittel! Wenn der Gynäkologe das raten würde, hätte es eine Wirkung. Die Pharmaindustrie ist da sicher nicht vertrauenswürdig, und der Gynäkologe braucht den Rat von Wyeth nicht.

c) Dass gerade aus der von Wyeth beauftragten Studie die Produkte, die Wyeth vertritt, besser abschneiden, bestätigt das weit verbreitete Vorurteil, der Pharmaindustrie gehe es eigentlich nur ums Geschäft mit den Gesundheitsproblemen der Menschen.

d) Verhütung ist eine ziemlich private und intime Frage. Moralisch ist sie nicht unumstritten. Genau genommen handelt es sich im Falle der Antibabypille weder um die Beseitigung von gesundheitlichen Problemen noch um ein Arzneimittel. Da sollte die Pharmaindustrie zurückhaltender sein. Ihr Ruf kann hier nur noch größeren Schaden erleiden.

e) Das große Problem der Gesellschaften in Europa und auch in Amerika ist der demographische Crash der kommenden Dekaden. Dabei ist der Zusammenhang mit der Veränderung der Reproduktionsrate nach der Entwicklung der Pille (als einer unter vielen Faktoren) eindeutig. Man kann die Menschen nicht bevormunden und ihnen sagen, dass sie die Pille nicht nehmen sollen, aber auch nicht, dass sie die Pille schlucken sollen, am allerwenigsten die Pharmaindustrie.

Pharmaindustrie! Bitte, keine Ratschläge zum Sexualverhalten!

Anschrift des Autors:

Prof. Dr. Enrique H. Prat, Imabe-Institut
Landstraßer Hauptstraße 4/13, A-1030 Wien
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