Die Grenzen der Sozialmedizin

Imago Hominis (2008); 15(4): 319-327
Josef Kandlhofer

Zusammenfassung

Versicherungen lösten im 19. Jh. die familiale Solidarität ab. Seit Beginn durchlaufen sie aber eine Krise, da die Versichertenmehrheit meint, sie erhalte weniger als sie einzahlt. Auch daher stoßt die Sozialmedizin an ihre Grenzen. Die Ökonomie im Gesundheitswesen zeigt, dass es im Unterschied zu anderen Märkten nie einen Überfluss an medizinischen Leistungen gibt. Da davon auszugehen ist, dass Verbesserungen nicht unbegrenzt zu finanzieren sind, wäre das Rationalisierungs- und nicht das Rationierungsgebot in der Medizin moralische Pflicht. In Westeuropa werden die Ressourcen knapper, wodurch Verantwortliche der medizinischen Verwaltung die Pflicht haben, alle zu Gebote stehenden Effizienzpotenziale zu heben. Aber es entstehen auch für Patienten moralische Verpflichtungen: Primär sei Eigenverantwortung und dann Solidarität genannt. Manche sprechen von der 2-Klassen-Medizin. Im ASVG wird die Krankenbehandlung für alle einheitlich geregelt: … sie muss ausreichend und zweckmäßig sein und darf das Maß des Notwendigen nicht überschreiten. Dies schließt die 2-Klassen-Medizin aus, da gleicher Standard für jährlich 80 Mio. Arztbesuche in Österreich festgelegt ist.

Schlüsselwörter: Gesundheitsökonomie, Rationalisierung, Verantwortlichkeit, Solidarität

Abstract

Insurances have replaced familial solidarity in the 19th century. They are, however, afflicted by a continuing crisis, since the majority of insured people hold that they are gaining less than what they have paid – pushing social medicine towards its limits. Health economy can – compared with other markets – never deal with an abundance of (medical) output. Since amendments are financially limited, it appears to be a moral obligation to practice rationalization rather than rationing in medicine. In the light of resources becoming scanty in Western Europe, the potential of raising efficiency is an obligatory challenge for conscientious health managers, appealing primarily on individual responsibility, but also solidarity. Some people see a problem in the divergence between a so-called first and second class medicine. The Austrian legislation provides a uniform ruling: … (the practice of medicine) must be sufficient and practical and must not go beyond measures of necessity. This excludes a “medicine of two classes”, a standardization, which applies to yearly 80 million visits with a physician in Austria.

Keywords: Health economy, rationalization, personal responsibility, solidarity

Anschrift des Autors:

Prof. Dr. Josef Kandlhofer
Generaldirektor des Hauptverbandes der österr. Sozialversicherungsträger
Kundmanngasse 21, A-1030 Wien






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