Ist eine marktorientierte Medizin überhaupt noch Medizin? Zur inneren Aushöhlung des medizinischen Kerngedankens durch den Markt

Imago Hominis (2008); 15(4): 293-302
Giovanni Maio

Zusammenfassung

Die zunehmende Implementierung ökonomischer Denk- und Wertmuster in die Medizin geht von verschiedenen Vorannahmen aus, die einer ethischen Bewertung unterzogen werden. Zu diesen Vorannahmen zählen die Vorstellung des Patienten als Kunden, die Definierung der ärztlichen Hilfe als Ware und die Subsumierung der medizinischen Abläufe am Paradigma der Wettbewerbsfähigkeit. Alle drei Voraussetzungen erweisen sich bei genauer Betrachtung als ungeeignet für eine unhinterfragte Anwendung auf die Medizin. Solange man die Medizin von ihrer Grundlage her vor allem als Dienst am Menschen betrachtet, kann das, was in der Medizin vollzogen wird, nicht vollkommen in Marktwerten ausgedrückt werden. Es zeigt sich, dass die zunehmende Ausrichtung der Medizin an ökonomischen Denkmustern die Gefahr in sich birgt, dass die Medizin sich allein an dem Kriterium der Profitabilität orientieren und hierbei ihre ureigene Identität als Institution der Hilfe dadurch überlagern lassen könnte. Es wird dafür plädiert, die Medizin auf ihre Kernziele zurückzuführen, woraus sich die nicht hintergehbare Verpflichtung der Medizin ableitet, die soziale und karitative Dimension ihres Tuns aufrechtzuerhalten und diese nicht dem Kriterium der Marktfähigkeit unterzuordnen.

Schlüsselwörter: Ökonomisierung, Arzt-Patient-Beziehung, Selbstverständnis der Medizin, Ethik der Sorge

Abstract

The implementation of the market into medicine is only possible by presupposing at least three implications: a. the patient as consumer, b. medical care as commodity, c. competitiveness as criteria for good medicine. All three implications seem to be inadequate if the core identity of medicine is considered. If medicine is regarded as a human service for suffering people it becomes clear that what medicine has to offer must be more than mere commodity. It is suggested to see medicine as a social institution which is linked to the obligation of the whole society to give medicine the possibility and the economic independence in order to remain an institution of caritas which assures help for every man in need and which cannot be reduced to a mere enterprise.

Keywords: Medical ethics, commodification, physician-patient-relationship, identity of medicine, human service

Anschrift des Autors:

Prof. Dr. Giovanni Maio, Lehrstuhl für Bioethik
Institut für Ethik und Geschichte der Medizin Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Stefan-Meier-Straße 26, D-79104 Freiburg/Breisgau
maio(at)ethik.uni-freiburg.de






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