Freiheit – eine Illusion meines Gehirns? Ein neurowissenschaftliches Aufklärungsprogramm

Imago Hominis (2009); 16: 317-327
Günther Pöltner

Zusammenfassung

Die These, Freiheit sei eine Illusion, basiert auf einem unzureichenden Freiheits- und Handlungsbegriff: Die sich in der Lebenspraxis manifestierende Freiheit (i. S. eines überlegten Willens) wird in einen beobachtbaren Naturvorgang umgedeutet, Handlungsgründe bzw. Bedingungen mit Ursachen verwechselt. Die antithetisch verstandene Gegenüberstellung von Naturdeterminismus und Freiheit übersieht, dass die leibliche Natur des Menschen Freiheit nicht verhindert, sondern im Gegenteil ermöglicht. Die Hirnforschung kann zwar zu einem besseren Verständnis des Strukturunterschieds zwischen Tätigkeiten eines Menschen und menschlichen Handlungen verhelfen, verstrickt sich aber mit der Aufforderung, man möge sich der die Freiheit leugnenden Illusionsthese anschließen, in einen performativen Widerspruch.

Schlüsselwörter: Freiheit, Handeln, Natur, Determinismus

Abstract

The thesis that freedom is an illusion is based on an incomplete conception of freedom and action. Freedom (in the sense of a considered will), as manifested in the practice of life, is interpreted as an observable natural event, and the motives and conditions of action are mistaken as causal. The confrontation of natural determinism and freedom fails to notice that human nature is not limiting but instead makes freedom possible. Brain research can contribute to a better understanding of the structural difference pertaining to the action of an individual versus human actions per se. However, brain research becomes entangled in a contradiction when it suggests to follow the illusionary thesis of denying freedom.

Keywords: Freedom, Action, Nature, Determinism

Anschrift des Autors:

Univ.-Prof. Günther Pöltner
Institut für Philosophie, Universität Wien
Universitätsstraße 7, A-1010 Wien
guenther.poeltner(at)univie.ac.at






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