Immer mehr junge Menschen verschieben die Familiengründung aus sozialen oder beruflichen Gründen nach hinten. Dass die Fruchtbarkeitsraten global sinken, liegt allerdings auch an einem immer größer werdenden Wissensdefizit beim Thema Fruchtbarkeit – nicht nur in der Bevölkerung, sondern auch unter medizinischen Fachkräften. Zwei britische Fertilitätsexperten nehmen diese besorgniserregende Entwicklung in Reproductive Biomedicine Online (Juli 2026) kritisch unter die Lupe. Adam Balen, Professor für Reproduktionsmedizin am Leeds Centre for Reproductive Medicine, und Grace Dugdale, Reproduktionsbiologin und Gründerin von Balance Fertility engagieren sich seit Jahren für eine bessere Aufklärung über Fruchtbarkeit. Balen hat 2016 in Großbritannien die Fertility Education Initiative (FEI) mitbegründet. Darin wird jungen Menschen strukturiertes Wissen über die eigene Fruchtbarkeit – von altersbedingten Veränderungen über Ernährung und Lebensstil bis zu Umwelteinflüssen – vermittelt. Ziel ist es, sie mit dem erforderlichen Wissen auszustatten, damit sie sich nicht um die Möglichkeit bringen, eine Familie zu gründen.
Junge Menschen wollen Kinder, wissen aber zu wenig
Junge Menschen sind bestens darüber aufgeklärt, wie es geht, eine Schwangerschaft zu verhüten. Wenn es allerdings darum geht, tatsächlich mit der Familienplanung zu starten, mangelt es vielen an Basiswissen über ihre eigene Fruchtbarkeit. „Während viele Studien ein allgemeines Bewusstsein für den altersbedingten Rückgang der Fruchtbarkeit zeigten, hatten die meisten Teilnehmer keine Informationen darüber, wann dieser beginnt und wie schnell er abnimmt, und viele dachten, dass die Fruchtbarkeit von der ersten Menstruation bis zur Menopause konstant sei“, so die britischen Fertilitätsexperten.
Laut einer nationalen Umfrage in Großbritannien aus dem Jahr 2016 wünschen sich Jugendliche, besser über das Thema Zeugungsfähigkeit, Kinderwunsch und Familienplanung aufgeklärt zu werden. Gleichzeitig ist das Thema Kinderkriegen unter jungen Leuten von vielen Ängsten begleitet: Obwohl sich 64 Prozent grundsätzlich Kinder wünschen, äußern die meisten nicht nur Bedenken wegen Zeit- und Geldsorgen, sondern auch Zukunftsängste und die Frage, in welcher Welt ihre eigenen Kinder einmal leben müssen. Viele fühlen sich zudem überfordert, die Familienplanung mit Ausbildung und beruflichen Anforderungen zu vereinen.
Frauen nehmen es als „lebensverändernde Entscheidung“ wahr, ein Kind zu bekommen – eine Entscheidung, die erst „zum richtigen Zeitpunkt“ fallen sollte. Die meisten haben allerdings nur ein begrenztes Verständnis für die Risiken, die das Aufschieben des Kinderwunsches mit sich bringt – obwohl viele angeben, Angst zu haben, es zu bereuen, wenn sie zu lange warten und am Ende keine Kinder bekommen.
Desinformation zu Social Egg Freezing und IVF in den sozialen Medien
Auch über moderne Technologien zur Künstlichen Befruchtung und zum Aufschieben der Fruchtbarkeit (wie Social Egg Freezing oder IVF) herrsche ein gefährliches Halbwissen. Während ihre Vorteile breite Öffentlichkeit genießen, gebe es wenig Diskussion über ihre Grenzen und Risiken, vor allem je älter Menschen werden. „Auf den sozialen Medien herrscht dazu ein Klima der Desinformation, das durch Menschen gefördert wird, die mehr Meinung als Expertise haben“, so die Studienautoren. Mediziner sollten sich dessen bewusst sein und selbst proaktiver in den sozialen Medien aufklären, um eine ausgewogene, inhaltlich korrekte Stimme zu bieten.
Selbst Ärzte kennen sich kaum aus
Nicht nur in der Allgemeinbevölkerung, auch unter Medizinern ist das Wissen über Fruchtbarkeit nachweislich mangelhaft. Eine Umfrage unter fast 3.000 Assistenzärzten in der Facharztausbildung in den USA zeigte sich, dass nur 40 Prozent Fragen zur Fruchtbarkeit korrekt beantworten konnten. Nur ein Drittel der Ärzte konnte korrekt über die Risiken und Grenzen des Fruchtbarkeitserhalts informieren. Besorgniserregend dabei war, dass Gynäkologen (knapp 16 Prozent der Befragten) nicht besser abschnitten als ihre Kollegen aus anderen Fachrichtungen.
Die britischen Fertilitätsexperten bemängeln „ernsthafte Lücken“ in der Ärzteausbildung im Vereinigten Königreich. Hausärzte müssten keinen verpflichtenden Lehrgang zum Thema Fertilität und Frauengesundheit absolvieren. Das führe zu vielen verpassten Gelegenheiten, verspäteten Diagnosen gängiger Krankheiten wie Endometriose oder dem Polyzystischen Ovarialsyndrom, und zu falschen Untersuchungen, die nicht nur teuer seien, sondern die adäquate Versorgung der Patientinnen zusätzlich verzögerten. Ein besseres Bewusstsein für Fruchtbarkeit zu schaffen, sei „wesentlich, wenn wir verhindern wollen, dass sich manche Patienten um eine Familie betrogen fühlen, nur weil ihnen Informationen fehlen.“
Was eine umfassende Fertility Education beinhalten müsste
Die von Adam Balen 2016 mitbegründete Fertility Education-Initiative verfolgt das Ziel, den Trend der sinkenden Geburtenraten umzukehren. Die Initiative ist ein Zusammenschluss leitender Fachleute aus Gesundheits- und Bildungswesen und stellt Schulen validierte Unterrichtsmaterialien zur Verfügung. Sie setzt sich für eine flächendeckende Fertility Education ein. Durch ihre Zusammenarbeit mit dem Bildungsministerium sind Lehreinheiten mit Fakten rund um Fertilität und die potenziellen Auswirkungen des eigenen Lebensstils auf die Fruchtbarkeit seit 2019 fester Bestandteil des Lehrplans der Sexualaufklärung an staatlichen englischen Schulen.
Junge Menschen sollten früh genug auf Risikofaktoren sensibilisiert werden. Als solche nennen sie explizit gesellschaftliche und kulturelle Einflüsse, also zum Beispiel das Verschieben des Kinderwunsches, um sich beruflich zu etablieren. Zudem brauche es eine bessere Aufklärung darüber, inwiefern sich der eigene Lifestyle – Ernährung, Sport, Rauchen und Alkoholkonsum, freizeitlicher Drogengebrauch, sexuell übertragbare Infektionen und der allgemeine Gesundheitszustand – auf die spätere Familienplanung, die Schwangerschaft und die Gesundheit des eigenen Babys auswirken. Als Reproduktionsbiologin verweist Grace Dugdale zudem auf Umweltfaktoren, die mit der global wachsenden Infertilität in Verbindung gebracht werden – darunter diskutierte Einflüsse wie Hitzestress, hormonell wirksame Chemikalien und Luftverschmutzung sowie das verstärkte Aufkommen nicht übertragbarer Krankheiten (etwa Krebs, Diabetes Typ 1 und 2, Herz-Kreislauf- und Atemwegserkrankungen, psychische Störungen). Mehr zu Risikofaktoren, Umwelteinflüssen und Fruchtbarkeit lesen Sie hier.
Bildungseinheiten zum Thema Fruchtbarkeit zeigen Wirkung. Zwar hilft Aufklärung allein nicht dauerhaft, doch Paare, die früh über biologische wie soziale Risikofaktoren aufgeklärt wurden, beginnen nachweislich früher mit dem Versuch, ein Kind zu bekommen. „Es braucht noch mehr Forschung, um herauszufinden, wie sich verbessertes Wissen rund um die Fruchtbarkeit in einem echten Verhaltenswandel niederschlagen kann“, so Balen und Dugdale.
Salzburger Bioethik-Dialoge widmen sich Demographie & Bioethik
Wie die demographische Entwicklung einzuordnen ist und welche bioethischen Fragen sie aufwirft, diskutieren die 5. Salzburger Bioethik-Dialoge unter dem Titel Zurück zur Zukunft. Demographie & Bioethik“ am 20./21. November 2026 an der Universität Salzburg. Im Zentrum stehen u.a. gewollte und ungewollte Kinderlosigkeit, die Grenzen reproduktionsmedizinischer Maßnahmen wie IVF und Social Egg Freezing sowie weitreichend Folgen wie Einsamkeit im Alter.
Zu den Vortragenden zählen u.a. Stephen J. Shaw (Demograph und Datascientist, Regisseur der Dokumentarserie „Birthgap – Childless World“, USA), Wolfgang Mazal (Wissenschaftlicher Direktor des Österreichischen Instituts für Familienforschung an der Universität Wien), Susanne Kummer (Ethikerin und Direktorin IMABE, Wien), Lukas Golla (Sexualpädagoge und Fachkraft für Kinderschutz, Deutschland). Nähere Informationen unter www.bioethik-dialoge.at