Am 10. Oktober ist der Welttag für psychische Gesundheit: Um Kinder und Jugendliche zu schützen, führen immer mehr Staaten und Bildungssysteme Handy- und Social-Media-Verbote ein. Jugendliche verbringen täglich mehr als 3,5 Stunden in sozialen Medien. 51 Prozent sagen von sich selbst, sie seien zu viel auf Social Media, mehr als 75 Prozent fänden es schwer, darauf zu verzichten. (Cheng et al., Juni 2021)
Australien hatte als Vorreiter im Dezember 2025 ein Mindestalter von 16 Jahren für Soziale Medien festgelegt, Österreich hat sich am 27. Juli auf ein Social-Media-Verbot für unter 14-Jährige geeinigt, der Entwurf ist noch im Begutachtungsverfahren. (BMWKMS, 27. Juli 2026) Auf EU-Ebene arbeitet die Kommission am EU Kids Act, der ein Mindestalter von 15 Jahren für „riskante„ Plattformen sowie verpflichtende Alterskontrollen vorsieht, die letztlich auch Erwachsene betreffen würden. (Euronews, 24. September 2026)
Seit 2010: Wie Smartphones den Alltag verändert haben
Die seit etwa 2010 zunehmende Verbreitung von Smartphones und der Zugang zu sozialen Medien haben due Gesellschaft verändert. Der US-Sozialpsychologe Jonathan Haidt argumentiert in seinem Buch „Generation Angst“, dass seit damals Depressionen, Angststörungen und Selbstverletzungen unter Teenagern drastisch zugenommen haben. Doch nicht nur Jugendliche sind betroffen: Auch 44 Prozent der Erwachsenen empfinden, dass sie ihr Smartphone „zu viel“ nutzen.
Christoph Pieh, Professor für Psychosomatik an der Universität Krems, hat eine der ersten Studien veröffentlicht, die kausal untersucht haben, wie sich der dreiwöchige Verzicht auf das Smartphone auf die Psyche auswirkt. Die Kontrollgruppe verbrachte weiterhin durchschnittlich 4,5 Stunden pro Tag am Smartphone. In der Gruppe, die drei Wochen lang auf das Smartphone verzichtete, gingen depressive Symptome und Stresssymptome zurück; zugleich verbesserte sich die Schlafqualität. Studienleiter Pieh plädiert für eine tägliche Smartphone-Nutzungszeit von höchstens zwei Stunden. „Aber kaum jemand hält sich daran, auch ich nicht“, sagt der Experte.
Die Studie zeigt jedoch auch, dass die Bildschirmzeit nach Ablauf der drei Wochen rasch wieder das ursprüngliche Niveau erreichte und sich auch die psychischen Messwerte sechs Wochen später wieder den Ausgangswerten angenähert hatten. (BMC Medicine, 21. Februar 2025)
Ab wann wird Social-Media-Nutzung problematisch?
Eine eigenständige Diagnose „Social-Media-Sucht“ gibt es derzeit nicht. In der Forschung wird allerdings darauf hingearbeitet. „Neue Erkenntnisse zeigen, dass übermäßige oder ungesunde Nutzung der Plattformen die Hirnphysiologie ähnlich stark verändern kann wie substanzbezogene Süchte“, schreiben die Psychiater James Sherer und Petros Levounis, der auch Präsident der American Psychiatric Association ist, in einem Beitrag in Psychiatry Online. (Psychiatry Online, 21. März 2024)
Dazu zählen – ähnlich wie bei substanzbezogenen Süchten – eine übermäßige Beschäftigung mit Social Media, die Regulation der eigenen Stimmung durch die Nutzung, Toleranzentwicklung, sozialer Rückzug und Rückfälle nach Phasen des Verzichts. Levounis betont allerdings, dass nicht die Screentime alleine Indikator dafür ist, ob eine Person Social Media abhängig ist. Vielmehr sei eine Sucht daran zu erkennen, dass das Verlangen zu Scrollen alltägliche Dinge wie die Schulleistung, den Umgang mit Freunden oder das Ess- und Schlafverhalten beeinträchtigt.
Aus seiner klinischen Erfahrung berichtet Levounis: Je jünger jemand ein Suchtproblem entwickelt, desto schwieriger ist es, wieder davon loszukommen. Der Psychiater begrüßt deshalb die Regularien, die in vielen Staaten nun festlegen, ab wann jemand Social Media nutzen darf. Er ruft aber auch die Tech-Firmen selbst zur Verantwortung.
Gerichtsverfahren gegen Google und Meta
Tatsächlich haben die Tech-Giganten Google und Meta vor wenigen Monaten zum ersten Mal einen Rechtsstreit in der Frage verloren. Eine 20-Jährige hatte sie angeklagt. Ihre Anwälte argumentierten, die Plattformen Youtube und Instagram enthielten absichtlich süchtig machende Funktionen, die bei ihr Angstzustände, Depressionen, Körperdysmorphie und Suizidgedanken auslösten. „Es ist ein All-You-Can-Eat Buffet mit verlockenden Inhalten“, sagt Carlene MacMillan, Co-Vorsitzende der American Academy of Child and Adolescent Psychiatry. Insgesamt müssen Google und Meta sechs Millionen Dollar zahlen. Weitere 375 Millionen Dollar zahlt Meta in New Mexiko. Meta für schuldig befunden, Nutzer über die Sicherheit seiner Plattformen – Instagram und Facebook – getäuscht und Kinder gefährdet zu haben, indem es Pädophilen und Sexualstraftätern ermöglichte, Kinder auf seinen Plattformen sexuell auszubeuten. (Psychiatry Online, 05. Mai 2026)
Wie wirksam sind Social-Media-Verbote?
Erste Praxisdaten aus Australien ernüchtern. Eine 2026 im Fachjournal The BMJ veröffentlichte Untersuchung zeigt, dass die Altersverifizierung durch die Plattformen von den meisten Minderjährigen umgangen wird – über VPNs, Zweitaccounts oder die Smartphones älterer Geschwister. In den USA wiederum ist eine Debatte über Datenschutz entbrannt: Verpflichtende Altersnachweise würden Anonymität im Netz de facto abschaffen und persönliche Daten kontrollierbarer und transparenter machen als es viele Nutzerinnen und Nutzer wünschen. (Electronic Frontier Foundation, 01. Januar 2026). Ähnliche Bedenken äußern Begutachter des Verfassungsdienstes zum Gesetzesentwurf in Österreich. Anonymität habe im Internet einen hohen Stellenwert für die freie Meinungsäußerung. Die Beteiligung an öffentlichen Debatten könne zurückhaltender werden. Man müsse sichergehen, dass die Ausgestaltung der Altersverifikation verfassungskonform sei. (Stellungnahme Verfassungsdienst, 17. September 2026)
Der Österreichische Familienverbund betont in seiner Stellungnahme zudem, dass das Gesetz nicht nur schädliche Inhalte auf den Sozialen Medien, sondern das Design der Plattformen selbst in den Blick nehmen muss, das „auf eine möglichst intensive und dauerhafte Nutzung ausgerichtet“ ist. (Stellungnahme Familienbund, 21. September 2026)
Der deutsche Medienpädagoge von der Pädagogischen Hochschule Heidelberg, Thomas Knaus, stellt in „Das Ende der Erziehung?" die Frage, ob sich mit solchen Gesetzen die Erziehungsverantwortung vom Elternhaus auf den Staat verschiebe. In Australien habe Premierminister Anthony Albanese das Social Media-Verbot für Unter-16-Jährige als „Erziehungshilfe“ vermarktet: „Ich möchte, dass Eltern sagen können: ‚Entschuldige, Kumpel, es ist gesetzeswidrig, dir das zu erlauben“, so Albanese.
Was gehört zu einem gesunden Medienumgang?
„Es gibt keinen goldenen Standard, der empfiehlt, nur X Stunden pro Tag auf Plattform Y zu verbringen“, konstatieren die US-Psychiater Sherer und Levounis. Ziel einer Therapie sei es, Patienten zu einem Umgang mit digitalen Medien zu verhelfen, die sie selbst regulieren können. Damit Jugendliche allerdings lernen, sich selbst zu regulieren, brauche es zunächst Regeln von außen. „Es gibt Maßnahmen, die Eltern ergreifen können, um das häusliche Umfeld gesund zu halten. Im Rahmen eines Social Media-Hygieneplans sollten sie bestimmte Aktivitäten oder Zonen als Smartphone-frei ausweisen; zum Beispiel keine sozialen Medien beim Abendessen, beim Autofahren und vor dem Schlafengehen. Es sollten gemeinsame Ideen sein, zu denen sich auch die Eltern verpflichten als gute Vorbilder.“
Auch Veränderungen des Lebensstils seien nicht zu unterschätzen. Man müsse die Jugendlichen dazu ermutigen, Hobbys wie Sport, Wandern, Bücher lesen oder Tagebuchschreiben aufzunehmen in ihren Alltag zu integrieren. Das könne helfen, freie Zeit anders zu gestalten und die Gewohnheit unmittelbarer digitaler Belohnung zu durchbrechen (Psychiatry Online, 21. März 2024)
Warum ein Gesetz allein nicht reichen wird
Die aktuellen Maßnahmen zeigen: Der Schutz von Kindern und Jugendlichen vor problematischer Social Media-Nutzung wird zunehmend als gemeinsame Aufgabe von Staat, Plattformen, Eltern und Bildungseinrichtungen verstanden. Altersgrenzen und gesetzliche Vorgaben können dabei einen Rahmen schaffen. Sie lösen jedoch weder die Frage der technischen Umsetzbarkeit noch ersetzen sie Medienbildung und die Begleitung durch Erwachsene.
Nötig ist daher ein Zusammenspiel verschiedener Maßnahmen: Der Staat kann Grenzen setzen, Plattformen müssen für schädigende Designs verantwortlich gemacht werden und Familien sowie Schulen können Medienkompetenz vermitteln. Ein Gesetz kann dafür einen Rahmen schaffen. Sich selbst zu regulieren im Umgang mit sozialen Medien, bleibt eine persönliche Aufgabe.