E-Zigaretten, Nikotinbeutel, Tabakerhitzer – in den vergangenen 15 Jahren sind ständig neue Alternativen zur „traditionellen Zigarette“ auf den Markt gekommen. Zuletzt in Form von „Nikotin-Zahnstochern“, die nun in einigen Schulen in Bayern explizit verboten wurden. (GEO, Mai 2026).
Unter Teenagern in Österreich sind die neuen Tabak- und Nikotinprodukte beliebter als die Zigarette: Während nur mehr sechs Prozent der 15-Jährigen klassisch rauchen, konsumieren acht Prozent täglich E-Zigaretten und sechs Prozent Nikotinbeutel. Fasst man alle Produkte zusammen, steigt der Gesamt-Nikotinkonsum bei Jugendlichen seit 2019 wieder an. Und das, obwohl der Gebrauch von Zigaretten unter Kindern und Jugendlichen seit 2002 um 80 Prozent zurückgegangen war. (Gesundheit Österreich GmBH (GÖG), Tabak- und Nikotinkonsum: Zahlen und Fakten 2025)
Alternativprodukte zur Zigarette überschwemmen den Markt
Der Marktanteil der Alternativprodukte ist in den vergangenen Jahren enorm gewachsen. Sie machen in Europa mittlerweile 13 Prozent aller verkauften Tabakprodukte aus. Die Dynamik des Marktes und die immer neuen Produkte stellen die staatliche Regulierung vor eine Herausforderung. (Publications Office of the European Union, April 2026)
Die neuen Produkte wurden zunächst vor allem als Entwöhnungshilfe für Raucher, als gesündere Alternative zur Zigarette beworben. „Gute Vorsätze genießen“, lautete 2017 der Werbespruch einer bekannten Tabakerhitzer-Marke. „3 Millionen Raucher weltweit haben gewechselt. Wann wechselst Du?“, so ein anderer. Doch dient die E-Zigarette wirklich als Ausstiegshilfe? Und ist sie tatsächlich gesünder?
Weniger schädlich, doch Langzeitfolgen unklar
Bei Rauchern, die vollständig auf E-Zigaretten umsteigen, ist die Belastung durch bestimmte Schadstoffe tatsächlich geringer. Sowohl bei Tabakerhitzern als auch E-Zigaretten wird der Trägerstoff für den Tabak jeweils erhitzt statt verbrannt. Dadurch fallen klassische Schadstoffe wie Teer und Kohlenmonoxid, die vor allem die Lunge belasten, weg.
Je nach Ersatzprodukt bestehen allerdings mögliche Risiken durch neue Schadstoffe, die in der traditionellen Zigarette nicht enthalten sind. In den Liquids der E-Zigaretten zum Beispiel sind Metalle wie Chrom, Nickel oder Blei enthalten, die Krebs und andere Krankheiten begünstigen. Ob die Produkte deutlich weniger schädlich sind als das Rauchen, werde sich erst in Zukunft zeigen, heißt es im Report des Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ): Risiken von E-Zigaretten und Tabakerhitzern (2023). Bisherige Studien legen nahe, dass diese nicht als harmlose Konsumprodukte gelten könnten.
Zudem macht Nikotin in jeder Form abhängig. Die mit dem Rauchen verbundenen Risiken für das Herz-Kreislauf-System bleiben daher auch bei nikotinhaltigen Alternativen bestehen. Das gilt besonders für die bei Jugendlichen beliebten Nikotinbeutel, deren Legalisierung einige deutsche Politiker befürworten. Die Bundesärztekammer warnt in einem Schreiben an den Bundestag eindringlich vor den gesundheitlichen Folgen – insbesondere für das noch nicht ausgereifte Gehirn junger Menschen. (Bundesärztekammer, 15. September 2026)
Wer nutzt die Produkte – und warum?
Eine Umfrage des Schweizer Tabakpräventionsfonds unter 5.000 Beteiligten ergab: Jüngere Altersgruppen (15-34-Jährige) konsumieren E-Zigaretten am häufigsten wegen des angenehmen Geschmacks. Ältere Altersgruppen (35+ Jahre) konsumieren E-Zigaretten und erhitzte Tabakprodukte vor allem, um ihren Zigarettenkonsum zu reduzieren. (Bächler et al, Analyse des Tabak- und Nikotinkonsums, Juni 2025)
Mischkonsum: Kein gesundheitlicher Gewinn
Laut Österreichischer Krebshilfe rauchen jedoch 78 Prozent der E Zigaretten-Nutzer parallel herkömmliche Zigaretten. Dieser Mischkonsum ist offenbar genauso schädlich wie das reine Rauchen von Zigaretten: In einer US-amerikanischen Studie beobachteten Forscher, dass typische Biomarker – wie Kohlenmonoxid im Atem oder das Nikotin- Abbauprodukt Cotinin bei Rauchern im Blut und Urin erst dann sinken, wenn der Tabakkonsum vollständig eingestellt wird. (Experimental and Clinical Psychopharmacology, 2020)
Tabakindustrie sucht neue Konsumenten
Die Tabakindustrie fordere von der Politik, die neuartigen Produkte als Maßnahme zur Schadensminimierung („Harm Reduction“) zu fördern. Dabei gehe es ihr nicht allein darum, Rauchende zum Umstieg auf weniger schädliche Produkte zu bewegen. Vielmehr habe sie auch ein Interesse daran, neue Konsumierende zu gewinnen, kritisiert das DKFZ. Dass es nicht nur um Umsteiger geht, zeigen aktuelle Zahlen aus Österreich: Dort ist die E-Zigarette mittlerweile das erste Nikotinprodukt, das 15-Jährige konsumieren (27 Prozent). Nur 17 Prozent geben an, zuerst die Tabakzigarette probiert zu haben. (GÖG, 2025) Die Gefahr: Die E-Zigarette kann als Einstieg für Tabakzigaretten dienen.
E-Zigarette als Einstieg ins Nikotin
Bei Teenagern, die E-Zigarette dampfen, ist die Chance, dass sie mit dem Rauchen anfangen, drei- bis vierfach höher. (BMC Public Health, Juni 2021, Tobacco Control, Februar 2026) Das DKFZ spricht von einem „Rauchritual“, das Teenager bereits mit nikotinfreien E-Zigaretten – oft mit lockenden fruchtigen Geschmäckern – einüben würden. Das könnte auch ein Grund dafür sein, warum die E-Zigarette auch bei erwachsenen Rauchern nicht primär zur Entwöhnung genutzt wird. Schon die Situation und das Ritual wecken das Verlangen nach einer Zigarette, so das DKFZ. Für einen echten Rauchstopp sei ein Umfeld besser, das das Nichtrauchen fördere.
Politik will Produktflut stoppen
Im Zuge des „Europäischen Plan zur Krebsbekämpfung“ mit dem Ziel eines rauchfreien Europas bis 2040 überarbeitet die EU-Kommission derzeit ihre Tabakrichtlinien. Davon gibt es drei: eine zur Tabaksteuer, eine zu Tabakprodukten und eine zur Werbung. Künftig sollen sie nicht nur Tabak-, sondern alle Nikotinprodukte erfassen.
Die neue Dynamik der Tabak- und Nikotinbranche EU-weit zu regulieren ist kein leichtes Unterfangen, da die Produkte in den einzelnen Mitgliedsstaaten einen unterschiedlichen Stand haben. Während Nikotinbeutel in Schweden mittlerweile weit mehr genutzt werden als Tabakzigaretten (Murphy et al, Februar 2026), sind sie in Frankreich, den Niederlanden und Belgien illegal. In Österreich hingegen ist der Verkauf von Nikotinbeuteln und E-Zigaretten legal. Es wird seit April 2026 streng über das Tabakmonopol geregelt und ist mit einer eigenen Tabaksteuer belegt. (WKO, 26.3.2026)
Regulatorisches Flickwerk in der EU
Am 9. November entscheidet der EU-Rat über einen Entwurf der Kommission, der eine kräftige Besteuerung der neuen Produkte vorsieht: 55 Prozent des Verkaufspreises für Tabakerhitzer und 50 Prozent für Nikotinbeutel. Schweden blockiert diesen Entwurf jedoch bisher, um seine traditionell tief verwurzelte und dort extrem populäre Kultur des Snus- und Nikotinbeutel-Konsums vor drastischen EU-weiten Steuererhöhungen zu schützen.
In Deutschland ist im Hinblick auf die kommende europäische Tabaksteuer die Debatte wieder aufgekocht, ob der Verkauf von Nikotinbeuteln legalisiert werden soll. Befürworter führen die Mehreinnahmen für den Staatshaushalt ins Treffen. (DIE ZEIT, 24. September 2026) Ein breites Bündnis, darunter die Bundesärztekammer und die Deutsche Krebsgesellschaft, fordert die Bundesregierung hingegen auf, das bestehende Verkaufsverbot beizubehalten und konsequent durchzusetzen. (Bundesärztekammer, September 2026)
In den anderen beiden Richtlinien ist eine EU-weite Vereinheitlichung der neuartigen Nikotinprodukte und ihrer Verpackungen geplant – möglicherweise mit Gesundheitswarnungen, wie sie auch auf Zigarettenpackungen vorgeschrieben sind. Gleichzeitig sind strengere Regeln zur Online-Werbung der Nikotinprodukte vorgesehen. (Call for Evidence – Revision der EU-Tabakproduktrichtlinie 2026)
Acht Gesundheitsminister fordern Marktstopp
Anfang Oktober haben acht Gesundheitsminister aus EU-Mitgliedsstaaten einen Brief an den derzeitigen EU-Gesundheitskommissar Olivér Várhelyi geschrieben. Die Gesundheitsminister fordern einen Marktstopp für neue Nikotinprodukte, die bisher nicht in der EU erhältlich sind. Zudem sprechen sie sich für eine Erweiterung des Werbeverbots sowie eine EU-weite Obergrenze von Nikotinstärken aus. Auch den grenzüberschreitenden Online-Verkauf von Nikotinbeuteln, die in manchen Ländern wie Frankreich, Deutschland und den Niederlanden verboten sind, wollen die Gesundheitsminister strenger regulieren. Mitgliedstaaten sollen außerdem die Möglichkeit erhalten, Nikotinbeutel oder Einweg-E-Zigaretten auf nationaler Ebene zu verbieten. (Eunews, 7.10. 2026)