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Die dunkle Seite der Abnehmspritze: Von der Therapie zum Trend für Wohlhabende

Ozempic birgt neben medizinischem Fortschritt gesundheitliche Risiken und kommerziellen Missbrauch

Lesezeit: 08:09 Minuten

Was als Durchbruch in der Diabetes-Therapie begann, entwickelt sich zum gesellschaftlichen Phänomen mit bedenklichen Folgen: Abnehmspritzen wie Ozempic werden zum Lifestyle-Produkt für Reiche, während fragwürdige Interessenkonflikte die wissenschaftliche Integrität untergraben.

Unsplash/Yunmai

Eigentlich ist es eine Erfolgsgeschichte moderner Pharmakologie: Semaglutid wurde 2017 unter dem Namen Ozempic zur Behandlung von Typ-2-Diabetes zugelassen. Doch dann erkannte man, dass GLP-1-Rezeptor-Agonisten wie Semaglutid, Liraglutid und Tirzepatid nicht nur den Blutzucker regulieren können. Sie ahmen ein körpereigenes Darmhormon nach, das auch die Magenentleerung verlangsamt und das Sättigungsgefühl verlängert. Bald zeigte sich, dass die Mittel bei Menschen mit starkem Übergewicht das Körpergewicht um bis zu 15 Prozent reduzieren können.

Doch schon bald hat sich der Markt verschoben vom Hoffnungsträger für Kranke zum Lifestyle-Produkt für Gesunde: Seit die Wirkstoffe zur Bekämpfung von Adipositas zugelassen sind, gibt es weltweit einen regelrechten Run auf das Medikament. Auch von gesunden Menschen, die schlank werden möchten. Das wirft zahlreiche Fragen auf.

Wie Prominente die Abnehmspritze normalisieren

Fettleibigkeit hat sich in den vergangenen Jahrzehnten zu einem ernsthaften Problem der öffentlichen Gesundheit entwickelt. Weltweit sind über 2,6 Milliarden Menschen übergewichtig oder fettleibig, bis 2050 werden 3,5 Milliarden erwartet. In den USA ist die Abnehmspritze Wegovy des dänischen Pharmakonzerns Novo Nordisk sogar für Kinder ab 12 Jahren zugelassen.

Gleichzeitig preisen Prominente in sozialen Medien die Abnehmspritze an, mit der sie endlich ihre überschüssigen Kilos loswerden wollen. Elon Musk, Oprah Winfrey, Robbie Williams und zahlreiche andere Stars teilten dazu ihre Erfahrungen, was in der Öffentlichkeit den Eindruck erweckte, diese Medikamente seien auch für kosmetische Zwecke geeignet.

Wenn Therapie zur Mode wird – ein lukratives Geschäft

Die mediale Vermittlung der Abnehmspritze hat damit eine Schwelle verschoben: Aus einem verschreibungspflichtigen Medikament wurde ein potenziell massenhaft konsumierbares Lifestyle-Produkt. Immer mehr gesunde Menschen machen Druck, weil sie das Medikament „einfach mal ausprobieren wollen“, obwohl keine medizinische Indikation vorliegt. Umgekehrt berichten Interessenten, dass ihnen problemlos die Abnehmspritze verschrieben wurde, nur weil sie ein paar Kilos abnehmen wollten. Über die Nebenwirkungen wurden sie unzureichend aufgeklärt.

Hinzu kommt, dass sich die Abnehmspritze auch zu einem lukrativen Geschäftsmodell für Ärztinnen und Ärzte entwickelt: Patientinnen und Patienten bezahlen mehrere Hundert Euro an Honoraren für Beratung und Kontrolle, zusätzlich zu monatlichen Kosten von rund 300 bis 600 Euro für die Abnehmspritze.

Von der Spritze zur Pille: Die neue Marketingstrategie

Mit der im Dezember 2025 in den USA zugelassenen Pillenform (die Zulassung in Europa wird in den nächsten Monaten erwartet) könnte sich das Problem verschärfen. Viele Experten erwarten, dass Abnehmpillen im Unterschied zu Spritzen langfristig ohne ärztliche Verschreibung erhältlich sein werden. Sie sind deutlich günstiger in großen Mengen herzustellen und ähneln mehr einem Konsumprodukt als einem Medikament.

Das ist auch das erklärte Ziel der Konzerne: Für Novo Nordisks CEO Mike Doustdar dürfen Abnehmmedikamente nicht länger nur als ärztlich verordnete Therapie verstanden werden, sondern müssten die gleiche Geschwindigkeit und Verfügbarkeit bieten wie der Onlinehandel, berichtet das Handelsblatt (3.1.2026). Im Wettstreit um Abnehmwillige haben beide Konzerne ihren Vertrieb neu ausgerichtet. Der US-amerikanische Pharmakonzern Eli Lilly hat seine Direktvertriebsplattform Lilly Direct bereits ein Jahr vor dem dänischen Unternehmen installiert. Der Diätanbieter Weight Watchers will beide Tabletten vertreiben.

Verkaufszahlen steigen auch in Europa massiv an

Das Geschäft mit Spritzen ist auch in Europa einträglich: In Italien explodierten die privaten Ausgaben für GLP-1-Agonisten von 52 Millionen Euro im Jahr 2023 auf über 115 Millionen Euro im Jahr 2024 – eine Verdoppelung innerhalb eines Jahres, berichtet Euronews (4.6.2025). Aus Österreich liegen Zahlen aus Wien vor: 2021 verkauften Apotheken in Wien durchschnittlich rund 7.300 Spritzen pro Monat, waren es in den ersten sechs Monaten 2025 mit 19.300 Spritzen pro Monat dreimal so viel – ein Zuwachs von rund 165 Prozent. (ORF Wien, 5.8.2025)

Sobald die Tablette am Markt zugelassen ist, erwarten Analysten, dass Abnehmpillen in den 2030er-Jahren einen erheblichen Anteil am Weltmarkt für Abnehmprodukte im Wert von 100 bis 180 Milliarden Dollar einnehmen werden. Bis 2040 könnten Medikamente mehr als eine halbe Milliarde Menschen erreichen – und sich damit zur weltweit größten Wirkstoffklasse entwickeln.

Die neue Marketingstrategie triggert die Vorstellung, es handle sich bei diesem Medikament um eine harmlose Pille, mit der man seinen Körper verändern kann. Die niedrigschwellige Verfügbarkeit wird die Versuchung zur Selbstmedikation und kosmetischen Nutzung drastisch erhöhen.

Medizinische Risiken werden verharmlost

Mit der zunehmenden Verharmlosung des Medikaments als Lifestyle-Produkt wächst auch die Sorge medizinischen Fachgesellschaften. Die Deutsche Gesellschaft für Adipositas (DAG) mahnt in ihrer Leitlinie von 2024 zur Zurückhaltung: Medikamente wie Semaglutid können schwer Übergewichtigen helfen, aber sie ersetzen keine Lebensstiländerung. Etwa 40 Prozent der Behandelten sprechen nicht ausreichend an, und die Therapie muss individuell angepasst und oft langfristig fortgesetzt werden.

Die DAG betont, dass eine Verordnung nur bei medizinisch begründetem Übergewicht infrage kommt, also bei einem BMI ≥ 30 kg/m² oder ab 27 mit Begleiterkrankungen. Sie warnt vor überzogenen Erwartungen durch mediale Schlagworte wie „Wundermittel“ oder „magischer Fettkiller“.

Die Kosten werden von der Krankenkasse in Österreich, Deutschland und der Schweiz prinzipiell nicht übernommen. Nur wenn ein medizinischer Grund vorliegt, kann um eine chefärztliche Bewilligung angesucht werden.

Lebenslange Einnahme, sonst droht „Jo-Jo-Effekt“

Die Abnehmspritzen stellen keine Heilung für Fettleibigkeit dar. Patienten müssen vielmehr mit einer Behandlung über Jahre oder sogar mit einer lebenslangen Einnahme rechnen. Nach Absetzen der Medikamente nehmen Patienten durchschnittlich zwei Drittel des verlorenen Gewichts wieder zu, da der Körper „im Überlebensmodus“ versucht, zu seinem ursprünglichen Gewicht zurückzukehren („Jo-Jo-Effekt“). Die Langzeitfolgen einer jahrelangen Einnahme sind unbekannt.

Wer diese Medikamente ohne echten medizinischen Bedarf einnimmt – etwa nur für wenige Kilogramm kosmetischen Gewichtsverlust – setzt sich einem unverhältnismäßigen Schadensrisiko aus. Es besteht zudem das Risiko einer psychischen Abhängigkeit.

Interessenskonflikt: Fast alle Studien sind herstellerfinanziert

Der aktuelle Cochrane-Review aus dem Jahr 2025 hat die bisherigen Studien umfassend ausgewertet. Demnach gilt Semaglutid als wirksam: In 15 Studien verloren Erwachsene mit Adipositas im ersten Jahr rund 10 bis 11 Prozent mehr Körpergewicht als Teilnehmende, die nur eine wirkstofffreie Scheinbehandlung (Placebo) erhielten. Unter Tirzepatid lag der Gewichtsverlust teils sogar bei bis zu 16 Prozent. Für Liraglutid reichte die Datenbasis nicht für verlässliche Aussagen.

Gleichzeitig weisen die Autoren darauf hin, dass Betroffene nach Absetzen einen großen Teil des verlorenen Gewichts wieder zunehmen, gastrointestinale Nebenwirkungen häufig sind und dass ernste gesundheitliche Risiken – etwa Pankreatitis und Gallenblasenerkrankungen – noch nicht ausreichend über viele Jahre hinweg untersucht wurden.

Die schärfste Kritik lautet: Nahezu alle Studien wurden von den Herstellern finanziert und organisatorisch getragen, und für viele wichtige Endpunkte – etwa Langzeitfolgen, kardiovaskuläre Ereignisse oder Gesamtmortalität – ist die Aussagekraft begrenzt. Cochrane fordert deshalb explizit unabhängige Studien.

Wissenschaftliche Integrität gerät unter Druck

Noch ernster sind neue Enthüllungen über Interessenkonflikte im klinischen Prüfwesen. Eine Recherche der New York Times (4.10. 2025) zeigte, wie eng die Verflechtungen zwischen dem Hersteller Novo Nordisk und der großen privaten US-Ethikkommission WCG Clinical (jetzt Teil von Advarra) sind. WCG wurde von Novo Nordisk bezahlt, um Studien zu Semaglutid zu prüfen, während gleichzeitig das Private-Equity-Unternehmen Blackstone sowohl an WCG/Advarra als auch an der Mutterstruktur von Novo Nordisk beteiligt war.

Damit ist ausgerechnet jene Institution, die Unabhängigkeit und Sicherheit klinischer Studien garantieren soll, in wirtschaftliche Strukturen eingebunden, die vom Erfolg derselben Studien profitieren. Die New York Times beschreibt, wie WCG trotz Warnsignalen aus Tierversuchen Studien am Menschen freigab und wie sich die Zahl der von WCG geprüften Novo-Studien nach dem Einstieg des Investors vervielfachte. Der Eindruck eines „gekauften“ Ethiksystems untergräbt das Vertrauen in Zulassungsverfahren fundamental.

Ozempic-Produktion verursachte Versorgungsengpässe für Zuckerkranke

 

Novo Nordisk hat mit den Abnehmspritzen 2023 einen Börsenwert erreicht, der den Konzern zeitweise zum wertvollsten Unternehmen Europas machte – in einer Größenordnung, die an das gesamte Bruttoinlandsprodukt Dänemarks heranreicht. Diese astronomischen Gewinne nähren den Verdacht, dass kommerzielle Interessen über medizinische Notwendigkeit gestellt werden. Analysten rechnen mit einem „Abnehm“-Medikamentenmarkt bis 2030 von 100 bis 180 Milliarden Dollar jährlich.

Genährt wurden solche Befürchtungen, als das Unternehmen 2023 die Produktion langjährig bewährter Diabetesmedikamente einstellte, um sich auf die lukrativeren Abnehmspritzen zu konzentrieren. Die Österreichischen Diabetes Gesellschaft klagte angesichts des Hypes um die Abnehmspritzen über die fehlende Verfügbarkeit benötigter Präparate für Patienten mit Typ-2-Diabetes.

Damit stellt sich die Frage, ob die Prioritäten an den Bedürfnissen der Patienten oder an den Erwartungen der Börse ausgerichtet werden. Der Konzern erzielte 2024 einen Nettogewinn von 13,5 Milliarden Euro, ein Plus von 20,7 Prozent gegenüber 2023. Dieses Wachstum ist maßgeblich auf Ozempic zurückzuführen, dessen Absatz um 26 Prozent stieg.

Gerechte Verteilung als ethische Frage

GLP-1-Agonisten haben sich von Diabetesmedikamenten zu einem gesellschaftlichen Phänomen entwickelt – mit erheblichen ethischen Konsequenzen, wie Wissenschaftler im Journal of General Internal Medicine (2025) darlegen. Sie betonen die zentrale Herausforderung: Wie lassen sich knappe Ressourcen gerecht verteilen, wenn ein Medikament sowohl dringend benötigte medizinische Behandlung als auch Lifestyle-orientiertes Produkt sein kann?

Ärztinnen und Ärzte hätten in dieser Frage eine wichtige ethische Verantwortung: Sie müssten dabei „den nachgewiesenen Bedarf sorgfältig abwägen“ und als „Verwalter knapper Ressourcen“ diese Medikamente nur bei spezifischen Indikationen verschreiben. Die Lösung kann nur im Zusammenspiel aller Beteiligten liegen. Während Patienten eine ethische Eigenverantwortung tragen, sich kritisch über den Konsum dieser Medikamente zu informieren, dürfe ihnen „die Verantwortung für einen bewussten Umgang mit Ressourcen nicht aufgebürdet werden“.

Politik und Gesellschaft müssen gegensteuern

Politische Entscheidungsträger wiederum müssen für gleichberechtigten Zugang sorgen und die Regulierung von Online-Apotheken verstärken, um sicherzustellen, dass nicht zugelassene Alternativen „Verbraucher nicht irreführen oder schädigen“, so die US-Forscher. Zudem fordern die Autoren mehr öffentliche Aufklärung über evidenzbasierte Behandlungen.

In ihrer Schlussfolgerung warnen die Wissenschaftler: „Angesichts der zunehmenden Attraktivität von Medikamenten zur Gewichtsreduktion muss die Gesellschaft der Verlockung von Sensationsgier und Fehlinformationen widerstehen.“ Nur durch die Förderung von Zusammenarbeit und den Abbau von Ungleichheiten könne sichergestellt werden, dass diese medizinischen Fortschritte „der Verbesserung der Gesundheitsversorgung derjenigen dienen, die sie am dringendsten benötigen“.

Institut für Medizinische
Anthropologie und Bioethik
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