Was hat Sie dazu bewogen, die Sprechstunde „Weiterleben in Würde“ ins Leben zu rufen?
Im Jahr 2015 gab es in Deutschland eine Diskussion über den assistierten Suizid, die in meiner Wahrnehmung vollkommen unnötig war. Unnötig deshalb, weil Suizid in Deutschland immer straffrei war. Die Sterbehilfeorganisationen haben damals sehr viel mit dem Begriff der Würde argumentiert. Man habe doch die Würde, sich selbst zu töten. Mich hat es gestört, dass der Würdebegriff in der Debatte über das Recht sich zu töten verkürzt wurde. Und, da ich Suizid immer noch als etwas Dramatisches, Traumatisches, Schlimmes wahrnehme - vor allen Dingen für die Angehörigen - habe ich gedacht, dann möchte ich gerne Menschen beraten und möchte zu einer Suizidprävention beitragen. Ich wollte ebendiesen Begriff der „Würde“ im Titel haben und habe deshalb meine Sprechstunde „Weiterleben in Würde“ genannt.
Sie beraten Menschen, die meist kurz vor dem Tod stehen. Wie oft hören Sie den Satz: „Ich möchte so nicht mehr weiterleben“?
Das passiert nicht jeden Tag, aber ich habe inzwischen eine Statistik: mehr als 600 Menschen habe ich in meiner Sprechstunde beraten, die dieses Thema angesprochen haben oder die, als ich sie gefragt habe, bejaht haben, dass sie solche Gedanken haben.
Bei Patienten fällt dann mitunter auch ein Satz wie: ‚So möchte ich nicht weiterleben.‘ Einige Patienten haben suizidale Gedanken. Sobald ein gewisses Vertrauen da ist, wächst die Bereitschaft darüber zu sprechen und zu sagen: ‚Ich möchte mich selbst töten, können Sie mir dabei helfen.‘
Meine Erfahrung ist, dass es am Ende die Allerwenigsten tun und dass vor allem eine Sicherheit für sie wichtig ist zu wissen: Wenn es schlimm wird, gibt es einen Ort oder Menschen, die mir helfen und für mich da sind.
Von mehr als 600 Menschen, die ich beraten habe, haben sich nur neun für einen Suizid entschieden. Das heißt auch, dass die allermeisten Menschen dann diesen doch sehr radikalen Schritt eines Suizids nicht vollziehen. Ich muss allerdings einschränken, dass ich es vielleicht nicht von allen erfahre.
Und bei denen, die Ihnen sagen, sie möchten eigentlich so nicht weiterleben, die den Wunsch zu sterben äußern: Wie reagieren Sie in so einer Situation?
Oft stelle ich die Frage: ‚Warum wollen Sie sich töten?‘, oder anders gesagt: ‚Wovor fürchten Sie sich?‘ Und dann ist das Allerwichtigste das Zuhören. Oft sind das Szenarien, die sich die Patienten vorstellen: ‚Wenn ich blind werde, wenn ich nicht mehr aufstehen kann, wenn die Schmerzen so schlimm und unerträglich werden, dann will ich nicht mehr leben.‘ Aber Einsamkeit ist auch einer der Hauptbeweggründe, weshalb sich Menschen für den assistierten Suzid entscheiden.
Wenn sich Patienten gehört und ernst genommen wissen in ihren Ängsten, sind sie auch offen für Alternativen. Und das ist, glaube ich, eine Stärke dieser Sprechstunde: Wir können Alternativen anbieten, ob stationär oder ambulant. Wir verfügen in unserer Klinik für Palliativmedizin glücklicherweise über ein großes interprofessionelles Team.
Die Debatte zum assistierten Suizid sei in Deutschland 2015 losgetreten worden, sagen Sie. Warum?
Da spielen mehrere Faktoren eine Rolle. Über einen Faktor wird kaum offen gesprochen, und das ist ein gesellschaftspolitischer Druck. Wir leben in einer Welt mit immer weniger jungen und immer mehr alten Menschen. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass man ‚Sterbehilfe‘ auch deshalb propagiert. In Kanada etwa sind ökonomische Gründe bereits Teil der öffentlichen Debatte.
Erleben Sie auch, dass Menschen sich den Tod wünschen, um anderen nicht länger zur Last zu fallen?
Unbedingt. Das ist neben Einsamkeit einer der wissenschaftlich aufgearbeiteten häufigeren Gründe, warum Menschen den assistierten Suizid wählen. Befürworter in Kanada sagen das auch ganz offen. Es passt zu meinem Eindruck, dass wir im Moment in einer Gesellschaft leben, in der wir sagen, die Alten seien eine Last, wie sollen wir ihre Versorgung bezahlen, wir haben kein Personal sie zu pflegen. Angehörige leisten Unermessliches, ihre Liebsten zu Hause zu versorgen und zu pflegen, oft über viele Monate oder Jahre hinweg. Zu sagen, es wäre keine Last, ist realitätsfern. Aber ich denke, wir müssen – gerade als freiheitliche und reiche Gesellschaft - immer wieder dagegenhalten und sagen: Wir empfinden euch nicht als Last, und wir möchten nicht, dass ihr als Konsequenz einen assistierten Suizid wählt.
Sterbehilfe-Befürworter argumentieren oft, ein angekündigter Suizid mit festgelegtem Termin und unter Beihilfe eines Arztes wäre doch viel weniger traumatisch als ein überraschender. Was denken Sie dazu?
Ja, natürlich ist es sehr traumatisch, wenn jemand sich auf die Gleise stellt. Und ich habe von einzelnen Angehörigen schon auch gehört: „Wir waren alle dabei und es war alles ganz würdig.“ Ich weiß aber, dass die allermeisten Angehörigen damit schwer umgehen können, dass ein geliebter Mensch sich getötet hat und nicht mehr weiterleben konnte oder wollte. In der Forschung gehen wir davon aus, dass zwischen acht und sechzehn Menschen von einem Suizid betroffen sind und, dass er sie viele Jahre beschäftigt.
Bieten Sie in Ihrer Sprechstunde selbst Suizidassistenz an? Und wo verläuft für Sie in der Praxis die Grenze zwischen Symptomlinderung und Lebensverkürzung, etwa beim Einsatz von Opiaten?
Wer zu uns kommt, wird klar darüber informiert, dass wir keine Assistenz beim Suizid durchführen. Wir betreuen Menschen, die schwer krank sind und an diesen Erkrankungen sterben werden und wir tun alles, um ihnen aus unseren vielen Möglichkeiten etwas anzubieten, das ihnen Schmerzen und Ängste nimmt.
Es kann sein, dass bestimmte Medikamente in gewissen Situationen in ihrer Nebenwirkung lebensverkürzend sind. Wir geben diese Medikamente aber nicht, um das Leben von Menschen zu verkürzen, sondern um belastende Symptome zu lindern. Bei Opiaten ist die entscheidende Frage die Dosis pro Zeit. Ich kann eine sehr hohe Opiatdosis jemandem sehr schnell injizieren, und er stirbt daran – das ist eine Tötung. Oder ich kann eine hohe Opiatdosis zur Symptomlinderung über einen längeren Zeitraum geben, was möglicherweise seine Lebenszeit verkürzt.
Welche Rolle spielt gute palliativmedizinische Versorgung für die Suizidprävention?
Eine sehr große. Und ich meine mit guter palliativmedizinischer Versorgung menschlicher Zuwendung, das Ernstnehmen von Nöten, Zuhören. Ich glaube, diese Sprechstunde ist eine gute Suizidprävention, weil ich immer sagen kann: ‚Kommen Sie mal, schauen Sie sich unsere Palliativstation an.‘ Es gibt inzwischen einen kleinen Film über unsere Station, in dem ein Patient nach einem misslungenen Suizid, den wir dann stationär aufgenommen haben, in die Kamera sagt: „Hätte ich gewusst, wie liebevoll Menschen mich hier versorgen und was für ein tolles Team es hier gibt, hätte ich mich aus Sorge davor, was da kommt, nicht töten wollen.“
Entscheidend ist, dass wir die Sorgen der Menschen ernstnehmen. „Ich gehe nicht weg, ich helfe dir.“: Wenn wir das stärken, bin ich überzeugt, dass der Wunsch nach assistiertem Suizid weniger wird. Ich würde mir wünschen, dass Menschen uns vertrauen und mehr ansprechen, ob sie solche Gedanken haben, ob das für sie eine Realität ist, dass sie das mit uns teilen. Da gibt es oft noch großen Scham. Wir haben als eines der reichsten Länder der Welt Ideen und so viele Möglichkeiten. Wir können und werden dich gut versorgen und begleiten.
Das Gespräch führte IMABE-Redakteurin Marie Kinsky.