„Man merkt, dass viele im Alltag mit denselben Herausforderungen konfrontiert sind – und dass man damit nicht allein ist.“ Tobias Huber absolviert derzeit sein klinisch-praktisches Jahr in Wien. Der 24-jährige Salzburger war einer von rund 40 Teilnehmenden der ersten Young MedEthics Konferenz, die IMABE Anfang Mai 2026 in Wien veranstaltete. Eröffnet wurde die Konferenz von Harald Schlögel, Ärztekammerpräsident Niederösterreich, per Videobotschaft.
Das Projekt Young MedEthics wurde von IMABE im Herbst 2024 gestartet. Für IMABE-Direktorin Susanne Kummer ist Young MedEthics die richtige Initiative zum richtigen Zeitpunkt: „Wir haben gemerkt, dass junge Fachkräfte im Gesundheitsbereich, die frisch in den Beruf einsteigen, ethisch kaum ausgebildet sind. Dafür gibt es Young MedEthics: Gemeinsam reflektieren wir in Theorie und Praxis Situationen, benennen Probleme und geben ihnen damit einen Kompass mit, eine ethische Orientierung für ihre Berufe.“ Nach den ersten beiden Young MedEthics-Onlinekursen (14 Sessions) war dies nun erstmals ein Präsenzformat für den gesamten deutschsprachigen Raum.
„Innen sind wir alle rosa“
Ein Plädoyer für eine menschenzugewandte Medizin kam von Marcus Schlemmer, Chefarzt der Klinik für Palliativmedizin (Barmherzige Brüder München). Mit seinem Statement „Innen sind wir alle rosa“ hob der Palliativmediziner hervor, dass die unveräußerliche Würde jedes Menschen Grundlage jeder Behandlung sei. „Ich glaube, wir müssen Ärzte dazu ausbilden, dass sie sich um Menschen kümmern, die nicht nur einen Körper, sondern auch eine Seele haben.“ Aus jahrzehntelanger Erfahrung am Lebensende weiß Schlemmer: In jeder Begegnung bleibt man „ein Lernender“. Sowohl die Biografie des Patienten als auch die eigene prägen, was man wahrnimmt, aushält und wirklich hören kann.
Welche Medizin und Pflege wollen wir sein?
Der Medizinethiker Giovanni Rubeis (Universität Graz) eröffnete die Konferenz mit einer grundlegenden Frage: „Welche Medizin und Pflege wollen wir sein?“ Er zeigte, wie wichtig es ist, die Ziele und Werte von Gesundheitseinrichtungen und -systemen zu reflektieren und zu stärken. Medizin und Pflege hätten in erster Linie einen Fürsorgeauftrag, der über Effizienzlogik und Ökonomisierung gestellt werden muss. Statt Patienten in systemische Schablonen einzupassen, sollte sich das Gesundheitssystem eine personenzentrierte Versorgung zum Ziel machen. Rubeis ermutigte die anwesende junge Generation, sich aktiv in die Gestaltung der Prozesse einzubringen. Verbesserungen seien auch in rigiden Systemen möglich, wenn jene, die „an der Front“ sind, sie mitgestalten.
Raimund Klesse, Psychiater und Präsident der Hippokratischen Gesellschaft Schweiz, analysierte die Grenzen der Autonomie und zeigte, dass Selbstbestimmung nur unter den richtigen relationalen Voraussetzungen gelebt werden kann – besonders im Falle psychischer Erkrankungen.
Workshops zu Fragen am Lebensende, Resilienz und Berührung
Am Samstagnachmittag wurden in drei praxisorientierten Workshops die Themen weiter vertieft. Der Palliativmediziner Gerold Muhri (Elisabethinen Graz), führte die Teilnehmenden in das Thema Lebensende ein. Es fand ein intensiver Austausch über herausfordernde Kommunikationssituationen, Möglichkeiten der Schmerzlinderung, die gute Gestaltung der letzten Lebenstage. Gemeinsam mit der Pflegewissenschaftlerin Karoline Schermann (UMIT, Tirol) reflektierten die Teilnehmenden aus Medizin und Pflege, wie professionelle Nähe gelingen kann und setzten sich mit dem Wert der Berührung auseinander. Raimund Klesse wiederum brachte den Teilnehmenden aus seiner Erfahrung als Psychiater näher, wie man im eigenen Beruf selbst heil und belastbar bleiben kann.
Open Mic: „Das ist mir passiert“
Ein besonderes Highlight war das Open-Mic-Format: Teilnehmende brachten persönliche Erfahrungen und Fallbeispiele aus ihrem Berufs- oder Ausbildungsalltag ein und diskutierten im Plenum über moralische Konflikte in der medizinischen und pflegerischen Praxis – begleitet von Experten, die bei der Einordnung halfen.
Gemeinsam nach Lösungen suchen
„Ich glaube, dem Thema Ethik fehlt es vor allem an Sichtbarkeit“, sagt Andreas Fink, Leiter der Physiotherapieschule PhysioCum Laude in Köln. „Unsere Gesellschaft rutscht immer stärker ins Unsolidarische. Young MedEthics macht das Thema Ethik sichtbar und sagt: Lass uns drüber reden, Wege und Lösungen suchen!“
Für Milana Dujakovic, Jungärztin an der Grazer Albert-Schweitzer-Klinik, übertraf die Konferenz ihre Erwartungen. Besonders wertvoll war für sie der Austausch über die Praxis. „Mit dem Thema Ethik beschäftigen wir uns im Alltag noch nicht genug. Ich nehme mit, dass man Zeit braucht für das Gespräch – und auch Mut, um die Entscheidungen zu treffen, die für die Patienten am besten sind.“
Ausblick: Im Herbst startet der nächste Young MedEthics-Onlinekurs
Die Vielfalt der Perspektiven – Ärztinnen und Ärzte, Pflegefachkräfte, Hebammen, Physiotherapeuten, Ethiker uvm. – machte die Diskussionen reichhaltig. Für Schlemmer, der selbst jahrzehntelange ärztliche Erfahrung am Lebensende mitbringt, ist Young MedEthics mehr als eine Fortbildung: Es gehe darum, der jungen Generation weiterzugeben, „was wichtig ist in der Medizin.“ Young MedEthics sei dafür „ein exzellentes Forum“ und werde in Zukunft noch an Bedeutung gewinnen.
An der regen Teilnahme in den verschiedenen Formaten – Workshops, Vorträge und Falldiskussionen – zeigte sich, wie groß das Bedürfnis junger Fachkräfte nach Orientierung, Austausch und interdisziplinärer Vernetzung ist. Im Herbst 2026 startet der nächste Young MedEthics Onlinekurs. Das Programm ist demnächst abrufbar. Für 2027 ist die 2. Young MedEthics-Konferenz in Planung.
Weitere Infos: www.youngmedethics.com