Bioethik aktuell

IMAGO HOMINIS: Tagungsband "Modernes Sterben"

Von 9. bis 10. Oktober 2020 trafen im Salzburger Congress Mediziner, Ethiker, Vertreter von Politik, Kirche und Gesellschaft zusammen, um auf Einladung des Salzburger Ärzteforums über das brisante Thema der aktiven Sterbehilfe und Suizidbeihilfe zu diskutieren. Das zweitägige Symposium unter dem Titel "Modernes Sterben" fand in Kooperation mit der Ärztekammer Salzburg, der Hospiz Bewegung Salzburg und der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität (PMU) Salzburg statt.

Der Tagungsband des Symposiums erscheint in der kommenden Ausgabe von IMAGO HOMINIS 1/2021 (Erscheinungsdatum Ende März) und kann ab sofort vorbestellt werden.

Udo di Fabio, (Universität Bonn, Staatsrecht, und früherer Richter am deutschen Bundesverfassungsgericht) geht in seinem Beitrag auf die "tektonische Verschiebungen" im Verständnis von Menschenwürde und Menschenbild ein. Die Menschenwürde als Maßstab für gesellschaftliche und wissenschaftliche Entscheidungen sind heute aufgrund eines einseitigen Verständnisses von Willensfreiheit gefährdet, utilitaristisch gebraucht zu werden, so seine These. Aus der Würde könne man kein Recht auf Abwesenheit von Leid fordern, noch, dass der Staat Sterbewünsche bloß nach Regeln organisiert. Vielmehr brauche es eine gesellschaftliche Achtung vor dem Leben, denn eine humane Gesellschaft "will nicht den raschen Tod, sondern vermehrt die Anstrengungen für Vorsorge und Begleitung".

Im Dezember 2020 hat der Österreichische Verfassungsgerichtshof (VfGH) entschieden, dass die in § 78 StGB vorgesehene Strafbarkeit jeder Hilfeleistung zur Selbsttötung gegen das „Recht auf freie Selbstbestimmung“ verstoße und deshalb verfassungswidrig sei. Kurt Schmoller (Institut für Strafrecht, Universität Salzburg) lotet aus, welche Konsequenzen sich aus dieser Betonung der Autonomie ergeben – auch über die Hilfe zur Selbsttötung hinaus. Er zeigt auf, dass der ursprüngliche Sinn des § 78 StGB im Schutz vor „temporärer“ Autonomie liegt, weil die (autonomen) Ziele und Wünsche des Menschen von der jeweiligen Lebensphase abhängen und sich in einer späteren Lebensphase oft wieder ändern. Allenfalls in engen Ausnahmefällen kann von einer „finalen“ Autonomie ausgegangen werden. An dieser Überlegung sollte sich eine künftige Neuregelung des § 78 StGB orientieren.

Der Neurologe und Palliativmediziner Stefan Lorenzl (Paracelsus Medizinische Privatuniversität, Salzburg) behandelt die komplexen Fragen, die sich im Zusammenhang der palliativen Betreuung von neurologischen Patienten stellen. Die Entscheidungsfindung über Therapiebegrenzungen bedarf einer multiprofessionellen und interdisziplinären Auseinandersetzung mit dem Patienten und seinen Angehörigen, die sorgfältig eingebunden werden müssen.

Moderne säkulare Gesellschaften haben zunehmend ein Problem mit dem Sterben. Statt Einsicht in die Vergänglichkeit des Lebens, die Vanitas, wie sie in der Antike und dem Mittelalter gelehrt wurde, werden Autonomie und Selbstbestimmung des Menschen überbetont, die am Lebensende unweigerlich in Vereinsamung und Verzweiflung kippen. Zugleich entzieht sich die Gesellschaft immer mehr ihres Solidarauftrages gegenüber dem Mitmenschen, das Leben im Alter wird zunehmend als „unwert“ stigmatisiert. Der Internist Christoph von Ritter (Ruhpolding/Bayern) zeigt auf, wie die palliative Sorge sowie Zuwendung durch Familie, Freunde und Seelsorge, Zuversicht am Lebensende vermitteln kann. Gleichwohl brauche es aber auch eine demütige Einsicht in die Vergänglichkeit des Lebens („Ars moriendi“) als Grundvoraussetzung für ein harmonisches Sterben.

Der Schweizer Psychiater Raimund Klesse gibt Einblick in die Situation in der Schweiz, wo inzwischen nicht nur terminale Patienten, sondern auch Schwerkranke, psychisch Kranke, Demenzbetroffene und Menschen mit Altersbeschwerden durch assistierten Suizid sterben. Die Zahl der Suizide sind rasant angestiegen, was negative Auswirkungen auf Individuum und Gesellschaft hat. Der Wunsch nach Suizid ist Symptom einer großen Not. Ein Suizidgefährdeter braucht Menschen, die seiner Not in einer Haltung der Kultur der Sorge und des helfenden Beistands begegnen, statt mit seinen Tötungstendenzen mitzugehen.

Weltweit gelten die Niederlande als Probelabor für die Legalisierung der aktiven Sterbehilfe. Doch die Erfahrungen nach 35 Jahren Sterbehilfepraxis zeigen, dass aktive Sterbehilfe, wenn legal, nicht das Ende einer komplexen Diskussion, sondern den Anfang für viele neue Diskussionen bedeutet. Der niederländische Medizinethiker Theo A. Boer (Universität Groningen), selbst neun Jahre lang Mitglied einer der fünf Regionalen Kontrollkommissionen Euthanasie, berichtet, wie die Normalisierung des organisierten Sterbens zunehmend zu einer Kultur der Verzweiflung angesichts von Leiden, Abhängigkeit und Altern führt. Statt ein „schreckliches Sterben" zu verhindern, sei die Euthanasie mittlerweile zu einem Instrument geworden, um ein "schreckliches Leben" zu verhindern.

Vorbestellung

Sie können den Tagungsband (IMAGO HOMINIS: Modernes Sterben 01/2021) bis zum 14.3. versandkostenfrei  um 15 Euro hier vorbestellen.

Institut für Medizinische
Anthropologie und Bioethik
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