Bioethik aktuell

Menschliche Embryonen als Rohstoffmaterial: Großbritannien plant neue Liberalisierungen

Salzburger Bioethikdialoge (14.-15.10.2022) hinterfragen den Trend zu Wunschmedizin und Enhancement

IVF-Babys mit drei Eltern, Genscheren-Einsatz in der Keimbahn, Eizellen und Spermien aus dem Labor: neue technische Möglichkeiten sollen den Menschen verbessern und Leiden ersparen. Ethische Bedenken spielen offenbar keine Rolle mehr.

© Pixabay_gb4f6d0ef4_geralt

Großbritannien will die Forschung an menschlichen Embryonen weiter vorantreiben und liberalisieren. Die dafür zuständige oberste britische Regulierungsbehörde Human Fertilisation and Embryology Authority (HFEA) plant, die seit 1990 geltenden und zuletzt 2008 novellierten Bestimmungen grundlegend zu überarbeiten. Die HFEA gibt an, die Gesetzgebung „zukunftssicher“ machen zu wollen. Wissenschaftler sollten nicht von veralteten Vorschriften ausgebremst werden: "Das Gesetz läuft Gefahr, sowohl von Entwicklungen in der Regulierungspraxis als auch von Entwicklungen in der wissenschaftlichen Forschung überholt zu werden", heißt es in dem Diskussionspapier die HFEA (Teil 1 und Teil 2). In Deutschland argumentiert die Akademie der Wissenschaft Leopoldina ähnlich. Sie setzt sich für die Aufhebung des Verbots der Embryonenforschung ein, um den Anschluss an die Wissenschaft nicht zu verlieren (Bioethik aktuell, 4.6.2021).

Die Forschung an menschlichen Embryonen ist ethisch umstritten, da im Zuge des Verfahrens zahlreiche Embryonen zerstört werden müssen. Dass bestehende gesetzliche Verbote in der Reproduktionsmedizin aus grundsätzlichen Überlegungen herrühren und Fehlentwicklungen in Sachen Menschwürde und Menschenrechte (z. B. das der Kenntnis über die eigene Abstammung) schützen wollen, spielt in dem Papier keine Rolle.

Fortschrittsoptimistische Begründung – Risiken werden nicht thematisiert

Die inzwischen bekanntgewordenen Vorschläge der HFEA (vgl. The Guardian, online 26.8.2022) bedeuten eine radikale Ausweitung bei Reproduktionstechniken:  

  • Herstellung von synthetischen Embryonen: Einem Forscherteam um Magdalena Zernicka-Goetz (University of Cambridge) ist es kürzlich bei Mäusen gelungen, mehrere Typen von Stammzellen zu "Embryo-Attrappen" zusammenzusetzen, die sich in einer Nährlösung rund acht Tage lang natürlich entwickelten - ganz ohne Ei- und Samenzellen. Laut der in der Nature (2022 https://doi.org/10.1038/s41586-022-05246-3) veröffentlichten Arbeit entstanden dabei auch Vorläufer von Organen. Die Arbeit zeigt, dass sich embryoähnliche Strukturen im Labor künstlich erzeugen und am Leben erhalten lassen, ohne dass eine Eizelle oder ein Uterus beteiligt ist (vgl. Springer Medizin 1.9.2022). Dies könnte Tierversuche minimieren, argumentieren die Forscher. Klares Ziel ist aber auch, dass in Zukunft "humane Embryoide" hergestellt werden sollen, um die Züchtung bestimmter Organe oder Zellen zu ermöglichen (vgl. Die Welt, online 4.9.2022).
     
  • Im Labor gezüchtete menschliche Eizellen und Spermien: Dies ist beim Menschen immer noch nicht möglich, aber es gibt erfolgreiche Tiermodelle bei Mäusen. Das US-amerikanische Unternehmen Conception arbeitet bereits daran, Eizellen aus Stammzellen zu gewinnen, um damit Eizellspenden zu umgehen. Damit sollen laut Conception-Gründer Matt Krisiloff nicht nur Frauen, sondern auch homosexuellen Paaren die Möglichkeit auf genetisch eigene Kinder - via IVF und Leihmutterschaft - bekommen (vgl. MIT Technology Review, 28.10. 2021). Auch dem Klonen von Menschen kommt man damit einen Schritt näher.
     
  • Humangenom-Editierung mit Hilfe der Genschere CRISPR-CAS: Derzeit ist dieses Verfahren in Großbritannien in der Keimbahn nicht erlaubt. Die Manipulation des Erbgutes mittels Genschere funktioniert, doch die Wirkungen sind nicht völlig kontrollierbar. Wenn bestehenden Wirksamkeits- und Sicherheitsprobleme gelöst werden könnten, dann sollten auch die Rechtsvorschriften geändert werden, um Eingriffe in der Keimbahn – und damit am kompletten Genom, das an die nächsten  Generationen weitervererbt wird – vornehmen zu können. Die WHO hatte im Sommer 2019 einen vorläufigen internationalen Stopp von DNA-Eingriffen am menschlichen Embryo gefordert. CRISPR/Cas9-Experimente, die zur Geburt genetisch veränderter Babys führten, seien „unverantwortlich“ (Bioethik online, 13.1.2020).
     
  • Genetisch Drei-Eltern-Kinder: Die Novellierung soll das britische Gesetz von 2015 einarbeiten, das schon jetzt die Übertragung mitochondrialer DNA erlaubt. Im Zuge des MET-Verfahrens wird ein nach einer künstlichen Befruchtung entstandener Zellkern in die entkernte Eizelle einer Fremdspenderin eingesetzt. Das Kind hat dann genetisches Erbmaterial des genetischen Vaters, der genetischen Mutter und der Eizellenspenderin. Das experimentelle Verfahren hat bislang kaum Nutzen zur Vermeidung von Krankheiten gebracht (Bioethik aktuell, 11.6.2018).

Salzburger Bioethik Dialoge widmen sich dem Thema "Wunschmedizin: Zwischen Indikation und Optimierung" 

Transhumanismus, Enhancement und die Vision einer kontrollierten Manipulation des menschlichen Körpers verheißen menschliches Glück und eine leidfreie Welt. Das Spektrum der Möglichkeiten reicht von der Gentechnik über die Reproduktionsmedizin, von der Schönheitschirurgie bis zur Sterbehilfe. Welches Menschenbild dominiert den Markt der Wunschmedizin? Worin besteht ihr eigentlicher Auftrag? Haben Wünsche Grenzen? Begeben wir uns eine Optimierungsfalle? 

Vortragenden der Tagung, die am 14./15.10.2022 an der Universität Salzburg (Große Universitätsaula) stattfindet, sind u.a. Claudia Bozzaro, Thomas Fuchs, Alexander Korte, Susanne Kummer uvm. Nähere Information unter https://www.salzburgeraerzteforum.com/salzburger-bioethik-dialoge-2022/

Unterstützt von: