Pflegefachkräfte sind oft der erste Kontaktpunkt für Menschen, die einen Sterbewunsch äußern oder direkt nach Beihilfe zum Suizid/Tötung auf Verlangen fragen. Sie sind meist für die Betroffenen eine wichtige Bezugsperson, die Pflegefachkräfte im Vergleich zu Ärzten dem Patienten emotional meist näher stehen und eine intensivere Beziehung besteht.
Was löst eine Anfrage für Tötung auf Verlangen oder assistierten Suizid bei Pflegefachkräften aus? Dieser Frage geht eine deutsche Forschergruppe in einer internationalen Übersichtsstudie (Springer, 2025) nach.
Die Untersuchung kommt zu dem Ergebnis: Mehr Pflegende als gedacht sind emotional und psychisch durch solche Anfragen belastet und geraten in Gewissenskonflikte. Während einige sich gut fühlen, in den Prozess involviert zu sein, ist für manche der Druck so hoch, dass sie ihren Beruf verlassen.
„Diese nun erstmals umfassende internationale Erhebung mitsamt ihren Schlussfolgerungen sollte von den politischen Verantwortlichen in Österreich ernst genommen werden“, sagt IMABE-Direktorin Susanne Kummer mit Blick auf die deutsche Studie. „In Österreich wurden bereits mehr als 1.000 Anträge auf Beihilfe zum Suizid errichtet. Auch knapp fünf Jahre nach der Einführung des Sterbeverfügungsgesetzes ist keinerlei wissenschaftliche Begleitung und Evaluierung gesetzlich vorgesehen. Das sollte im Zuge der Novellierung des Gesetzes geändert werden“, fordert die Ethikerin.
Moralischer Stress korreliert mit Anfragen zu „Sterbehilfe“
Die Forschergruppe hat 25 internationale Studien (quantitative und qualitative) zusammengetragen und ausgewertet, um besser zu verstehen, wie Pflegefachkräfte moralischen Stress (engl. „moral distress“) im Umgang mit Tötung auf Verlangen/Suizidassistenz erleben. Moralischer Stress ist eine Reaktion auf ethisch herausfordernde Situationen – besonders wenn Pflegefachkräfte etwas erleben oder tun, was sie mit ihrem Gewissen nicht vereinbaren können. Die Folgen können psychische und körperliche Belastung, Schuld- und Ohnmachtsgefühle, Burnout, Berufsverlassen und eine schlechtere Pflegequalität sein. (Bioethik aktuell, 03.10.2022)
Die Ergebnisse der Auswertung zeigen, dass moralischer Stress und andere psychische Belastungen infolge der Tötung auf Wunsch bei Pflegefachpersonen auftreten. Auch die quantitativen Studien belegen einen Zusammenhang zwischen „Sterbehilfe“-Anfragen und moralischem Stress. Komplexe emotionale Reaktionen und moralische Abwägungsprozesse, die von diversen Faktoren beeinflusst werden, ziehen sich als zentrale Erfahrungen durch alle Studien und Länder.
Pflegefachpersonen erleben Unbehagen, Schuld und Angst
Die Studienergebnisse zeigen, dass Anfragen für Tötung auf Verlangen/Beihilfe zur Selbsttötung ein weites Spektrum von emotionalen Reaktionen auslösen können. In manchen der untersuchten Studien beschreiben die Befragten ihre emotionalen Reaktionen als positiv; andere beschreiben sie als ambivalent.
Von negativen emotionalen Reaktionen im Sterbehilfekontext wurde durchwegs am häufigsten berichtet. Pflegefachkräfte berichten von (moralischem) Unbehagen, Gefühlen von Unwohlsein, Scheitern oder Schuld und Angst.
Einerseits werden diese Emotionen direkt körperlich spürbar erlebt – zum Beispiel als ein Gefühl zu ersticken oder sich übergeben zu müssen. Andererseits können diese Gefühle auch später beim Reflektieren auftreten. Pflegefachkräfte berichten zudem, dass sie diese negativen Emotionen oft mit nach Hause nehmen und sich dabei schwertun, sie zu verarbeiten. Für manche ist die „aktive Sterbehilfe“ am Arbeitsplatz psychisch so belastend, dass sie den Pflegeberuf deshalb verlassen, berichten die Forscher.
Tötung auf Verlangen als Widerspruch zu Werten der Pflege
Persönliche Werte können zu Gewissenskonflikten führen und spielen eine zentrale Rolle dabei, wie eine Anfrage von „Sterbehilfe“ aufgenommen wird. Pflegefachkräfte nehmen Tötung auf Verlangen teils als Widerspruch der Grundwerte Ihrer Pflegeprofession wahr; vor allem dann entsteht moralischer Stress, ergibt die Analyse.
Das betrifft einen erheblichen Anteil: Eine Studie der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin zeigte, dass 82 Prozent (766 von 930) Teilnehmer nicht bei einem assistierten Suizid mitwirken möchten. Mehr als ein Drittel von 134 von befragten Community Nurses finden es problematisch, Patienten im Kontext einer geplanten (Selbst)Tötungshandlung zu pflegen.
Druck von außen verschärft moralischen Stress
Besonders für Pflegefachkräfte, die Tötung auf Verlangen/Beihilfe zur Selbsttötung aus Gewissensgründen verweigern, ist es herausfordernd, zu navigieren, inwieweit sie sich beteiligen können. Einige machen von ihrem Recht der nicht-Partizipation Gebrauch oder vermeiden es, über Tötung auf Verlangen zu sprechen. Andere limitieren ihr Mitwirken so weit wie möglich und versuchen sich abzulenken. Am stärksten zeigen sich Symptome von moralischem Stress, wenn Pflegende gegen ihren Willen zum Mitwirken bei einer Tötung gezwungen werden, ergibt die Analyse.
Pflegefachkräfte können auch unter ihrem kollegialen Umfeld leiden: Sie berichten, Angst davor zu haben, unter Druck gesetzt zu werden oder verurteilt zu werden, wenn ihre Werte sich von denen der anderen unterscheiden. Des Weiteren berichten sie, Angst zu haben, die Tötung auf Verlangen/Beihilfe zur Selbsttötung könnte das Vertrauen in den Pflegeberuf untergraben und stigmatisieren
Wenn Ressourcen fehlen
Die Studien zeigen, dass „Sterbehilfe“-Anfragen auch dann besonders belastend für Pflegepersonal sein können, wenn Ressourcen wie Zeit und Zugang zu Palliative Care, Schmerzmittel und psychologische Unterstützung knapp sind. Darüber hinaus haben auch die Motive sowie die Gesamtsituation einen Einfluss drauf, wie Pflegefachkräfte mit Wünschen auf Tötung umgehen.
Wenn die Motive für die Anfrage schwer zu verstehen sind – vor allem bei Fällen von nicht-physischem Leid oder wenn Patienten nicht terminal krank sind, ist die Unsicherheit größer. Zudem sind Pflegefachkräfte besorgt, wenn sie vermuten, dass der Wunsch nach dem Tod eher von den Angehörigen und nicht vom Patienten selbst ausgeht.
Wenn Wissen und Zeit zu Reflexion fehlen, steigt moralischer Stress
Pflegefachpersonen fühlen sich mit ihren Herausforderungen im Kontext von Sterbewunsch und Tötungswunsch oft allein gelassen – das bestätigen frühere Untersuchungen. (Bioethik aktuell, 01.10. 2025) Auch die Metastudie zeigt: Pflegenden fehlt oft die Möglichkeit, ethische Herausforderungen und Gewissenskonflikte anzusprechen. Zudem verfügen sie im Umgang mit Suizidassistenz häufig nicht über ausreichendes Wissen und spezifische Ausbildungen. Diese fehlende Orientierung können Unsicherheit und moralischen Stress verstärken, betonen die deutschen Forscher.
Forderungen für die Praxis
Die Studienautoren – unter ihnen die Pflegewissenschaftlerin Anette Riedel, Mitglied des Deutschen Ethikrates – betonen, dass moralischer Stress nicht allein von einzelnen Pflegefachkräften getragen werden darf. Für einen besseren Umgang von moralischem Stress im Kontext von Tötung auf Verlangen/Beihilfe zum Suizid identifiziert das Forscherteam vier zentrale Implikationen:
Erstens müssen Gesundheitseinrichtungen eine offene Atmosphäre und Gesprächskultur fördern, wo verschiedene Ansichten zum Thema Tötung auf Verlangen/Beihilfe zum Suizid gewährt und anerkannt werden. So können Konflikte im Team vorgebeugt werden und ein respektvoller ethischer Dialog gefördert werden.
Es brauche zweitens eine Weiterentwicklung von pädagogischen Interventionen, die auf Ethik, Resilienz, Kommunikation sowie rechtliches Training abzielen. Drittens fordern die Studienautoren klare Rollenbeschreibungen und institutionelle Leitlinien, damit Pflegefachkräfte im Umgang mit Suizidassistenz einen verlässlichen ethischen Rahmen haben.
Und nicht zuletzt betonen sie den Bedarf an weiterer Forschung, um die Beziehung zwischen moralischen Stress und Sterbehilfe besser zu verstehen, seine Auslöser genauer zu erkennen und wirksame Unterstützung für Pflegefachkräfte zu entwickeln.