Eine großangelegte systematische Übersichtsarbeit (BMC Palliativ Care, 2025) wertet 67 internationale Studien zur Rolle von Spiritualität in der Palliativ- und End-of-Life-Care aus. Ziel der mexikanischen Forschungsgruppe war es, erstmals eine klinisch nutzbare Definition von Spiritualität zu entwickeln und zu analysieren, welche Barrieren einer angemessenen spirituellen Fürsorge im Klinikalltag entgegenstehen.
Spiritualität als Suche nach Sinn
Die Studie definiert Spiritualität als „intrinsischen und dynamischen Bestandteil des Menschseins, der sich auf die Suche nach Sinn und Zweck des Lebens über das rein Materielle hinaus richtet“. Sie zeigt sich in Beziehungen, Werten, Überzeugungen und innerem Frieden. Sie betrifft damit nicht nur religiöse Menschen, sondern jeden, der bei schwerer Krankheit existenzielle Fragen stellt. Religion kann Ausdruck von Spiritualität sein, ist aber nicht mit ihr gleichzusetzen.
Im Mittelpunkt spiritueller Bedürfnisse steht die Suche nach Bedeutung: der Wunsch nach Versöhnung, innerem Frieden und dem Gefühl, ein sinnvolles Leben geführt zu haben. Studien belegen, dass unbeachtete spirituelle Bedürfnisse mit höherer seelischer Belastung, geringerer Lebensqualität und verstärkter Hoffnungslosigkeit einhergehen. (Bioethik aktuell, 6.11.2025)
Spirituelle Begleitung als ärztliche Aufgabe
Die Übersichtsarbeit zeigt eine deutliche Lücke zwischen den spirituellen Bedürfnissen der Patienten und dem, was das medizinische Fachpersonal tatsächlich anbietet. Als größtes Hindernis identifizieren die Wissenschaftler die verbreitete Haltung, wonach spirituelle Begleitung keine ärztliche Aufgabe sei. Hinzu kommen praktische und strukturelle Hindernisse: Zeitmangel im klinischen Alltag; viele sehen ihre primäre Verantwortung ausschließlich in der körperlichen Versorgung; es herrscht Unbehagen und Unsicherheit im Umgang mit „Spiritualität“, das als zutiefst privates uns sensibles Thema wahrgenommen wird. Ärztinnen und Ärzte fürchten häufig, professionelle Grenzen zu überschreiten oder in die Privatsphäre der Patienten einzudringen.
Das führt dazu, dass sie spirituelle Anliegen sofort an Spezialisten wie Seelsorger delegieren. Das kann zwar sinnvoll sein, unterbricht jedoch die Kontinuität der Versorgung in der etablierten Arzt-Patienten-Beziehung. Die Analyse zeigt: Patienten wünschen sich gerade ihre behandelnden Ärzte als Ansprechpartner für existenzielle Fragen und erwarten, dass spirituelle Bedürfnisse verantwortungsvoll in die Behandlung eingebunden werden.
Persönliche Faktoren spielen eine große Rolle
Spiritual Care sollte demnach eine allgemeine Aufgabe aller Ärzte sein, unabhängig von Fachrichtung oder ihrem persönlichen Glauben, so die Studienautoren. Persönliche Überzeugungen wirken dabei nicht als Hindernis, sondern als Förderfaktor, solange Ärzte bereit sind, die individuellen spirituellen Bedürfnisse ihrer Patienten offen anzusprechen. Entscheidend ist Selbstreflexion: Wer die eigenen Bedürfnisse nach Verbundenheit, Sinn und Transzendenz nicht kennt, wird die spirituellen Anliegen von Patienten kaum wahrnehmen.
Wertebasierte Haltung bei Fachkräften gefordert
Innovativ ist der wertebasierte Ansatz der Studie: Spiritualität wird als eng mit ärztlichen Grundwerten verknüpft betrachtet. Die Analyse identifiziert drei zentrale Säulen – Respekt, Verantwortung und Mitgefühl – ergänzt durch Fürsorge, Würde und echte Zusammenarbeit zwischen Arzt, Patient und sozialem Umfeld. Diese Werte bilden das ethische Fundament, auf dem Spiritual Care erst möglich wird.
Ärztliche Präsenz, aufmerksames Zuhören und empathische Kommunikation gelten als grundlegende Elemente nicht nur der Spiritual Care, sondern hochwertiger personenzentrierter Medizin insgesamt. (Bioethik aktuell, 8.10.2025)
Höhere Lebensqualität, bessere Arzt-Patienten-Beziehung
Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass Spiritual Care die Arzt-Patient-Beziehung stärkt und es Gesundheitsfachkräften ermöglicht, besser zu verstehen, wie Überzeugungen und Werte der Patienten ihre Entscheidungsfindung beeinflussen und wie diese in den Behandlungsplan integriert werden können.
Die Sorge um Spiritual Care ist auch von ökonomischer Relevanz. Durch verbesserte Entscheidungsfindung, weniger Übertherapie und höhere Lebensqualität können indirekt Kosten gesenkt werden. Das ist allerdings nur ein Nebeneffekt: Spiritual Care darf nicht instrumentalisiert werden – weder zur bloßen Beruhigung von Patienten noch zur Effizienzsteigerung im Gesundheitssystem. Vielmehr geht es um die Anerkennung des Menschen als sinn- und wertefähiges Wesen. (Bioethik aktuell, 6.11.2025)
Ausbildung als dringendste Barriere
Wie viele Vorgängerstudien benennt auch diese Übersichtsarbeit mangelnde Ausbildung als zentrale Hürde. Ohne begriffliche Klarheit, Selbstreflexion und kommunikative Schulung meiden Ärzte spirituelle Themen. Die Autoren plädieren deshalb für eine frühe, verpflichtende Integration von Spiritual Care in medizinische Curricula, damit neben körperlichem Leiden auch die seelischen Bedürfnisse von Patienten systematisch Eingang in Behandlung und Pflege finden.