Dass religiöse Menschen seltener unter Einsamkeit leiden als nichtreligiöse, ist seit Längerem bekannt. Eine im Fachjournal Nature (Scientific Reports 2025) publizierte Studie mit Daten von über 180.000 Menschen aus 22 Ländern, vier Weltreligionen (Christentum, Judentum, Islam, Buddhismus) sowie Nicht-Religiösen zeigt nun, dass der Grund dafür nicht allein im sozialen Netz der Religionsgemeinschaft liegt. Entscheidend ist vielmehr, welches Gottesbild der Einzelne hat und ob er oder sie sich von dieser höheren Macht geliebt fühlt, so das Psychologenteam um Alexandra S. Wormley (Universität Michigan). Grundlage der Studie sind Daten der Global Flourishing Study (GFS), einer von der Harvard-Universität getragenen internationalen Langzeitstudie zum menschlichen Wohlbefinden.
Religiosität als Gesundheitsfaktor: Was die Forschung bereits weiß
Das medizinische Interesse an Religiosität und Spiritualität ist in den vergangenen Jahrzehnten deutlich gewachsen. Wissenschaftliche Publikationen zu diesem Thema haben seit dem Jahr 2000 stark zugenommen (Informology 2024). Mehrere Studien haben seither bestätig, dass sich Religiosität allgemein positiv auf die Gesundheit auswirkt (Nature Index). Menschen, die regelmäßig beten oder einen Gottesdienst besuchen, werden seltener hospitalisiert, leben länger und leiden seltener an chronischen Schmerzen sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Bei psychischen Erkrankungen wirkt Religiosität sowohl als Schutzfaktor als auch als Bewältigungsstrategie: Religiöse Menschen sind nachweislich weniger anfällig für Depressionen, Essstörungen und Suchterkrankungen. Auch der Therapieerfolg bei Psychosen und posttraumatischen Belastungsstörungen profitiert von einem positiv geprägten Glauben – etwa wenn Vergebung, Hoffnung und Dankbarkeit zentrale Elemente sind. Der Rückhalt in der Religion schützt zudem nachweislich vor Suizid (World Journal of Clinical Cases 2021).
Wie die Studie zu ihren Daten kam
In der Global Flourishing Study (GFS) wurden mehr als 180.000 Personen aus 22 Ländern über eine einzelne Selbstauskunft-Frage („Wie oft fühlen Sie sich einsam?“) zur „Einsamkeit“ befragt, während soziale Isolation objektiv über den Status des Alleinlebens erfasst wurde. Die Forscher bildeten die religiöse Überzeugung über zwei Fragen ab: erstens, ob jemand an einen Gott, mehrere Götter, eine unpersönliche spirituelle Kraft oder keines von diesem glaubt; zweitens, ob er oder sie sich von dieser Macht geliebt und umsorgt fühlt. Gesundheitliche Auswirkungen wie körperliches und psychisches Befinden, Depressionen, Angst, Leid und Lebenszufriedenheit wurden ebenfalls per Selbsteinschätzung erfasst und mittels gewichteter linearer Regressionen unter Kontrolle von Alter, Geschlecht und Einkommen ausgewertet. Die US-Psychologen weisen selbst auf Grenzen ihrer Methode hin: Die Daten zeigen Zusammenhänge, keine Kausalität.
Wer am stärksten unter Einsamkeit leidet – und wer am wenigsten
Die Studie vergleicht erstmals die Auswirkungen von vier Weltreligionen und Nichtreligiosität auf Einsamkeit und ihre gesundheitlichen Folgen. Religiöse Menschen leben generell seltener allein und weisen eine höhere psychische wie physische Widerstandskraft auf. Nichtreligiöse Menschen leiden deutlich häufiger und stärker an Einsamkeit und sozialer Isolation; lediglich bei Buddhisten liegen die Werte ähnlich hoch. Am wenigsten Einsamkeit erfahren Juden. Ein Teil dieses Unterschieds erklärt sich dadurch, dass nichtreligiöse Menschen deutlich häufiger allein wohnen – am seltensten tun dies Muslime und Juden, während Christen und Buddhisten im Mittelfeld liegen. Doch selbst wer allein wohnt, trägt als nichtreligiöser Mensch ein höheres Vereinsamungsrisiko als ein religiöser Mensch in derselben Situation.
Der Glaube an einen persönlichen, liebenden Gott schützt am stärksten
Die Studie differenziert weiter: Das niedrigste Risiko zu vereinsamen haben jene, die sich von dem Gott, an den sie glauben, auch geliebt und umsorgt fühlen. Der bloße Glaube an die Existenz Gottes reicht den Forschern zufolge nicht aus. Entscheidend ist, ob Gott als liebevoll, fürsorglich und emotional unterstützend erlebt wird. Der Glaube an eine unpersönliche spirituelle Macht oder an mehrere Götter schützt zwar ebenfalls vor Einsamkeit, jedoch deutlich schwächer als der Glaube an einen einzigen, persönlichen Gott. Dieser Schutz erstreckt sich auch auf die gesundheitlichen Folgen von Einsamkeit – Depressionen, Angststörungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, geschwächte Immunabwehr und erhöhte Sterblichkeit –, wobei auch hier der monotheistische, personale Glaube den stärksten protektiven Effekt zeigt.
Interessant ist zudem ein Befund aus der ersten Auswertung der Harvard-Studie (2025): Regelmäßiger Gottesdienstbesuch – unabhängig von der Konfession – erweist sich als wichtiger Faktor für menschliches „Gedeihen“ (Flourishing), und liegt sogar noch vor der Schulbildung.
Auch die Psychiatrie fordert mehr Aufmerksamkeit für Religion
Bereits 2016 hat die World Psychiatric Association (WPA) in einem Positionspapier anerkannt, dass Religiosität und Spiritualität eng mit den innersten Überzeugungen und Werten von Menschen verbunden sind und entsprechend eine wichtige Rolle für die psychische Verfassung religiöser Patienten spielen können. Immerhin identifizieren sich weltweit 84 Prozent der Menschen als religiös (Nature 2024). Die WPA empfiehlt deshalb, dass Psychiater die religiöse Überzeugung ihrer Patienten im Rahmen der Diagnostik routinemäßig erfragen und – unabhängig von der eigenen weltanschaulichen Haltung – mit religiösen Gemeinschaften, Seelsorgenden und anderen Fachpersonen zusammenarbeiten, um das Wohlbefinden der Patienten bestmöglich zu fördern. Auch in der Ausbildung von Psychiatern und Therapeuten solle das Thema Religion und Spiritualität künftig stärker berücksichtigt werden.
Religiosität als Ressource gegen die Einsamkeitsepidemie
„Letztendlich zeigen wir, dass die liebevollen Beziehungen zwischen Menschen und dem Gott, den sie verehren, ein Potenzial bieten, um gegen die weltweite Einsamkeitsepidemie vorzugehen“, resümieren die Psychologen aus Arizona und Michigan. Sie bezeichnen Religiosität als potenziell wirksames und zugleich kostengünstiges Interventionsziel, das angesichts von rund fünf Milliarden religiösen Menschen weltweit erhebliche Reichweite hätte. Erinnerungen an die Liebe Gottes – etwa durch Predigten oder Andachten, sofern sie der jeweiligen theologischen Lehre entsprechen – könnten demnach gezielt Menschen unterstützen, die sozial isoliert oder einsam sind.