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Studie: Psychische Gesundheit von Jugendlichen verschlechtert sich nach Transgender-Behandlungen

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Eine finnische Langzeitstudie mit über 18.000 Teilnehmenden sorgt international für Aufsehen: Bei vielen Jugendlichen, die geschlechtsumwandelnde Eingriffe vornahmen, stieg der psychiatrische Behandlungsbedarf danach deutlich an – anstatt zu sinken.

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Die großangelegte Studie aus Finnland (Acta Paediatrica, 2026) untersucht, wie es jungen Menschen nach Überweisung an eine Genderklinik und nach geschlechtsumwandelnden Eingriffen psychisch geht. Die Ergebnisse sind alarmierend: Betroffene waren danach deutlich häufiger und schwerer psychisch belastet bzw. psychiatrisch erkrankt als ihre Altersgenossen ohne Genderklinikbesuch. Die neuen Forschungsergebnisse wurden auch im Wall Street Journal (16.04.2026) und in der Neuen Zürcher Zeitung (18.04.2026) aufgegriffen. 

Hormonelle Behandlungen, Pubertätsblocker, Amputationen von Geschlechtsteilen und andere chirurgische Eingriffe sollen den Körper an das empfundene Geschlecht anpassen und dadurch psychische Leiden lindern. Dieser als „Gender-Affirming-Care“ (GAC) bekannte Behandlungsansatz für junge Menschen mit Geschlechtsdysphorie steht seit einigen Jahren zunehmend in der Kritik. (Bioethik aktuell, 18.06.2025). Immer mehr Studien finden keine wissenschaftlich belastbaren Belege für seine positive Wirkung auf das Wohlbefinden Betroffener, so auch die neue Langzeitstudie aus Finnland.

Größte Studie ihrer Art: Alle unter 23-Jährigen lückenlos nachverfolgt

Das Forscherteam, unter ihnen Riittakerttu Kaltiala, Leiterin der Jugendpsychiatrie der Universität Tampere, nutzte für die Studie das landesweite Gesundheitsregister. Das finnische Gesundheitsregister zählt zu den besten weltweit, da es nahezu vollständige Daten erfasst und so eine außerordentlich zuverlässige Nachverfolgung ermöglicht.

Die Psychiater verfolgten alle 2.083 unter 23-Jährigen, die zwischen 1996 und 2019 eine Genderklinik aufgesucht hatten, bis Juni 2022 nach. Rund 38 Prozent davon (796 Personen) unterzogen sich tatsächlich geschlechtsumwandelnden Eingriffen. Zum Vergleich wurde jeder dieser Personen je vier gleichaltrige männliche oder weibliche Vergleichspersonen aus derselben Gemeinde zugeordnet, insgesamt über 18.000 junge Menschen.

Die psychische Belastung stieg nach Besuch in Genderklinik erheblich an

Schon vor dem ersten Genderklinikbesuch war die psychische Belastung der Transgender-Gruppe hoch: 45,7 Prozent von ihnen waren bereits davor in psychiatrischer Behandlung. Doch statt sich zu verbessern, stieg dieser Wert nach dem Klinikbesuch auf 61,7 Prozent weiter an – gemessen nach mindestens zweieinhalb Jahren. In der Vergleichsgruppe sank er im gleichen Zeitraum leicht von 15 auf 14,6 Prozent. Jungen Erwachsenen, die in der Hoffnung auf eine medizinische Geschlechtsumwandlung eine Genderklinik aufsuchten, ging es also danach psychisch noch schlechter statt besser.

Selbst wenn man die psychischen Vorerkrankungen herausrechnet, bleibt das Risiko für schwere psychiatrische Erkrankungen nach einer Transgender-Behandlung stark erhöht. Besonders deutlich zeigt sich das bei jungen Männern: Ihre Rate schwerer psychiatrischer Erkrankungen bzw. spezialpsychiatrischer Behandlungen ist nach dem Genderklinikbesuch fünfmal höher als in der Vergleichsgruppe – bei jungen Frauen dreimal so hoch.

Höchste psychische Belastung nach medizinischen Eingriffen

Am stärksten betroffen waren jene, die tatsächlich operiert oder hormonell behandelt wurden. Bei jungen Männern mit feminisierenden Eingriffen stieg die psychiatrische Erkrankungsrate von 9,8 auf 60,7 Prozent — eine Versechsfachung; bei jungen Frauen mit Eingriffen zur Vermännlichung von 21,6 auf 54,5 Prozent.

Zu den Erkrankungen gehören unter anderem psychische Störungen wie Depressionen, Angststörungen und Schizophrenie (ICD-10-Hauptkategorien).

Psychische Vorerkrankungen müssen unabhängig behandelt werden

Aus den Daten geht klar hervor, dass Transgender-Jugendliche schon vor ihrem ersten Genderklinikbesuch häufiger eine psychiatrische Behandlung hatten als jene, die nie eine Genderklinik aufsuchten (45,7 Prozent vs. 15 Prozent). Bereits frühere Studien zeigten, dass Jugendliche, die sich als transgender identifizieren, häufiger an psychischen Vorerkrankungen leiden. (Bioethik aktuell, 18.06.2025)

„Psychische Erkrankungen müssen unabhängig von der Geschlechtsidentität eines jungen Menschen angemessen behandelt werden“, lautet daher der Appell der Wissenschaftler. Die schweren psychiatrischen Erkrankungen gehen der Geschlechtsdysphorie häufig voraus; sie müssen deshalb eigenständig behandelt werden, unabhängig von der Frage der Geschlechtsangleichung.

Geschlechtsumwandlungen werden als Behandlungsansatz hinterfragt

Diese Ergebnisse stellen die Versprechen des transaffirmativen Behandlungsansatzes infrage, der laut finnischem Forscherteam immer noch mit hohen Erwartungen an eine Besserung verbunden ist. Der Erfolg der GAC wird allerdings nicht belegt: Es konnte kein Zusammenhang zwischen besserer psychischer Gesundheit und geschlechtsumwandelnden Eingriffen gefunden werden. „Im Gegenteil“, so Studienleiter Sami-Matti Ruuska von der Universität Tampere, „deuten die Ergebnisse auf eine Verschlechterung der psychischen Gesundheit bei denjenigen hin, die medizinische Maßnahmen zur Geschlechtsangleichung erhalten.“ (Tampere University, 14.04.2026)

Warum die finnische Studie besonders ist

Wie sich das psychische Wohlbefinden von Menschen nach geschlechtsumwandelnden Operationen auf lange Sicht entwickelt, ist bisher schlecht belegt. Viele bisherige Studien zum Thema wiesen methodologische Schwächen auf: keine Kontrollgruppen, zu kurze Follow-up-Zeiten, uneinheitliche Messmethoden und teils einen erheblichen Verlust von Teilnehmenden während der Beobachtungszeit. Auch in Deutschland, Österreich und der Schweiz weiß man kaum etwas darüber, wie es jungen Menschen langfristig nach einer Geschlechtsumwandlung geht.

Im Vergleich zu früheren Untersuchungen haben die Ergebnisse der finnischen Studie eine besonders hohe Aussagekraft, da Finnland aufgrund seines hochwertigen Gesundheitsregisters alle Betroffenen lückenlos nachverfolgen kann. Weitere Stärken liegen in der landesweiten repräsentativen Stichprobe, dem langen Beobachtungszeitraum von mehr als drei Jahrzehnten und einem individuellen Follow-up der Patienten von durchschnittlich 5,5 Jahren bis zu 25 Jahren. Dazu kommt, dass die Schwelle für spezialisierte psychiatrische Behandlung in Finnland landesweit einheitlich ist, was die Vergleichbarkeit verbessert.

„Transgender-affirmative“ Leitlinien geraten unter Kritik

Die finnischen Ergebnisse stehen nicht allein. Auch die internationalen Leitlinien, auf die sich Gender-affirmative Behandlungen stützen, werden zunehmend kritisiert. Eine Publikation des Archives of Sexual Behavior-Journals (2025) bewertet die Qualität der bekannten WPATH-SOC8-Leitlinien – die GAC für Minderjährige und junge Mensch empfiehlt – neu. Die Analyse fand vor allem methodische Schwächen in den Leitlinien der World Professional Association for Transgender Health (WPATH). Konkret kritisierte die internationale Forschergruppe, dass nicht ausreichend nachvollziehbar dargestellt wird, wie die Evidenz systematisch gesucht und ausgewählt wurde und wie genau die Empfehlungen aus dieser Evidenz abgeleitet wurden. Sie sprechen von „undurchsichtiger Handhabung von Interessenskonflikten“, die das Vertrauen in die Empfehlungen untergraben könnte. 

„Gesundheitsfachkräfte, Fachverbände und politische Entscheidungsträger sollten daher vorsichtig sein, SOC8 unkritisch zu übernehmen oder zu befürworten. Die methodischen Einschränkungen der Leitlinien könnten eine optimale Gesundheitsversorgung vulnerabler junger Menschen erschweren“, warnt die internationale Forschergruppe, die die WPATH-Leitlinien analysiert hat.

Deutschsprachige Länder halten an veralteten Kriterien fest

Finnland und Schweden gehörten zu den ersten Ländern, die die Evidenz zur Gender-affirmativen Behandlung von Minderjährigen systematisch überprüften und ihre Empfehlungen deutlich vorsichtiger fassten. England folgte 2024 mit dem wegweisenden Cass-Review. (Bioethik aktuell, 24.04.2024) Im deutschsprachigen Raum hingegen halten die geltenden Leitlinien weiterhin am transaffirmativen Ansatz fest, obwohl namhafte Kinder- und Jugendpsychiater aus Deutschland und der Schweiz diese scharf kritisieren. (Bioethik aktuell, 1.11.2024)

 

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