Gewalt gegen alte Menschen als ethisches Problem in der Pflege

Imago Hominis (2012); 19(1): 39-49
Josef Hörl

Zusammenfassung

Eine Schwierigkeit für die Gewaltforschung ist die Divergenz zwischen subjektiven Empfindungen und der objektiven Feststellung von Tatbeständen. Prävalenzangaben liegen für die Institutionen nur spärlich vor; im Familienbereich schwanken sie stark, je nachdem, welche Formen des körperlichen, psychischen, finanziellen Missbrauchs bzw. der Vernachlässigung einbezogen werden. Entgleisende Pflegebeziehungen haben im institutionellen und im familialen Zusammenhang unterschiedliche Ursachen und Ausprägungen. In den Heimen und Krankenhäusern sind ungenügende Ausbildung und Ressourcenmangel wichtige Faktoren. Bei den Pflegebeziehungen in der Familie sind Überlastung, eine ungünstige biografische Vorgeschichte und Verwahrlosungsphänomene entscheidende Risikokonstellationen. Stress, Burnout und zu hohe Ansprüche der Pflegenden an sich selbst sind in beiden Kontexten zu finden, wobei in der Familie die besondere Gefühlsdynamik zu berücksichtigen ist. Eine Erkenntnis besteht darin, dass der herkömmliche Täter-Opfer-Antagonismus nur begrenzt vorzufinden ist.

Schlüsselwörter: Gewalt gegen alte Menschen, Pflege, Institutionen, Familie

Abstract

There are discrepancies between subjective and objective definitions of elder abuse. Prevalence data for elder mistreatment in institutional care is scarce; data for mistreatment in family care-giving varies considerably according to which types of abuse are included. Causes and consequences of elder abuse depend on the context: in institutions inadequate training and lack of resources are important risk factors whereas in the families above all the problems of caregiver overload, biographical aspects and neglect by relatives are to be considered. Stress, burnout, and exaggerated self-demands can be found in both areas. The emotional importance of family relationships must be especially taken into account. The common antagonism between perpetrator and victim cannot be applied to abusive care-giving situations.

Keywords: Elder abuse, Care-giving, Institutions, Family

Anschrift des Autors:

a. o. Univ.-Prof. Dr. Josef Hörl
Institut für Soziologie
Universität Wien
Rooseveltplatz 2, A-1090 Wien
josef.hoerl(at)univie.ac.at

 






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