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IMABE-Stellungnahme: Gallup-Umfrage zu Suizidbeihilfe ist methodisch problematisch

Lesezeit: 04:07 Minuten

Die Gallup-Umfrage zum assistierten Suizid blendet Alternativen wie Palliativversorgung aus. Die Fragestellungen sind teilweise suggestiv, die politischen Schlussfolgerungen durch die Daten nicht gedeckt.

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Laut einer am 29.10.2026 veröffentlichten Gallup-Online-Umfrage unter 1.000 Erwachsenen in Österreich können sich 53 Prozent der Befragten vorstellen, einen assistierten Suizid in Anspruch zu nehmen. 19 Prozent lehnen dies ab, 24 Prozent haben dazu noch keine dezidierte Meinung. 64 Prozent würden eine entsprechende Entscheidung eines Familienmitglieds akzeptieren. Eine auf Wunsch zusätzliche, fachlich qualifizierte Begleitung durch Organisationen oder Vereine halten 88 Prozent für wichtig oder eher wichtig. Die Online-Befragung wurde zwischen 30. September und 15. Oktober durchgeführt und repräsentiert laut Gallup die webaktive österreichische Bevölkerung.

IMABE nimmt dazu wie folgt Stellung:

Die Gallup-Umfrage zum assistierten Suizid weist erhebliche methodische Mängel auf. Die Fragestellungen sind teilweise suggestiv, blenden wesentliche Entscheidungsalternativen aus, und aus den Ergebnissen werden weitreichende politische Schlussfolgerungen gezogen, die durch die erhobenen Daten nicht gedeckt sind. Die Zustimmung zu einer professionellen Begleitung durch spezialisierte Vereine ist kein Beleg für einen gesellschaftlichen Auftrag zur staatlichen Finanzierung.

Frage blendet Alternativen aus

Kritisch zu sehen ist insbesondere die Frage nach der persönlichen Bereitschaft zum assistierten Suizid. Sie lautete: „Könnten Sie sich persönlich vorstellen, Sterbehilfe bzw. Assistierten Suizid in Anspruch zu nehmen?“ Zum einen fasst sie unterschiedliche Handlungen in einem Begriff zusammen. Eine Focus-Austria-Umfrage unter 2.002 Personen hatte 2021 die Begriffe zuvor erklärt und kam auf 58 Prozent Zustimmung zu indirekter und ebenso zu passiver Sterbehilfe, aber nur auf 35 Prozent bei der Beihilfe zum Suizid und 31 Prozent bei aktiver Sterbehilfe. Zum anderen wird die Frage isoliert gestellt, ohne auf eine hochwertige Schmerztherapie und flächendeckende Palliativversorgung als Alternativen hinzuweisen. Damit wird möglicherweise weniger die Zustimmung zur Suizidassistenz als vielmehr die Angst vor einem qualvollen Sterben erfasst, bei dem man alleingelassen wird.

Laut der Focus-Austria-Umfrage 2021 befürchteten 73 Prozent der Österreicher Missbrauch bei der Beihilfe zum Suizid, auch bei gesetzlicher Regelung (Bioethik aktuell, 1.7.2021). Diese Sorge, ebenso wie der mögliche soziale oder wirtschaftliche Druck auf ältere und kranke Menschen, kommt in der Gallup-Frage nicht vor.

Wo Alternativen bekannt sind, sinkt die Zustimmung

Wie stark Alternativen das Ergebnis verändern können, zeigt eine im September 2021 im Auftrag der Deutschen Akademie für Suizidprävention (DASP) durchgeführte INFAS-Umfrage unter 1.023 Personen in Deutschland. Ohne Nennung einer Alternative befürworteten fast 70 Prozent, dass einer schwer kranken, bald sterbenden Person ein tödliches Medikament übergeben wird, das sie selbst einnimmt. Wurde zusätzlich eine Behandlung angeboten, die die Schmerzen bis zum Tod deutlich lindert, sank die Zustimmung auf 31 Prozent (Bioethik aktuell, 9.12.2022). Diese Frageformulierung ist erheblich differnezierter als jene der Gallup-Umfrage.

Qualitativ hochwertige Begleitung geht auch ohne Sterbehilfe-Vereine

Die hohe Zustimmung zur professionellen Suizidbegleitung ist ebenfalls kritisch zu bewerten. Die Frage lautete: „Im Rahmen des Sterbeverfügungsgesetzes kann die Unterstützung bei der Vorbereitung und Durchführung eines assistierten Suizids auch durch Angehörige oder andere Privatpersonen erfolgen. Wie wichtig ist es aus Ihrer Sicht, dass sterbewillige Menschen auf Wunsch zusätzlich eine fachlich qualifizierte und nach verbindlichen Qualitätsstandards arbeitende Begleitung durch spezialisierte Organisationen oder Vereine in Anspruch nehmen können?“ Gefragt wurde somit nach einer zusätzlichen Begleitung. Als Alternative nennt die Frage jedoch nur Privatpersonen, nicht Palliativ- und Hospizversorgung, und die gewünschte Eigenschaft der Begleitung – fachlich qualifiziert, verbindliche Qualitätsstandards – ist bereits Teil der Fragestellung.

Niemand wird in einer Umfrage angeben, dass eine Begleitung unqualifiziert oder ohne Qualitätsstandards ablaufen soll. Daraus lässt sich aber weder die Notwendigkeit privater Sterbehilfevereine noch deren öffentliche Finanzierung ableiten. Vielmehr muss auch die staatliche Verantwortung für den Ausbau der Palliativ- und Hospizversorgung berücksichtigt werden.

Interessengeleitete Verwendung der Ergebnisse?

Auffällig ist zudem, dass die Österreichische Gesellschaft für ein Humanes Lebensende (ÖGHL) die Umfrageergebnisse unmittelbar als Argument für eine stärkere öffentliche Finanzierung ihrer Tätigkeit heranzieht – ein klassisches Beispiel für interessengeleitetes Agenda-Setting, denn laut Gallup ist die Organisation nur 17 Prozent der Befragten bekannt. Auch die Schweizer Organisation Dignitas (31 Prozent) und die Deutsche Gesellschaft für Humanes Sterben (11 Prozent) erreichen vergleichsweise geringe Bekanntheitswerte.

Wissen über Möglichkeiten am Lebensende müssen gestärkt werden

Die Gallup-Erhebung zeigt vor allem eines: Der Informationsstand der Bevölkerung über die Möglichkeiten am Lebensende ist lückenhaft. Zwar haben 92 Prozent der Befragten bereits vom assistierten Suizid gehört, das Sterbeverfügungsgesetz kennen jedoch nur 53 Prozent; 59 Prozent wünschen sich mehr Informationen über die rechtlichen Rahmenbedingungen, rund die Hälfte schätzt den eigenen Informationsstand als weniger gut oder schlecht ein.

Das gilt allerdings nicht nur für den assistierten Suizid. Auch über Hospiz und Palliative Care sowie deren Möglichkeiten und rechtliche Rahmenbedingungen wissen viele Menschen zu wenig. (Bioethik aktuell, 11.11.2025)

Eine informierte gesellschaftliche Debatte über das Lebensende muss daher alle verfügbaren Möglichkeiten einbeziehen. Dazu gehören insbesondere eine gute Schmerztherapie, eine flächendeckende Hospiz- und Palliativversorgung und die psychosoziale Begleitung von Menschen in Krisen. Wer die Einstellungen der Bevölkerung erheben und daraus politische Forderungen ableiten will, muss diese Alternativen auch in den Fragestellungen berücksichtigen. Andernfalls entsteht ein verzerrtes Bild davon, was Menschen tatsächlich wollen und welche Unterstützung sie am Lebensende brauchen.

aktualisiert: 31.10.2026

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