Bioethik Aktuell

Geschlechtsdysphorie bei Jugendlichen: Ideologisierung verhindert adäquate Behandlung

Neue Begrifflichkeiten ohne „Sex“ sorgen für Verwirrung

Das biologische Geschlecht (Sex) wird zunehmend eliminiert: Statt von „transsexuellem Mann“ oder „transsexueller Frau“ zu sprechen, werden diese nun als "transgender" oder "transident" bezeichnet - Begriffe, die laut Psychiater Alexander Korte naturwissenschaftlich nicht haltbar sind.

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Der deutsche Sexualmediziner und Psychiater Alexander Korte warnt vor einer Sprachpolitik in der Medizin mit ideologischem statt medizinisch-wissenschaftlichem Hintergrund. Korte ist Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie mit Zusatzbezeichnung Sexualmedizin, hat einen Master im Fach Psychoanalytische Kulturwissenschaften und ist im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Sexualmedizin, Sexualtherapie und Sexualwissenschaft. Eine trans-affirmative Haltung und Pubertätsblockade bei Jugendlichen hält er aus medizin-ethischer Sicht für problematisch.

In der Medizin wurde seit der Veröffentlichung der ausführlichen S3-Leitlinien der Begriff „Trans*“ eingeführt, unter dem nun alles subsummiert würde, so Korte bei den 3. Salzburger Bioethik-Dialogen 2022. Während im ICD-10 noch andere Diagnosen wie „Sonstige Störung der Geschlechtsidentität“, „Sexuelle Reifungskrise“ oder „Sonstige psychosexuelle Entwicklungsstörung“ galten, wurden diese im ICD-11 ersatzlos gestrichen. Es ist nur noch die Rede von „Geschlechterinkongruenz“. Damit seien wichtige Differenzialdiagnosen weggefallen, betont der Münchner Psychiater. Von Lobbyisten außerhalb der Medizin werde inzwischen auch der Begriff „Patient_innen“ abgelehnt und mit „Behandlungssuchende“ ersetzt. Dies führe nach Einschätzung von Korte zu einer Bedeutungsverschiebung.

Im Gespräch mit IMABE-Bioethik aktuell zeigte sich der Psychiater angesichts dieser fragwürdigen Entwicklung besorgt: Sie erleichtere nämlich die Übernahme von Definitionsmacht durch „Therapeuten“ außerhalb der Medizin, deren Beratungsberechtigung sich bloß auf eigene „Erfahrungen“ berufen. Kenntnisse der Grundlagen und klinischen Symptomatik mit Anatomie, Pathophysiologie, Labor und Diagnostik sowie Therapieerfahrung fallen in der außermedizinischen Beratung weg. Damit würden Faktoren wie somatische Beeinträchtigungen in der heiklen Frage der Geschlechterdysphorie völlig ausgeblendet.

Viele Diagnose-Kriterien sind entfallen oder wurden zusammengefasst

Erschwert wird die augenblickliche Situation durch Änderungen der internationalen Diagnose-Kriterien. Bisherige diagnostische Entitäten sind weggefallen oder wurden zusammengefasst. Erschwert wird dadurch die Behandlung von wirklich betroffenen Kindern und Jugendlichen.

Vermehrt werden Patienten ohne jeglichen klinischen Leidensdruck in der Klinik vorgestellt. Sie unterscheiden sich von der seit Jahren bekannten Geschlechtsdystrophie darin, dass ein Zeitgeistphänomen im Spiel ist, so Korte. Für Jugendliche kann das Trans-Outing als eine Art Sinnangebot in aussichtloser Situation dienen. Dadurch wird Aufmerksamkeit erlangt, der Status des Besonderen erreicht. Es bietet einem bislang als Außenseiter wahrgenommenen Jugendlichen als trans-Menschen die vermisste Anerkennung.  In westlichen Ländern würde die Herauslösung von Transsexualität aus jeglichem klinischen Kontext letztlich dazu führen, dass die Kosten für eine Behandlung nicht von der Sozialversicherung übernommen werden. Auch kulturell können Besonderheiten auftreten: Teheran etwa sei derzeit die Stadt mit den meisten Geschlechtsumwandlungen auf der Welt. Grund: Trans-Sexualität gilt im Islam als Krankheit, Homosexualität als Sünde.

Ohne gründliche Diagnostik führen verfrühte Therapien ins Dilemma

Wenig hilfreich seien nach Korte Skandale aus jüngster Zeit, die es um Spezialkliniken für Geschlechtsdysphorie wie etwa die Londoner Tavistock Klinik gegeben hat (Bioethik aktuell, 10.8. 2022). Kinder wurden dort zu schnell, ohne Qualitätssicherung und entsprechende psychologische Abklärung oder Alternativangebote hormonell mit Pubertätsblockern behandelt. Wird zu früh oder mit falscher Indikation behandelt, kann für die Betroffenen kein dauerhaft zufriedenstellendes Ergebnis erzielt werden, betont der Jugendpsychiater, der seit 20 Jahren an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie der Ludwig-Maximilians-Universität München mit GD-Patienten arbeitet. Er hält „trans“ für eine „Hype“ (Interview in der TAZ, online 2.5. 2022). Gefährdet seien heute im Gegensatz zu früher vor allem Mädchen: 85 Prozent der als „trans“ Identifizierten sind weiblich. Dabei handle es sich laut Korte um ein „internationales Phänomen“. So stieg in Schweden die Diagnosehäufigkeit bei 13- bis 17-jährigen Mädchen von 2008 bis 2018 laut Korte um 1.500 Prozent (Bioethik aktuell, 11.6.2022).

Es gibt keinen falschen Körper und auch keine rein weiblich oder männliche Seele

Korte stellte das Narrativ „Im falschen Körper geboren zu sein“ – als eine falsche Rede dar. „Was ist ein falscher Körper?“, Und: „Was ist eine weibliche oder männliche Seele ohne weiblichen oder männlichen Körper?“ Grundlegend sei für dieses Narrativ eine dualistische Auffassung von Leib und Seele nötig, wonach das eine nichts mit dem anderen zu tun habe. Naturwissenschaftlicher Fakt ist, dass die Geschlechtsbinarität aufgrund des universellen genetischen Codes vom Apfelbaum über den Frosch bis zum Elefanten gelte. In der Biologie gebe es weder eine „Vielfalt der Geschlechter“ noch ein „drittes Geschlecht“, so der Sexualmediziner. Die unterschiedlichen Verlaufsformen von Geschlechtsdysphorie in Kindesalter, Adoleszenz und Erwachsenenalter werden nach seiner Auffassung überwunden, indem sie in einer homo- oder heterosexuellen Identitätsfindung endet.

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