Bioethik Aktuell

Krankmacher Einsamkeit: Public Health-Experten fordern Strategien gegen soziale Isolation

Zahl der Alleinlebenden steigt: Jeder dritte Privathaushalt in Österreich ist "Single"

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Der demografische Wandel deutet darauf hin, dass Vereinsamung zunehmen wird. In Anbetracht der negativen Auswirkungen der Einsamkeit auf die Gesundheit und die Lebenserwartung unterstreichen Experten die Dringlichkeit, Einsamkeit als wichtiges Thema der öffentlichen Gesundheit zu behandeln. Es sollte daher politische Priorität haben, so der Appell einiger Public Health-Forscher im Editorial des British Medical Journal (2022; 376 DOI: 10.1136/bmj.o280, Published 09 February 2022).

Zahlreiche Studien haben gezeigt, dass Einsamkeit die Wahrscheinlichkeit für Krankheiten erhöhen kann. Neben Depressionen und Angsterkrankungen sind das Herzinfarkt, Schlaganfall, Krebs, Demenz und Alzheimer (vgl. Bioethik aktuell, 3.6.2019). Erst kürzlich zeigte eine prospektive Kohortenstudie, publiziert in JAMA Network Open (2022;5(2):e2146461. doi:10.1001/jamanetworkopen.2021.46461), dass soziale Isolation und Einsamkeit bei postmenopausalen Frauen mit einer signifikanten Erhöhung des kardiovaskulären Erkrankungsrisikos um mehr als 25 Prozent assoziiert sind.

Roger O’Sullivan vom Institute of Public Health in Dublin weist im BMJ-Editorial darauf hin, dass das Problem der Einsamkeit auch bei jüngeren Menschen anzutreffen ist. Das Gesundheitswesen müsse dies berücksichtigen und Ansätze gegen Einsamkeit verfolgen, die sich über die gesamte Lebensspanne erstreckten (vgl. Deutsches Ärzteblatt, online 3.3.2022). Menschen sind soziale Wesen, die sinnspendene Beziehungen brauchen. O’Sullivan und seine Kollegen definieren Einsamkeit als eine subjektive negative Erfahrung, wenn sinnstiftende Beziehungen fehlen (vgl. Lancet (published: January 11, 2020 DOI:https://doi.org/10.1016/S0140-6736(19)32533-4).

Eine Wissenschaftlergruppe der Universität von Sydney veröffentlichte ebenfalls im BJM 2022 eine Metastudie, in der sie 57 Beobachtungsstudien aus 113 Ländern zum Thema Einsamkeit aus den Jahren 2000 bis 2019 analysierten. Es zeigte sich, dass Einsamkeit in vielen Ländern stark verbreitet und ein ernstes Gesundheitsproblem darstellt. Es brauche allerdings mehr Forschung, um die noch unzureichend geklärten Zusammenhänge zwischen Einsamkeit, Krankheiten und soziale Folgen besser zu verstehen und entsprechend intervenieren zu können, so die Autoren (vgl. BMJ 2022; DOI: 10.1136/bmj-2021-067068).

Eine US-Metastudie hatte gezeigt, dass Menschen mit funktionierenden sozialen Interaktionen seltener an vielen Krankheiten leiden. Gute soziale Verbindungen und Vertrauen in andere Menschen stellen sich als protektiv heraus und stärken das Immunsystem (vgl. Bioethik aktuell, 13.4.2015). Welche Maßnahmen Gesundheitssysteme hinsichtlich des Problems der Einsamkeit ergreifen können, zeigte ein 350-seitiger Report auf, der 2020 im Auftrag der AARP Foundation erschien, die sich für ältere Menschen einsetzt (Social Isolation and Loneliness in Older Adults: Opportunities for the Health Care System. The National Academies Press 2020,  https://doi.org/10.17226/25663).

Die Briten führten 2018 als erstes Land ein Einsamkeitsministerium ein, die Japaner folgten 2021. Österreichs Regierung lud 2020 zu einem Runden Tisch „Pakt gegen Einsamkeit“ - strategische Umsetzungen blieben jedoch aus (vgl. Kathpress, 16.1.2022), ähnlich lautet die Kritik an der Ankündigungspolitik in Deutschland (vgl. Deutschlandfunk, 18.1.2022).  

In Österreich leben mehr als 1,5 Millionen Menschen alleine, das ist mehr als jeder dritte Privathaushalt (vgl. Statistik Austria, 18.3.2022). Der Anteil der Alleinlebenden an der Bevölkerung in Privathaushalten erhöhte sich seit 1985 von 10,3 auf 17,3 Prozent. Der Anteil der alleinlebenden Frauen ist zwischen 1971 und 2020 auf 18,5% angestiegen.

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