Immer mehr junge Menschen haben eine klare Vorstellung darüber, welche Diagnose sie haben könnten – oder haben möchten –, bevor sie einen klinischen Psychologen aufsuchen. Das berichten mehr als 90 Berufspsychologen in Österreich in einer kürzlich publizierten Studie der Karl Landsteiner Universität. Einen wesentlichen Anteil an dieser Entwicklung tragen soziale Medien wie TikTok, Online-Foren und digitalen Communities, heißt es in der Studie.
ADHS und Autismus sind die neuen Wunschdiagnosen
73 Prozent der Psychologen gaben an, Selbstdiagnosen bei Patienten heute häufiger oder deutlich häufiger zu erleben als früher. Bei Wunschdiagnosen – also dem expliziten Wunsch nach einer bestimmten Diagnose – berichteten 75 Prozent der Fachleute einen Anstieg. 88 Prozent der Befragten berichteten, dass sich Patienten häufig eine ADHS-Diagnose wünschen, mehr als 66 Prozent eine Autismus-Spektrum-Störung (ASS).
Beide Diagnosen haben in den vergangenen Jahren eine erhebliche Entstigmatisierung erfahren, erklärt Co-Autorin Verena Steiner-Hofbauer im Wissenschaftsmagazin Psychiatry Advisor. Sie würden unter dem Oberbegriff „Neurodiversität“ diskutiert, wobei ADHS und Autismus-Spektrum-Störungen in sozialen Medien nicht selten als besondere Begabungen oder „Superkräfte“ gerahmt werden.
Das hat allerdings auch eine Kehrseite. „Die meisten populären Videos vermischen allgemeine Alltagserfahrungen mit ADHS, überzeichnen Verhalten oder verbreiten unbelegte Tipps. Humor und inszenierte ‚Relatability‘ (‚Nachvollziehbarkeit‘) sorgen zwar für Reichweite, verzerren aber das Krankheitsbild“, heißt es in einer weiteren Veröffentlichung des Forschungszentrums für Transitionspsychologie an der Karl Landsteiner Universität.
Fehlerhafte Selbstdiagnosen kosten viel Zeit
Soziale Medien gehören zu den am häufigsten genutzten Quellen für die Suche nach Informationen zur psychischen Gesundheit. TikTok wird derzeit mit einer Flut von vielgeklickten Inhalten und Fehlinformationen zum Thema ADHS überschwemmt. Forscher sprechen von einem „Desinformationschaos“ (Eur Child Adolesc Psychiatry, 2025). Videos dem Hashtag #ADHS auf TikTok verzeichnen über 28 Milliarden Aufrufe. Für die klinische Praxis hat das spürbare Folgen.
Psychologen berichten von einem Wandel in der Arzt-Patienten-Beziehung. Patienten kämen oft mit umfangreichen Hintergrundinformationen, die sie aus sozialen Medien, Online-Selbsttests oder den Meinungen von Freunden oder Familienmitgliedern gesammelt hätten. Eine typische Anfrage per Mail laute dann in etwa so: „Ich leide schon seit Jahren an ADHS und Autismus. Ich habe alle Online-Screenings gemacht und möchte jetzt nur noch eine Bestätigung.“ Laut Studien liegt der Vorhersagewert bei Online-Selbstbeurteilungs-Fragebögen für ADHS allerdings bei nur 20 Prozent (Front Psychiatry 2026).
Ein gemeinsames, ergebnisoffenes Erkunden der Hintergründe sei in der Folge nur eingeschränkt möglich, heißt es in der Studie. Viele Psychologen berichten auch davon, dass Hilfesuchende im ersten diagnostischen Gespräch, das üblicherweise vor einer Therapie stattfindet, die standardisierten Fragebögen auf das von ihnen gewünschte Ergebnis hin ausfüllen. Für die Psychologen entsteht ein erheblicher Mehraufwand: Drittmeinungen müssen bei Eltern, in der Schule oder durch Gutachten eingeholt werden.
Warum der Wunsch nach einer Diagnose?
Eine internationale Übersichtsarbeit, die Daten von 2020 bis 2024 auswertete, zeichnet ein bemerkenswertes Bild: Die tatsächliche Prävalenz von ADHS scheint weltweit nicht signifikant angestiegen zu sein, wohl aber die Nachfrage nach Diagnostik (Deutsches Ärzteblatt, 2025). Das wirft eine zentrale Frage auf: Warum suchen so viele Menschen eine Diagnose, wenn die Störung selbst nicht häufiger geworden ist?
Zugehörigkeit zu einer Community stärkt den Status
Gerade im frühen Erwachsenenalter, einer Phase voller Unsicherheit und Selbstsuche, bietet ADHS als stabiles Wesensmerkmal im Sinne der Neurodiversität ein klares Selbstkonzept. Hinzu kommt der soziale Aspekt: Die Identifikation mit einer Diagnose öffnet die Tür zu Online-Communities, ermöglicht Zugehörigkeit und verschafft innerhalb dieser Gruppen Status und Glaubwürdigkeit. In der Forschung spricht man mittlerweile sogar von psychiatrischen Diagnosen als „Statussymbolen der Generation Z“. Bei jungen Menschen gehe es dabei weniger um den Wunsch nach Therapie oder Medikamenten, sondern um tieferliegende psychologische und soziale Motive – und um Legitimität: um eine gesellschaftlich anerkannte Erklärung für persönliche Schwierigkeiten, die sich gegenüber Dritten schwer in Worte fassen lassen. Besonders anfällig für diese Dynamiken sind laut den österreichischen Psychologen junge Frauen mit höherem Bildungsniveau und starker Online-Aktivität.
Große Enttäuschung, wenn sich die Diagnose nicht bestätigt
Wer eine Diagnose als Identität erlebt, reagiert auf deren Nicht-Bestätigung nicht mit der Bereitschaft zur weiteren diagnostischen Erkundung, sondern ist zutiefst enttäuscht. Die befragten Kliniker berichten von Patienten, die in Tränen ausbrechen, die die Praxis nicht verlassen wollen, negative Bewertungen hinterlassen oder mit einer Klage drohen. Ein Kliniker beschreibt einen Vorfall, bei dem eine Kollegin ein Schimpfwort an ihre Bürotür gesprüht bekam, nachdem sie eine gewünschte Diagnose abgelehnt hatte.
Die Selbstverifikationstheorie der Psychologie erklärt dieses Phänomen: Menschen suchen nach externer Bestätigung ihrer inneren Überzeugungen. Wenn eine Diagnose zum Kern des Selbstbildes geworden ist, ist ihre Ablehnung keine medizinische Korrektur, sondern eine Infragestellung der eigenen Identität – was entsprechend intensive Reaktionen hervorruft. Das erklärt auch das sogenannte „Diagnose-Shopping“: Patienten suchen so lange verschiedene Kliniker auf, bis sie die gewünschte Diagnose erhalten und lernen dabei, welche Antworten zum Ziel führen.
Entstigmatisierung ja – unkritische Pathologisierung nein
Eine fachliche gute Online-Aufklärung zu psychischer Gesundheit hat ohne Zweifel ihren Wert: Sie senkt Hemmschwellen und kann Menschen den Weg in die Behandlung erleichtern. Doch gerade im Bereich Mental Health braucht es mehr Verantwortungsbewusstsein seitens der Content-Creator. Für das psychologische Fachpersonal liegt die Herausforderung darin, eine Balance zu halten zwischen berechtigter Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen und dem professionellen Umgang mit Erwartungen, Selbstdiagnosen und den dahinterliegenden Motiven.
Denn eines scheint offenkundig: Geringe Gesundheitskompetenz im Bereich ADHS kann zu einer leichtfertigen Suche nach Behandlungen führen, die auf falschen Vorstellungen beruht. Dies kann die Krise im Gesundheitswesen aufgrund des Mangels an ADHS-Diagnostik und -Behandlung zusätzlich verschärfen.